Fürth: Ein­schüch­te­rung als po­li­ti­sches Werk­zeug

1. Dezember 2012 | von | Kategorie: Politik

»Ach­tung Links­ex­tre­mi­stin« steht groß­ge­schrie­ben auf den Pla­ka­ten rund um ih­ren Ar­beits­platz, der Pe­sta­loz­zi-Schu­le. Dar­auf be­fin­det sich ein Fo­to der Spre­che­rin des »Für­ther Bünd­nis ge­gen Rechts« (BgR) und ein dis­kre­di­tie­ren­der Text.

Von Rechtsextremisten in Fürth im Jahr 2009 zerstörter Kleinbus (Foto: indymedia)

Von Rechts­ex­tre­mi­sten in Fürth im Jahr 2009 zer­stör­ter Klein­bus (Fo­to: in­dy­me­dia)

Die Pla­ka­te wur­den nachts von Un­be­kann­ten an­ge­bracht. Ver­ant­wort­lich für die ama­teur­haft ge­stal­te­ten Hetz­pla­ka­te zeich­net an­geb­lich die Kri­mi­nal­po­li­zei Fürth, ein ein­fäl­ti­ger Ver­such der tat­säch­li­chen Ver­fas­se­rIn­nen, ei­ni­ger­ma­ßen se­ri­ös zu er­schei­nen. Je­doch ist si­cher: Hin­ter der Tat stecken Ak­ti­vi­stIn­nen der »An­ti-An­ti­fa Nürn­berg« (AAN). Die­se kon­spi­ra­ti­ve Ver­ei­ni­gung exi­stiert schon seit An­fang 2001 un­ter wech­seln­den Na­men. Laut Ei­gen­an­ga­be ist es das Ziel, »ge­gen al­les po­li­tisch links ste­hen­de zu agie­ren« und »rich­tet sich ge­gen al­le lin­ke Per­so­nen, Struk­tu­ren al­ler Art und de­ren Un­ter­stüt­zer«.

Von 2004 an trat die AAN erst­mals im In­ter­net mit ei­ge­ner In­ter­net­prä­senz an die Öf­fent­lich­keit. Bis zu ih­rer er­zwun­ge­nen Ab­schal­tung 2008 wur­den auf der Sei­te über vier­zig Re­cher­che­be­rich­te ver­öf­fent­licht. Die­se hat­ten aus­schließ­lich dif­fa­mie­ren­den In­halt. Als Ver­ant­wort­li­cher für die Sei­te war der ame­ri­ka­ni­sche Neo­na­zi und Grün­der der »Na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Ar­bei­ter­par­tei Deutsch­land /Aufbauorganisation« (NSDAP/AO) Ga­ry Lauck, auf­ge­führt. Über 200 Men­schen wur­den dort teil­wei­se mit Na­men, Adres­se und Bild ver­öf­fent­licht. Ver­bun­den wa­ren die­se Ver­öf­fent­li­chun­gen mit ei­nem Auf­ruf zu Straf­ta­ten, sei­en es Sach­be­schä­di­gun­gen oder Kör­per­ver­let­zun­gen. Ne­ben Ge­werk­schaf­te­rIn­nen, Leh­re­rIn­nen und Jour­na­li­stIn­nen wa­ren vor al­lem ver­meint­li­che au­to­no­me An­ti­fa­schi­stIn­nen von den Ver­öf­fent­li­chun­gen be­trof­fen.

In den Jah­ren 2004–2009 ver­üb­ten Neo­na­zis et­li­che An­schlä­ge auf Woh­nun­gen, Häu­ser und Au­tos von An­ti­fa­schi­stIn­nen, v.a. in Fürth, Nürn­berg und Grä­fen­berg. Die Be­trof­fe­nen wur­den al­le­samt vor­her im In­ter­net auf der Sei­te der AAN ver­öf­fent­licht. In ei­nem Fall dran­gen tags­über so­gar meh­re­re Neo­na­zis in das Wohn­haus ei­ner an­ti­fa­schi­sti­schen Fa­mi­lie aus Fürth ein und be­sprüh­ten de­ren Ein­gangs­tü­ren mit Droh­pa­ro­len. In ei­nem an­de­ren Fall be­sprit­zen An­ti-An­ti­fa-Ak­ti­vi­stIn­nen das Wohn­haus ei­ner an­de­ren an­ti­fa­schi­sti­schen Fa­mi­lie aus Fürth mit schwar­zem Lack. Zu­dem wur­den meh­re­re Au­tos zer­stört (Schei­ben ein­ge­schmis­sen, Rei­fen zer­sto­chen und mit Far­be be­sprüht) und die Ge­werk­schafts­häu­ser des DGB und der GEW an­ge­grif­fen.

Seit No­vem­ber 2011 häu­fen sich die neo­na­zi­sti­schen An­schlä­ge in der mit­tel­frän­ki­schen Re­gi­on er­neut. Kurz nach der Haft­ent­las­sung des FNS-Ka­ders Mat­thi­as Fi­scher wer­den wie­der Au­tos, Häu­ser und In­fo­lä­den an­ge­grif­fen. Der qua­li­ta­ti­ve Hö­he­punkt der rech­ten Ge­walt stellt da­bei der Brand­an­schlag auf das Au­to ei­ner an­ti­fa­schi­sti­schen Fa­mi­lie in Fürth dar. In Fürth ver­ur­sach­ten die Neo­na­zis seit 2007 mitt­ler­wei­le ei­nen Sach­scha­den von weit über 40.000 €.

rechtsradikaler Farbanschlag auf die Wohnungen von Fürther Familien (Foto: privat)

rechts­ra­di­ka­ler Farb­an­schlag auf die Woh­nun­gen von Für­ther Fa­mi­li­en (Fo­to: pri­vat)

Seit der Ab­schal­tung der AAN-In­ter­net­prä­senz wer­den die »Anti-Antifa«-Berichte auf der Sei­te des »Frei­en Netz Süd« (FNS) ver­öf­fent­licht. Die Neo­na­zis stel­len mitt­ler­wei­le nur Men­schen mit Na­me und Fo­to ins Netz, von de­nen sie aus­ge­hen, dass die­se Per­so­nen des öf­fent­li­chen In­ter­es­ses sind. Als Au­tor der Bil­der ist meist »Kai Zim­mer­mann« an­ge­ge­ben. Bei ihm han­delt es sich um den »An­ti-An­ti­fa«- Ak­ti­vi­sten Kai-An­dre­as Zim­mer­mann aus Fürth. Die­ser fun­giert auf De­mon­stra­tio­nen ne­ben den be­kann­ten Nürn­ber­ger »Anti-Antifa«-Fotografen/Filmern Se­ba­sti­an Schmaus (Stadt­rat der Bür­ger­initia­ti­ve Aus­län­der­stopp Nürn­berg) und Mi­cha­el Rein­hardt im­mer wie­der als Fil­mer von Ge­gen­de­mon­stran­tIn­nen. Vi­deo­bil­der und Fo­tos die von den Schmaus, Zim­mer­mann und Rein­hardt auf­ge­nom­men wur­den, er­schei­nen we­ni­ge Ta­ge spä­ter dann auch auf der In­ter­net­sei­te des FNS. Zu den Köp­fen der »An­ti-An­ti­fa« ge­hö­ren auch die füh­ren­den FNS-Ak­ti­vi­sten Nor­man Kemp­ken aus Nürn­berg und Mat­thi­as Fi­scher aus Fürth. Kemp­ken zähl­te schon in den 90er Jah­ren zu den ak­tiv­sten An­ti-An­ti­fa Ak­ti­vi­stIn­nen bun­des­weit und war maß­geb­lich an der Er­stel­lung des 1993 er­schie­ne­nen »Ein­blick« be­tei­ligt, ei­ne Zeit­schrift in der et­li­che Na­men und Adres­sen von An­ti­fa­schi­stIn­nen und In­fo­lä­den der gan­zen BRD auf­ge­führt wur­den. Im Ein­blick wur­de auch das Ziel der »An­ti-An­ti­fa« klar for­mu­liert: »die end­gül­ti­ge Zer­schla­gung von An­ar­chos, Rot-Front und An­ti­fa« und gleich­zei­tig die »Aus­schal­tung al­ler de­struk­ti­ven, an­ti­deut­schen und an­ti­na­tio­na­li­sti­schen Kräf­te in Deutsch­land«

Das Be­stre­ben der AAN ist klar, es geht um die Ein­schüch­te­rung und Dif­fa­mie­rung an­ti­fa­schi­stisch ak­ti­ver Men­schen. Die Neo­na­zis las­sen da­bei we­ni­ge Straf­ta­ten aus um den po­li­ti­schen Feind zu be­kämp­fen: Von Sach­be­schä­di­gung über schwe­re Brand­stif­tung bis hin zur ge­fähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung. Ge­gen sol­che Dif­fa­mie­rungs­kam­pa­gnen der Neo­na­zis ist vor al­lem So­li­da­ri­tät und an­ti­fa­schi­sti­sche Auf­klä­rungs­ar­beit wich­tig.

Bei­spie­le für er­folg­rei­che an­ti­fa­schi­sti­sche So­li­da­ri­tät gibt es vie­le. Nach­dem die Schei­ben im lin­ken »In­fo­la­den Be­n­a­rio« von Neo­na­zis ein­ge­schmis­sen wur­den, gab es zwei Ta­ge spä­ter ei­ne kurz­fri­stig or­ga­ni­sier­te So­li­da­ri­täts-De­mon­stra­ti­on, an der über 500 Men­schen teil­nah­men. Nach dem Brand­an­schlag auf das Au­to ei­ner an­ti­fa­schi­sti­schen Fa­mi­lie, bei dem ein Sach­scha­den von meh­re­ren tau­send Eu­ro ent­stand, wur­de ein Spen­den­kon­to ein­ge­rich­tet, wel­ches den ent­stan­de­nen Scha­den schnell deck­te.

In ih­rem Ar­ti­kel »Neue At­tacke von Neo­na­zis in Fürth?« vom 29.11.2012 zi­tie­ren die Für­ther Nach­rich­ten den Lei­ter der Schu­le, an dem die Spre­che­rin des BgR an­ge­stellt ist, wie folgt: »Laut Bau­er hat die Schu­le schnell re­agiert und den Kin­dern und Ju­gend­li­chen ei­nen Brief mit nach Hau­se ge­ge­ben, in dem sich Schul­lei­tung und Kol­le­gen hin­ter Bren­ner stel­len, der sie ei­ne ‘au­ßer­or­dent­lich en­ga­gier­te Be­rufs­aus­übung’ be­schei­ni­gen.«

Auf der In­ter­net­sei­te des a.i.d.a.-Archivs wird es dem­nächst ei­nen aus­führ­li­chen Ar­ti­kel zum Phä­no­men An­ti-An­ti­fa ge­ben.

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