Kaf­fee­zau­be­rer

12. Oktober 2016 | von | Kategorie: Kultur

Hel­mut Ha­berkamm und sein neu­er Ro­man Das Kaf­fee­haus im Aisch­grund sind hier ein paar Zei­len wert! Die Rah­men­hand­lung: Der Bau­ern­sohn Mi­cha­el Weg­mann wan­dert nach Ame­ri­ka aus und kehrt 1867 als wohl­ha­ben­der und »ge­reif­ter« Mann in sei­nen Ge­burts­ort Pep­pen­höch­städt zu­rück. Ent­ge­gen den all­ge­mei­nen Er­war­tun­gen ent­wickelt sich sein neu­es Kaf­fee­haus zu ei­nem re­gio­na­len An­zie­hungs­punkt. »Ge­sell­schaft­li­che Um­brü­che wie per­sön­li­che Tra­gö­di­en wer­fen je­doch im­mer wie­der ih­re Schat­ten auf den Ort, an dem Ge­schich­te und Ge­schich­ten sich tref­fen.« – Mit deut­li­chem Schwer­punkt auf Letz­te­rem, wie ich vor­weg­neh­men will.

Helmut Haberkamm (Foto: Andreas Riedel)

Hel­mut Ha­berkamm (Fo­to: An­dre­as Rie­del)

Und wei­ter heißt es im Klap­pen­text: »Ein Ro­man über die Schön­heit der Hei­mat, die Kraft ei­nes Au­ßen­sei­ters und die Zer­brech­lich­keit des Glücks«. Und Lek­tor El­mar Tan­nert er­gänzt auf der Rück­sei­te des Um­schlags: »In Hel­mut Ha­berkamms Ro­man ent­fal­tet der Kaf­fee sei­ne Wir­kung auch auf halb ver­ges­se­nen schlum­mern­den Ge­schich­ten und An­ek­do­ten des Aisch­grunds, er­weckt sie und gibt ih­nen mit dem Kaf­fee­haus ei­nen Ort, an dem sie neu er­strah­len. Ein Ro­man vom Ver­lie­ren, Su­chen und Wie­der­ent­decken der Hei­mat.«

Hel­mut Ha­berkamm, Jahr­gang 1961 und mehr­fach für sei­ne frän­ki­sche Poe­sie aus­ge­zeich­net, schreibt zu­meist im Dia­lekt, wie schon die Ti­tel sei­ner Bü­cher ver­ra­ten, die so sinn­fäl­li­ge Ti­tel wie »Fran­kn lichd nedd am Meer« und »Uns schiggd der Himml« tra­gen. Des­we­gen ist der Le­ser über­rascht, dass sich sein neu­er Ro­man ab­ge­se­hen von Zi­ta­ten des Hoch­deut­schen be­dient. Aber der Sinn des Kunst­grif­fes wird schnell deut­lich: Er dient da­zu, die wie an ei­ner Per­len­ket­te an­ein­an­der­ge­reih­ten frän­ki­schen Be­zeich­nun­gen, Sinn­sprü­che und Re­de­wen­dun­gen um so mehr glän­zen zu las­sen, man schmilzt ge­ra­de­zu da­hin.

Der Für­ther Ar­min Stingl ge­stal­te­te den Um­schlag des Bu­ches, der un­ter an­de­rem ei­ne ei­nem Aqua­rell äh­neln­de Zeich­nung ei­nes frän­ki­schen Dor­fes zeigt, be­schrif­tet mit »Pep­pen­hös­chert« und ver­se­hen mit dem Si­gnet Al­brecht Dü­rers. Der er­ste Blick mag dies be­stä­ti­gen, erst beim zwei­ten oder viel­leicht drit­ten kom­men dem Be­trach­ter zu­nächst die Schrift und dann das Bild spa­nisch vor. Das wie­der­um rührt da­her, dass das ver­meint­li­che Dü­rer-Aqua­rell vom uns nicht un­be­kann­ten An­ton At­zen­ho­fer stammt. Der ist zwar kein Spa­ni­er, aber auch kein Al­brecht Dü­rer. Man ist so­mit ge­warnt, be­vor die Netz­haut die er­ste ge­schrie­be­ne Zei­le aus dem Buch­in­nern an den Seh­nerv wei­ter­reicht.

Aber dem nicht ge­nug! Nie hät­te ich er­war­tet, dass un­ser Fürth in die­sem Ro­man ei­ne Rol­le spie­len könn­te. Weit ge­fehlt! Die er­ste Vor­ah­nung er­eilt uns, als der bi­bel­fe­ste Kauf­mann Nitz­bur­ger bei der Dis­kus­si­on über Scha­den und Nut­zen so­wie über die va­ter­län­di­sche Qua­li­tät von Kaf­fee Sa­mu­el 1, Vers 25 zur Hil­fe nimmt, in dem Kö­nig Da­vid ein Gast­ge­schenk von der schö­nen Abi­ga­il er­hält – leicht zu er­ra­ten, um was es sich han­del­te. Der Für­ther je­doch schreckt aus an­de­rem Grund auf, die heu­te kaum noch be­kann­te bi­bli­sche Abi­ga­il wird er­wähnt! Weiß nicht je­der Für­ther, dass das ein­zi­ge be­deu­ten­de Ge­mäl­de in öf­fent­li­chem Für­ther Be­sitz das Ge­mäl­de »Da­vid und Abi­ga­il« von Gio­van­ni Bat­ti­sta Tie­po­lo ist? – Na­ja, wohl Zu­fall, der Für­ther lehnt sich wie­der zu­rück.

Die Ge­schich­te lässt nicht los, ob­wohl die Cha­rak­te­re doch eher ober­fläch­lich blei­ben. Un­be­ein­fluss­ba­re Schick­sa­le be­stim­men das Le­ben mehr als Han­deln und Kom­mu­ni­ka­ti­on, manch­mal zer­fa­sert die Ge­schich­te in »Drum­her­um-Ge­schich­ten« (Baye­ri­scher Rund­funk), aber ir­gend­wie be­kommt Ha­berkamm im­mer wie­der die Kur­ve, das Buch bleibt in der Hand, liegt dort leicht und schwer zu­gleich.

Neuerscheinung 2016. (Umschlag: Armin Stingl, unter Verwendung einer Zeichnung von Anton Atzenhofer)

Neu­erschei­nung 2016. (Um­schlag: Ar­min Stingl, un­ter Ver­wen­dung ei­ner Zeich­nung von An­ton At­zen­ho­fer)

Im Jah­re 1899 er­scheint nun der größ­te Spin­ner der gan­zen Ge­schich­te auf der Büh­ne, nach dem Wink von Abi­ga­il braucht wohl nicht ge­son­dert er­wähnt zu wer­den, wo­her. »Bor­sten­zu­rich­ter­mei­ster a.D.« Ägi­di­us Zäng­lein stellt ei­ni­ge Zeit lang das Dorf auf den Kopf, gräbt nach ei­nem an­geb­li­chen Kel­ten­schatz, fa­bu­liert wort­reich über die Ge­schich­te der Ort­schaft und plant ei­ne 2500-Jahr Fei­er. Im­mer­hin 26 Sei­ten hält der Spuk an, bis Ägi­di­us Zäng­lein aus Fürth so plötz­lich ver­schwin­det, wie er auf­ge­taucht ist.

Nach vie­len wei­te­ren hüb­schen Ge­schich­ten, aber auch Schick­sals­schlä­gen, taucht im Jah­re 1906 Ja­kob Was­ser­mann im in­zwi­schen re­gio­nal be­kann­ten Kaf­fee­haus auf. Ein gu­ter An­lass für Weg­mann und Ha­berkamm, wei­te­re denk­wür­di­ge Er­zäh­lun­gen an­ein­an­der­zu­rei­hen. »Sie müs­sen die­se wun­der­ba­ren Ge­schich­ten un­be­dingt auf­schrei­ben und auf­he­ben für die Nach­welt, wer weiß, ei­nes Ta­ges kommt viel­leicht je­mand und ver­faßt ei­nen Ro­man dar­über«, soll Was­ser­mann da­zu ge­meint ha­ben... Bei je­dem an­de­ren Au­tor hät­te ich schmerz­er­füllt auf­ge­stöhnt, nicht bei Ha­berkamm. Spä­ter schreibt Was­ser­mann ei­nen Brief an Weg­mann und legt dem auch ein Ma­nu­skript ei­ner Er­zäh­lung oder ei­nes Auf­sat­zes bei, die im Ro­man voll­stän­dig zi­tiert wer­den und in de­nen be­son­ders dick auf­ge­tra­gen wird. Un­ter an­de­rem geht es um ein Aqua­rell Dü­rers von Pep­pen­höch­stadt, das Was­ser­mann ge­fun­den hat, und er ver­spricht Weg­mann, bei Ge­le­gen­heit ei­ne Ko­pie an­fer­ti­gen zu las­sen. Das hat dann zwar 110 Jah­re ge­dau­ert, aber Was­ser­manns Wort ist eben noch et­was wert.

Das Buch en­det in der eu­ro­päi­schen Ka­ta­stro­phe des Er­sten Welt­krie­ges, in dem der letz­te über­le­ben­de Sohn Weg­manns in der Som­me-Schlacht fällt und Weg­mann selbst ei­nes na­tür­li­chen To­des stirbt. Der En­kel lässt das Kaf­fee­haus ab­rei­ßen.

Was wür­de ein pro­fes­sio­nel­ler Li­te­ra­tur­kri­ti­ker da­zu sa­gen, dach­te ich mir bei der ge­nüss­li­chen Lek­tü­re im­mer wie­der, vor­aus­ge­setzt, dass er die­ses frän­ki­sche Mär­chen, die­se frän­ki­sche Mär­chen­samm­lung über­haupt als sa­tis­fak­ti­ons­fä­hig an­se­hen könn­te. – Nun, wir ge­hen die Sa­che ent­spannt an, wie mein­te Pau­lus: »Nun aber blei­ben Glau­be, Hoff­nung, Lie­be, die­se drei; aber die Lie­be ist die Größ­te un­ter ih­nen.« – Ha­berkamms Lie­be für die Hei­mat und den hei­mat­li­chen Dia­lekt ist wohl schwer zu über­tref­fen, er ist der Kaf­fee­zau­be­rer: »Die in­ne­re Stim­me ei­ner Land­schaft kann man hö­ren, den Geist ei­nes Or­tes spü­ren. Ih­re Ge­schich­ten kön­nen uns ver­wan­deln.« Wie heißt es in Fürth: Le­sen!

Hel­mut Ha­berkamm: Das Kaf­fee­haus im Aisch­grund. Ars Vi­ven­di, Ca­dolz­burg 2016. ISBN 978–3‑86913–721‑6. 320 Sei­ten.

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