Schnel­les Fürth

10. November 2014 | von | Kategorie: Wissen

Als Adolf Schwamm­ber­ger im Jah­re 1968 sein »Fürth von A‑Z« her­aus­gab, dach­te er si­cher­lich nicht, dass fast 50 Jah­re we­der ei­ne Über­ar­bei­tung noch ein neu­es ge­druck­tes Fürth-Le­xi­kon zu­stan­de kommt. Dies ist oder wä­re um so mehr ein Sta­chel im Fleisch ei­nes je­den Für­thers, als es seit ei­ni­gen Jah­ren ein un­zwei­fel­haft gu­tes Nürn­berg-Le­xi­kon des dor­ti­gen Stadt­ar­chivs gibt. Wenn die­ses Är­ger­nis lei­der nicht ganz un­ty­pisch für Fürth ist, so muss dies an­de­rer­seits seit ei­ni­ger Zeit nicht mehr groß be­dau­ert wer­den: Es gibt das Für­thWi­ki, das die­ses De­fi­zit mehr als wett macht. Der Na­me lei­tet sich ab von Fürth (Färdd) und von wi­ki (ha­wai­isch für »schnell«), man könn­te al­so mit ge­wis­ser Be­rech­ti­gung über­set­zen: »Schnel­les Fürth«.

Der neu gewählte Vorstand des Trägervereins von FürthWiki, von links nach rechts: Mark Muzenhardt, Kamran Salimi, Günter Scheuerer und Ralph Stenzel (Foto: Felix Geismann)

Der neu ge­wähl­te Vor­stand des Trä­ger­ver­eins von Für­thWi­ki, von links nach rechts: Mark Mu­zen­hardt, Kam­ran Sa­li­mi, Gün­ter Scheue­rer und Ralph Sten­zel (Fo­to: Fe­lix Geismann)

Aber nicht nur ört­li­chen Be­son­der­hei­ten der Für­ther Kul­tur­sze­ne wa­ren Ge­burts­hel­fer. Oh­ne die gro­ße Wi­ki­pe­dia und das ihr zu­grun­de­lie­gen­de, ge­nau­so er­staun­li­che wie re­vo­lu­tio­nä­re IT-Sy­stem Wi­ki wä­re es nicht da­zu ge­kom­men. Schon An­fang der 1990er Jah­re ent­stand in den USA die Idee ei­ner welt­wei­ten In­ter­net-En­zy­klo­pä­die, aber erst im März 2000 nahm sie Ge­stalt an und be­kam von ei­nem in Flo­ri­da an­säs­si­gen In­ter­net­un­ter­neh­men ent­spre­chen­den Webspace. Zu­nächst war es aber wie üb­lich als Re­dak­ti­ons­sy­stem or­ga­ni­siert und von da­her prin­zi­pi­ell den kon­ven­tio­nel­len Me­di­en nicht über­le­gen. Erst als die bei­den Grün­der auf das Wi­ki­sy­stem auf­merk­sam wur­den, kam der gro­ße Sprung nach vorn.

Von Wi­ki­pe­dia heißt es (üb­ri­gens zu­meist fe­mi­nin an­ge­spro­chen, eher sel­ten auch Neu­trum – um­ge­kehrt ist es beim/bei der Für­thWi­ki), theo­re­tisch kön­ne es nicht funk­tio­nie­ren; in der Pra­xis schlägt das selbst­or­ga­ni­sier­te Sy­stem je­doch in­zwi­schen je­de kon­ven­tio­nel­le En­zy­klo­pä­die. Ein Ar­ti­kel ent­steht durch ei­ne selbst­or­ga­ni­sier­te Grup­pe von Au­toren, die Au­toren ha­ben prin­zi­pi­ell glei­che Rech­te, den Ar­ti­kel­in­halt zu ge­stal­ten. Die Ad­mi­stra­to­ren mit ih­ren er­wei­ter­ten Edi­tier­rech­ten grei­fen nur sehr vor­sich­tig und be­däch­tig ein, und in der Re­gel nicht in­halt­lich. Es funk­tio­niert des­we­gen wi­der al­ler Vor­aus­sicht, weil er­stens das ge­mein­sa­me In­ter­es­se an ei­nem gu­ten Ar­ti­kel über­wiegt und sich zwei­tens bei der Ar­ti­kel­ar­beit sehr bald her­aus­kri­stal­li­siert, wer et­was zum The­ma bei­zu­tra­gen hat und wer eher nicht. Und die Mehr­heit schart sich zu­min­dest in der Wi­ki­pe­dia und in Für­thWi­ki hin­tern dem, der ei­ne Ah­nung hat.

Es ist er­staun­lich, wie schnell sich in der gro­ßen Wi­ki­pe­dia aus dem Ur­cha­os sta­bi­le Struk­tu­ren ent­wickel­ten. Der gro­ße Vor­teil ge­gen­über her­kömm­li­chen En­zy­kol­pä­di­en ist die Ak­tua­li­tät, das »Kon­troll­sy­stem der 1000 Au­gen« (in der Für­thWi­ki et­was we­ni­ger), der feh­len­de Re­dak­teur (der oft zur Auf­recht­erhal­tung sei­ner Au­to­ri­tät die Ar­beit be­hin­dert) und nicht zu­letzt die Ver­net­zung in den Ar­ti­keln: je­der Be­griff kann mit ei­nem wei­te­ren Ar­ti­kel zur Er­klä­rung ver­linkt wer­den, was man in der Wi­ki­pe­dia und in der Für­thWi­ki an der blau­en Hin­ter­le­gung des Be­grif­fes er­kennt (hier in der »Für­ther Frei­heit« sind die Links da­von ab­wei­chend in rot). Schon im Jah­re 2010 ur­teil­te das Nach­rich­ten­ma­ga­zin »Der Spie­gel«: »In­zwi­schen kann Wi­ki­pe­dia als ei­ne der be­deu­tend­sten Schöp­fun­gen des In­ter­net gel­ten.«

In Fürth gab es nicht ein­mal ei­ne kon­ven­tio­nel­le En­zy­klo­pä­die zu schla­gen, weil eben au­ßer dem ge­nann­ten, schon längst ver­grif­fe­nen und ver­al­te­ten »Fürth von A bis Z« nichts da ist. So­mit konn­te das am 7. Fe­bru­ar 2007 aus der Tau­fe ge­ho­be­ne (= on­line ge­gan­ge­ne) Für­thWi­ki in ei­ne Markt­lücke sto­ßen. Wie bei der Wi­ki­pe­dia gab es auch bei der Für­thWi­ki zwei Grün­dungs­vä­ter: der IT-Spe­zia­list Mark Mu­zen­hardt und Fe­lix Geismann, letz­te­rer schon aus fa­milä­ren Grün­den für im­mer und ewig un­rett­bar mit Fürth ver­bun­den. Mit der Zeit ent­stand ei­ne klei­ne, aber fei­ne Crew, die in­zwi­schen Er­staun­li­ches auf die Bei­ne ge­stellt hat. Über 6500 Ar­ti­kel und über 3000 Me­di­en­da­tei­en sind on­line, selbst die »Gro­ße Wi­ki­pe­dia« hat von Für­thWi­ki Kennt­nis ge­nom­men und wid­met ihm ei­nen ei­ge­nen Ar­ti­kel. In der Wi­ki­pe­dia er­fährt der ge­neig­te Le­ser auch, dass das Für­thWi­ki in­zwi­schen un­ter den 13 größ­ten deutsch­spra­chi­gen Re­gio­Wi­kis ran­giert. Das ist mehr als er­staun­lich, nimmt Fürth doch als Stadt in der Bun­des­re­pu­blik be­züg­lich der Ein­woh­ner­zahl ge­ra­de mal Rang 60 ein.

Die Au­toren in der Für­thWi­ki ar­bei­ten – ähn­lich in der Wi­ki­pe­dia – mit so­ge­nann­ten User- oder Be­nut­zer­na­men. Wie in der Wi­ki­pe­dia aus­drück­lich ge­re­gelt, so gilt in still­schwei­gen­der Über­ein­kunft auch in der Für­thWi­ki, dass den Be­ar­bei­tern ein Recht auf An­ony­mi­tät zu­steht. Al­ler­dings sind in der Für­thWi­ki man­che User­na­men so ge­hal­ten, dass die Iden­ti­tät un­schwer zu er­ra­ten ist. Das gilt wie­der­um nicht für den mit wei­tem Ab­stand flei­ßig­sten Be­ar­bei­ter »Doc Ben­dit«. Wei­te­re flei­ßi­ge Hel­fer sind »Ka­sa Fue«, »Red Roo­ster« und »Vid­icon«. Die ge­nann­ten sind auch mit dem User »FürthWikiAdmin_S« die­je­ni­gen mit er­wei­ter­ten Rech­ten als Ad­mi­ni­stra­to­ren.

Wer was in ei­nem Ar­ti­kel schreibt oder ge­schrie­ben hat, lässt sich leicht in der so­ge­nann­ten »Ver­si­ons­an­sicht« se­hen. Je­der Ar­ti­kel hat auch ei­ne Dis­kus­si­ons­sei­te, wo be­stimm­te As­pek­te es Ar­ti­kels be­spro­chen wer­den, oh­ne gleich in den Ar­ti­kel selbst ein­grei­fen zu müs­sen. In der Wi­ki­pe­dia gibt es hart um­strit­te­ne The­men, in der Än­de­run­gen am Ar­ti­kel ge­ne­rell erst nach Vor­dis­kus­si­on auf der je­wei­li­gen Dis­kus­si­ons­sei­te ak­zep­tiert wer­den. So ver­här­te­te Fron­ten ha­ben wir im Für­thWi­ki nicht. Wäh­rend es auf Wi­ki­pe­dia oft rü­de zur Sa­che geht und so­ge­nann­te »Edit-Wars« gang und gä­be sind, ist die Ar­beits­at­mo­sphä­re im Für­thWi­ki ent­spannt, ob­wohl die User eher sel­ten di­rekt Kon­takt mit­ein­an­der auf­neh­men.

Der Trä­ger­ver­ein Für­thWi­ki e.V. wur­de am 27. Ju­ni 2012 ge­grün­det, und hat­te kürz­lich, am 5. No­vem­ber 2014, sei­ne Jah­res­haupt­ver­samm­lung. Die neu ge­wähl­ten Vor­stän­de sind Mark Mu­zen­hardt, Gün­ter Scheue­rer, Kam­ran Sa­li­mi und Ralph Sten­zel. Das Ku­ra­to­ri­um be­steht aus dem Spre­cher und »Grün­dungs­va­ter« Fe­lix Geismann so­wie In­ge­lo­re Bart­hel­mäs und Ti­lo Sei­fert. Der Au­tor als Wi­ki­pe­dia-Ve­te­ran ließ ich sich auch nicht lan­ge bit­ten und bleibt wei­ter­hin Teil des Ku­ra­to­ri­ums.

Am kom­men­den 15. No­vem­ber 2014 sind nun al­le In­ter­es­sier­ten und Au­toren in die VHS Fürth, Hir­schen­stra­ße 27, Raum E.4 zu ei­nem Au­toren­tref­fen ein­ge­la­den. Der Vor­stand und das Ku­ra­to­ri­um er­war­ten zwar kei­ne un­über­seh­ba­ren Men­schen­mas­sen, aber ei­ne klei­ne, fei­ne Mann­schaft braucht sol­che Quan­ti­tä­ten auch nicht un­be­dingt...

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