Die On­line En­zy­klo­pä­die Wi­ki­pe­dia

22. Juni 2010 | von | Kategorie: Wissen

Bes­ser als der Brock­haus

Ent­spre­chend ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Um­fra­ge liegt Wi­ki­pe­dia auf Platz 4 der in­ter­na­tio­nal be­kann­te­sten Mar­ken, Tests be­le­gen: Wi­ki­pe­dia ist eher bes­ser als ko­sten­pflich­ti­ge On­line-En­zy­klo­pä­di­en wie Brock­haus oder so­gar die En­cy­clopæ­dia Bri­tan­ni­ca. Ge­ra­de Schü­ler grei­fen zu­nächst ein­mal auf Wi­ki­pe­dia zu­rück, wenn sie ein Re­fe­rat aus­ar­bei­ten. Was steckt hin­ter die­sem Er­folgs­kon­zept, wo sind die Pro­ble­me, wo die Chan­cen?

Wi­ki ist gleich schnell

Der Wiki-Wiki-Bus am Flughafen Honululu (Foto: Andrew Laing)

Der Wi­ki-Wi­ki Bus am Flug­ha­fen Ho­no­lu­lu. Der Soft­ware-Ent­wick­ler von Wi­ki wähl­te den Na­men für sein Pro­gramm, als er die­sen Bus sah.
(Fo­to: An­drew Laing, Wiki­me­dia Com­mons Li­zenz CC)

Die On­line-En­zy­klo­pä­die Wi­ki­pe­dia ba­siert auf dem Hy­per­text-Sy­stem Wi­ki (sie­he un­ten), das Wort setzt sich aus dem ha­wai­ischen Wort wi­ki für »schnell« und aus dem eng­li­schen »En­cy­clo­pe­dia« zu­sam­men. Die Ar­ti­kel wer­den von der welt­wei­ten Au­toren­ge­sell­schaft un­ent­gelt­lich er­stellt, die Au­toren kön­nen un­ter vol­lem Na­men (wie ich selbst), un­ter Pseud­onym oder nicht an­ge­mel­det ar­bei­ten, wo­bei die je­dem In­ter­net­nut­zer zu­ge­teil­te IP-Adres­se im­mer auf­ge­zeich­net wird. In ei­nem of­fe­nen Be­ar­bei­tungs­pro­zess hat Be­stand, was von der Ge­mein­schaft der Mit­ar­bei­ten­den ak­zep­tiert wird. Die Wi­ki­pe­dia ist ge­gen­wär­tig das meist be­nutz­te On­line-Nach­schla­ge­werk und ran­giert welt­weit auf Platz sie­ben der meist­be­such­ten Web­sites. Be­trei­ber ist die Wiki­me­dia Foun­da­ti­on, ei­ne Non-Pro­fit Or­ga­ni­sa­ti­on mit Sitz in San Fran­cis­co, die ne­ben Wi­ki­pe­dia – der mit Ab­stand be­kann­te­ste Wi­ki – auch an­de­re Wi­kis be­treibt, z.B. Wiki­me­dia Com­mons.

Hy­per­text-Struk­tur

Ba­sis der Ar­beit ist das Wi­ki, ein so­ge­nann­tes Hy­per­text-Sy­stem für Web­sei­ten. Wi­kis er­mög­li­chen das ge­mein­schaft­li­che Ar­bei­ten an Tex­ten, so­mit las­sen sich die Er­fah­rung und der Wis­sens­schatz der Au­toren zu­sam­men­zu­fas­sen (Stich­wort: Kol­lek­ti­ve In­tel­li­genz). Wi­kis set­zen im Un­ter­schied zu ge­nau ge­re­gel­ten Ar­beits­ab­läu­fen in Re­dak­ti­ons­sy­ste­men auf die Phi­lo­so­phie des of­fe­nen Zu­griffs. Die Än­der­bar­keit des Sy­stems durch je­der­mann setzt ei­ne ur­sprüng­li­che Idee des World Wi­de Web kon­se­quent um. In der Pra­xis ha­ben sich in der Wi­ki­pe­dia ver­schie­de­ne Kon­troll­me­cha­nis­men ent­wickelt. Wich­tig ist da­bei die Ver­si­ons­ver­wal­tung, die es den Be­nut­zern im Fall von Van­da­lis­mus und Feh­lern er­laubt, ei­ne frü­he­re Ver­si­on ei­ner Sei­te pro­blem­los wie­der­her­zu­stel­len.

Ein gro­ßer Vor­teil ge­gen­über Print­me­di­en ist die Mög­lich­keit von Quer­ver­wei­sen in­ner­halb der Wi­ki, das heißt die ver­schie­de­nen Ein­trä­ge kön­nen mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den. Das sieht in der Pra­xis so aus, dass im Text man­che Wör­ter oder Pas­sa­gen blau er­schei­nen. Klickt man die­ses Wort oder die­se Pas­sa­ge an, er­scheint ein neu­er Ein­trag, der die­sen Be­griff er­klärt.

Ei­ge­ne Er­fah­run­gen

Organisation der deutschsprachigen Wikipedia (Grafik: Ziko)

Or­ga­ni­sa­ti­on der deutsch­spra­chi­gen Wi­ki­pe­dia
(Gra­fik: Zi­ko, Wiki­me­dia Com­mons Li­zenz CC)

Als ich mich im De­zem­ber 2006 als Au­tor bei Wi­ki­pe­dia an­mel­de­te, woll­te ich ei­gent­lich nur den Ar­ti­kel »Schlacht an der Al­ten Ve­ste« kor­ri­gie­ren. Zu­vor hat­te ich Wi­ki­pe­dia schon häu­fig zu Ra­te ge­zo­gen, zu­meist war ich da­mit ziem­lich gut ge­fah­ren. Mitt­ler­wei­le ha­be ich fast 600 Be­ar­bei­tun­gen in der On­line-En­zy­klo­pä­die vor­ge­nom­men und wur­de des­we­gen als »Sich­ter« ein­ge­stuft, das ist in et­wa gleich­be­deu­tend mit ei­nem Lek­tor.

Wenn ich mor­gens mei­ne Rech­ner ein­schal­te, ge­he ich als er­stes mei­ne »Be­ob­ach­tungs­li­ste« in Wi­ki­pe­dia durch und schaue die ak­tu­el­len Än­de­run­gen in den Ar­ti­keln an, für die ich mich in­ter­es­sie­re. Durch­aus nicht sel­ten vor­kom­men­der Van­da­lis­mus wird rück­gän­gig ge­macht, Än­de­run­gen wer­den kon­trol­liert und even­tu­ell kor­ri­giert. Wenn ich selbst et­was re­cher­chiert oder ei­nen Ar­ti­kel ge­schrie­ben ha­be, wird das Er­geb­nis on­line ge­setzt und da­mit in der Wi­ki­pe­dia Ge­mein­schaft zur Dis­kus­si­on frei­ge­ge­ben. Der Ton ist mit­un­ter rau, pein­li­che Ver­mer­ke kön­nen für al­le sicht­bar auf dem Ar­ti­kel er­schei­nen: »Muss in die Qua­li­täts­si­che­rung«, »Muss über­ar­bei­tet wer­den«, »Quel­len feh­len« etc. etc. Aka­de­mi­sche Ti­tel gel­ten in Wi­ki­pe­dia we­nig, die Be­ar­bei­tungs­rech­te wer­den al­lei­ne nach dem Fleiß in­ner­halb Wi­ki­pe­dia ver­ge­ben, und ich muss­te mir am An­fang ei­ni­ge rü­de Zu­recht­wei­sun­gen ge­fal­len las­sen. Erst mit der Zeit wird man ak­zep­tiert und darf sei­ne Ar­ti­kel und Än­de­run­gen selbst frei­schal­ten.

Wi­ki­pe­dia ist des­we­gen gut und wird im­mer bes­ser, weil dem »Kon­troll­sy­stem der tau­send Au­gen« sel­ten ein Feh­ler, ein über­flüs­si­ger Ar­ti­kel oder feh­len­de Quel­len­ver­wei­se ent­ge­hen. Feh­ler blei­ben nur dann lie­gen, wenn sich zu ei­nem eher spe­zi­el­len The­ma kei­ne In­ter­es­sen­ten fin­den, die hier nach Feh­ler re­cher­chie­ren. An­der­seits gibt es über be­stimm­te pro­ble­ma­ti­sche As­pek­te be­stimm­ter Ar­ti­kel har­te, lang­wie­ri­ge Dis­kus­sio­nen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen, bei de­nen man­che Au­toren fru­striert al­les hin­wer­fen.

Zu­neh­men­der Ein­fluss

Anzahl der Artikel in Wikipedia (Grafik: M. Schweiß, M. Dörrbecker)

An­zahl der Ar­ti­kel in Wi­ki­pe­dia
(Gra­fik: M. Schweiß, M. Dörr­becker,
Wiki­me­dia Com­mons, Li­zenz CC)

Ne­ben ih­rer Funk­ti­on als En­zy­klo­pä­die spielt Wi­ki­pe­dia ei­ne wach­sen­de Rol­le als Nach­rich­ten­me­di­um, ähn­lich Twit­ter und Face­book auch ge­ra­de in kri­ti­schen Si­tua­tio­nen. Des­we­gen ist der Zu­griff vor al­lem auf die eng­lisch­spra­chi­ge Wi­ki­pe­dia in man­chen to­ta­li­tä­ren Län­dern ge­sperrt bzw. er­schwert.

Der­zeit sind 1.084.000 Ar­ti­kel mit frei­en In­hal­ten in deut­scher Spra­che ab­ruf­bar. »Freie In­hal­te« be­deu­tet, dass die Wei­ter­ver­brei­tung, Ver­än­de­rung und Nut­zung zu jeg­li­chem Zweck oh­ne Zah­lung von Li­zenz­ge­büh­ren er­laubt ist. Le­dig­lich ein­zel­ne Bil­der sind aus­ge­nom­men, zum Bei­spiel das Wi­ki­pe­dia-Lo­go selbst.

Die bis­her ein­fluss­reich­ste En­zy­klo­pä­die war die ab 1751 er­schie­ne­ne fran­zö­sisch­spra­chi­ge »En­cy­clo­pé­die ou Dic­tion­n­aire rai­son­né des sci­en­ces, des arts et des mé­tiers«, der Ti­tel um­schreibt En­zy­klo­pä­die mit »dic­tion­n­aire rai­son­né«: ein »ver­nünf­tig auf­ge­bau­tes« -al­so kri­tisch durch­dach­tes- Wör­ter­buch. Die Ar­beit der En­zy­klo­pä­di­sten lei­te­te die mi­li­tan­te Pha­se der Auf­klä­rung und da­mit die fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on ein – das Fa­nal zu un­se­rer mo­der­nen Welt.

Wir dür­fen ge­spannt sein, was Wi­ki­pe­dia in der Zu­kunft be­wirkt.

 
Dr. Alex­an­der May­er ist eh­ren­amt­li­cher Stadt­hei­mat­pfle­ger in Fürth.

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Ein Kommentar zu »Die On­line En­zy­klo­pä­die Wi­ki­pe­dia«:

  1. FürtherBier sagt:

    Al­so in ei­nem Für­ther Por­tal wür­de ich an die­ser Stel­le doch ei­nen Hin­weis auf das Für­thWi­ki er­war­ten! ;-)

    Schließ­lich schließt es so ei­ni­ge Lücken in der lo­ka­len Ge­schichts­schrei­bung, die die Wi­ki­pe­dia gar nicht be­spie­len kann, z. B. die Ge­schich­te ein­zel­ner Stra­ßen­zü­ge, Wirt­schaf­ten usw.

    Je­der ist herz­lich da­zu auf­ge­ru­fen und ein­ge­la­den mit­zu­ma­chen!

    http://www.fuerthwiki.de

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