Mall – Ein Bei­trag für das Som­mer­loch

31. August 2010 | von | Kategorie: Spielplatz
Naß, kalt, tief: das diesjährige Sommerloch der Fürther Freiheit (Foto: Ralph Stenzel)

Naß, kalt, tief: das dies­jäh­ri­ge Som­mer­loch der Für­ther Frei­heit (Fo­to: Ralph Sten­zel)

In den letz­ten Wo­chen sind eher sel­ten Mel­dun­gen über Neu­zu­gän­ge in un­se­rem nie­gel­na­gel­neu­en (Noch-nicht-)Massenmedium ein­ge­tru­delt. Was, wie ich ver­mu­te, am Som­mer­loch liegt. Er­freu­li­cher­wei­se scheint in der Stadt grad nichts Drin­gen­des an­zu­lie­gen.

Mit die­sem Bei­trag fol­ge ich der wie­der­hol­ten, und mit je­der Wie­der­ho­lung hef­ti­ge­ren Auf­for­de­rung des rüh­ri­gen, vor schier un­er­schöpf­li­cher En­er­gie strot­zen­den Man­nes im Ma­schi­nen­raum der Für­ther Frei­heit, end­lich mein Scherf­lein zum Ge­dei­hen des Blat­tes zu lei­sten. Da­bei weiß er nur all­zu gut, daß ich, ab­ge­se­hen von spo­ra­di­schen Le­ser­brie­fen in städ­te­bau­lich tur­bu­len­ten Zei­ten, kaum et­was zu Pa­pier brin­ge. Ab und an ein kur­zes, klei­nes Text­lein, sehr kurz; Drei­zei­ler, Vier­zei­ler – wenn über­haupt. Bei we­ni­ger bo­den­stän­di­gen Gei­stern heißt die­se ver­hal­te­ne Art der Schrei­be­rei auch Poe­sie. Lei­der ge­ra­ten die­se fa­den­schei­ni­gen, kaum vor­han­de­nen Tex­te meist so dünn, daß dar­in nur we­nig Platz für Din­ge bleibt, die den Ge­mei­nen Für­ther nor­ma­ler­wei­se um­trei­ben – wenn auch die dar­in vor­kom­men­den »han­deln­den« Per­so­nen den ei­nen oder an­dern Für­ther, und so­gar man­che Für­the­rin zum Vor­bild ha­ben. Mei­stens je­doch nur den ei­nen – ge­mäß des Dik­tums, man schrei­be am Be­sten über das, was man am Be­sten kennt.

Ein­mal ha­be ich al­ler­dings den Ver­such un­ter­nom­men, mit ei­nem Text auf ei­ne ak­tu­el­le Si­tua­ti­on zu re­agie­ren. Das al­ler­al­ler­er­ste, was mir Freun­de und Be­kann­te er­zähl­ten, als ich im Som­mer 2008 aus dem Ur­laub zu­rück­kam, war, daß wir dem­nächst ei­ne Neue Stadt­mit­te be­kä­men, will hei­ßen: Ein­kaufs­zen­trum. Park­ho­tel, Fied­ler-Are­al, Wöl­fel-Hö­fe kön­ne man sich prak­tisch schon mal vom Stadt­plan weg­den­ken. Das Gan­ze sei be­reits be­schlos­se­ne Sa­che. Der Eu­phe­mis­mus »Neue Mit­te« soll­te na­tür­lich ein neu­es ur­ba­nes Le­bens­ge­fühl her­auf­be­schwö­ren und gleich­zei­tig ver­schlei­ern, daß ein wei­te­res Stadt­vier­tel un­wie­der­bring­lich zer­stört wer­den soll­te, wie das schon in den sieb­zi­ger Jah­ren öf­ters der Fall war. Ich hat­te nicht das Ge­fühl von ei­nem Ur­laub am Bo­den­see zu­rück­zu­kom­men, son­dern von ei­ner ab­stru­sen Zeit­rei­se, und es hät­te mich nicht ge­wun­dert, im Ra­dio Mel­dun­gen über die neu­sten Kriegs­er­fol­ge der ame­ri­ka­ni­schen Streit­kräf­te nicht im Irak, son­dern in Viet­nam zu hö­ren.

Na­tür­lich war ich nicht so na­iv zu glau­ben, mit ei­nem »poe­ti­schen« Text ir­gend­ei­nen Ein­fluß auf ein der­ar­ti­ges, po­li­tisch un­be­dingt ge­woll­tes, ja ge­ra­de­zu her­bei­ge­be­te­tes Pro­jekt neh­men zu kön­nen. Viel­mehr en­ga­gier­te ich mich in ei­ner Bür­ger­initia­ti­ve und schrieb Le­ser­brie­fe an die FN (die er­freu­li­cher­wei­se auch – mei­stens un­ge­kürzt – ab­ge­druckt wur­den). »Mall« schrieb ich nur für mich selbst, gleich­sam als Trau­ma-Be­wäl­ti­gung. Auch wenn es viel­leicht ein klein we­nig über­trie­ben klin­gen mag, es kam mir da­mals durch­aus so vor als wol­le mir je­mand, zu­gleich mit dem zur Li­qui­die­rung be­stimm­ten Vier­tel, ein Pfund Fleisch »nächst dem Her­zen« aus den Rip­pen schnei­den, »mit ei­nem lan­gen dün­nen bei­der­sei­tig ge­schärf­ten Flei­scher­mes­ser«.

Lei­der fin­de ich, daß der Text jetzt, bei er­neu­tem Le­sen, mei­ner Fas­sungs­lo­sig­keit we­der an­ge­mes­sen Aus­druck ver­leiht, noch be­son­de­re über­zeit­li­che und all­ge­mein­gül­ti­ge Qua­li­tä­ten be­sitzt. Jetzt, wo die Ge­fahr ei­ner Mall fürs Er­ste ge­bannt ist, er­scheint mir auch die Wut da­hin­ter stumpf und wie ein­ge­packt, als han­de­le es sich um ei­nen Brief an je­man­den, dem man zwar ganz über­aus dring­lich et­was mit­tei­len, den man aber kei­nes­falls ver­let­zen will.

So kann es ei­nem er­ge­hen, wenn man mit al­ler Ge­walt ge­sell­schafts­re­le­van­te Li­te­ra­tur fa­bri­zie­ren will. Lei­der be­fürch­te ich, daß die­se Art von Dich­tung auch zum Stop­fen des Som­mer­lochs völ­lig un­ge­eig­net ist. Hier al­so:

A.D.S. Texte (Grafik: Armin Stingl)

 
Mall

Auch wenn ei­nem in die­sen tran­szen­den­ta­len,
un­ver­gleich­lich hel­le­ren Ka­the­dra­len
des Ver­brauchs nichts ge­schenkt wird,
im Gro­ßen und Gan­zen kommt man auf sei­ne Ko­sten.
Und ob­schon man sich nicht über die Ma­ßen
hat ver­aus­ga­ben wol­len, bleibt ei­nem doch nichts er­spart.

End­lich at­men wir den Geist ver­ständ­li­cher,
noch da­zu über je­den Glau­ben er­ha­be­ner Göt­ter,
de­nen wir nichts schul­dig sind –
nicht schon von vorn­her­ein we­nig­stens. Ge­setzt

man ver­hielt sich ganz still, konn­te man in der bis da­to
un­vor­stell­ba­ren, be­reits am näch­sten Tag als »hi­sto­risch«
apo­stro­phier­ten »Nacht des to­ta­len Strom­aus­falls«
et­was wahr­neh­men in ih­rem gla­si­gen Blick.

Ein­trü­bun­gen im Schwarz der stum­men Pu­pil­len;
ent­fernt an Or­ga­ni­sches er­in­nern­de Ein­schlüs­se,
Her­stel­lungs­feh­ler viel­leicht, die ver­mut­lich kein An­laß
zur Be­un­ru­hi­gung hät­ten sein müs­sen.

So­bald man sich aber, wenn auch nur ge­ring­fü­gig, be­weg­te,
flamm­ten win­zi­ge Re­fle­xe auf, nicht grö­ßer als Ster­ne,
Irr­lich­ter, Split­ter ei­nes Ho­lo­gramms,
das um­so mehr ver­schwamm, je ge­nau­er man es fi­xier­te,

ei­nes Ho­lo­gramms, das zur Gän­ze ent­hal­ten ist
in je­dem sei­ner Split­ter.
Je­dem ein­zel­nen. Oh­ne Aus­nah­me.

(aus: An­hän­ger der Schwer­kraft, er­schie­nen 2009 bei ars vi­ven­di in Ca­dolz­burg)

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