»Fürth ist mir ziem­lich egal«

5. Juli 2016 | von | Kategorie: Der besondere Beitrag

Kürz­lich er­reich­te Hen­ry Kis­sin­ger das 93. Le­bens­jahr, brav gra­tu­lier­ten Für­ther Nach­rich­ten und die Stadt­zei­tung. In die­sem Jahr sind auch zwei Ver­öf­fent­li­chun­gen zu Kis­sin­ger er­schie­nen, die un­ter­schied­li­cher nicht sein könn­ten; im Fol­gen­den ei­ni­ge Schlag­lich­ter auf un­se­ren Eh­ren­bür­ger und die bei­den Bü­cher.

Kissinger 1973 (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henry_A._Kissinger,_U.S._Secretary_of_State,_1973-1977.jpg">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Kis­sin­ger 1973
(Fo­to & Li­zenz: Wiki­me­dia Com­mons, ge­mein­frei)

Ni­all Fer­gu­son gilt als »der viel­leicht ein­fluss­reich­ste und ge­wiss wort­ge­wal­tig­ste Hi­sto­ri­ker un­se­rer Ta­ge« (DIE ZEIT). Kis­sin­ger be­trau­te Fer­gu­son im Jah­re 2004 mit sei­ner Bio­gra­phie. Die bei­den lern­ten sich auf ei­ner Par­ty ken­nen, wo Kis­sin­ger des­sen Buch zum Er­sten Welt­krieg lob­te. In sei­nem Buch The Pi­ty of War (dt. 2001: Der fal­sche Krieg) stellt Fer­gu­son ne­ben an­de­ren frag­li­chen The­sen die von na­he­zu nie­man­den sonst (we­der vor­her noch nach­her) ver­tre­te­ne Theo­rie auf, dass nicht Deutsch­land, son­dern im We­sent­li­chen Groß­bri­tan­ni­en und des­sen Au­ßen­mi­ni­ster Ed­ward Grey für die Es­ka­la­ti­on im Som­mer 1914 und da­mit für den Er­sten Welt­krieg ver­ant­wort­lich sei­en. Of­fen­sicht­lich ge­fiel es Kis­sin­ger, dass ein pro­mi­nen­ter Wis­sen­schaft­ler – völ­lig un­be­la­stet vom in­ter­na­tio­na­len For­schungs­kon­sens – ab­sur­de The­sen in die Welt setzt, und hielt ihn ver­mut­lich ge­ra­de des­we­gen für den ge­eig­ne­ten Bio­gra­phen.
 
Tod der Sa­ti­re

Dass hier von Fer­gu­son ei­ni­ges un­kon­ven­tio­nell in­ter­pre­tiert wer­den muss und soll, war klar. Ei­ne Ah­nung da­von gibt ein ge­flü­gel­tes Wort über Kis­sin­ger, das dem ame­ri­ka­ni­schen Sa­ti­ri­ker Tom Leh­rer zu­ge­schrie­ben wird: »Po­li­ti­sche Sa­ti­re wur­de ob­so­let, als Hen­ry Kis­sin­ger den Frie­dens­no­bel­preis er­hielt.«
 
Schon in der Ein­lei­tung stellt Fer­gu­son klar, wo­hin der Zug fah­ren soll. Fer­gu­son be­schei­det der kri­ti­schen Be­richt­erstat­tung über Kis­sin­ger ei­nen »häu­fig« hy­ste­ri­schen Ton­fall, der »manch­mal« in »of­fen­kun­di­gen Irr­sinn« um­schlägt. Sol­che Schrif­ten kä­men von »An­glo­pho­ben, pa­ra­noi­den An­ti­kom­mu­ni­sten, gei­stig ver­wirr­ten Phan­ta­sten und Links­po­pu­li­sten.« – Al­les klar, die Lek­tü­re der ein­zig ob­jek­ti­ven Dar­stel­lung kann be­gin­nen.
 
In der Ein­lei­tung wer­den noch ei­ni­ge hüb­sche Bon­mots Kis­sin­gers zum Be­sten ge­ge­ben, in Fürth dürf­te et­wa fol­gen­des auf gro­ße Sym­pa­thie sto­ßen: »Das Un­ge­setz­li­che er­le­di­gen wir so­fort, das Ver­fas­sungs­wid­ri­ge dau­ert et­was län­ger.« Ganz nett ist auch: »Um sich ei­ner Sa­che ganz si­cher zu sein, muss man ent­we­der al­les oder gar nichts über sie wis­sen.« Et­was we­ni­ger op­por­tun dürf­te heu­te ein Aus­spruch aus den 1970er Jah­ren sein: »Für mich sind Frau­en nur ein Zeit­ver­treib, ein Hob­by.«

Hei­mat I

Kissinger in Fürth (Foto: Alexander Mayer)

Kis­sin­ger in Fürth (Fo­to: Alex­an­der May­er)

Das er­ste Ka­pi­tel ist hoff­nungs­froh mit »Hei­mat« über­schrie­ben, doch schon die Un­ter­über­schrift holt den Für­ther Le­ser mit ei­nem Kis­sin­ger-Zi­tat auf den Bo­den der Tat­sa­chen zu­rück: »Fürth ist mir ziem­lich egal.« Kis­sin­ger sag­te dies sechs Jah­re, nach­dem er Eh­ren­bür­ger der Stadt Fürth ge­wor­den war. Im zwei­ten Ab­schnitt des Ka­pi­tels »Hei­mat« wird nun zu­nächst die satt­sam be­kann­te »Erstickend-in-ihrer-Engigkeit-und-Öde«-Charakterisierung Fürths ge­nüss­lich zi­tiert, um dann im Fließ­text zu be­gin­nen: »Fürth fehlt es an Charme.« Da­nach folgt ei­ne durch­aus ge­konn­te, kurz­ge­fass­te Dar­stel­lung der Ge­schich­te Fürths, wenn auch mit klei­nen De­tail­feh­lern, die aber auch hie­si­gen an­geb­li­chen »Stan­dard­wer­ken« an­haf­ten und von da­her kein ernst­haf­ter Punkt der Kri­tik sein kön­nen. Ein klei­nes Trän­chen der Rüh­rung ent­kam mir, als Fer­gu­son schreibt, dass in der »Geismann-Hal­le« mehr als 15.000 Per­so­nen Platz hat­ten. Dass Fer­gu­son ein paar Fo­tos aus Fürth oh­ne kor­rek­te Li­zenz- oder Ur­he­ber­be­zeich­nung in sei­nem Buch ver­wen­det, soll da­ge­gen nicht mein Pro­blem sein.

Flucht nach »Fürth am Hud­son«

Auch der Ab­riss der Zu­stän­de in Deutsch­land und Fürth in der Na­zi­zeit und die Dar­stel­lung der Flucht der Kis­sin­gers in Ka­pi­tel 2 ist gut les­bar und ge­lun­gen, auch wenn im­mer wie­der Zi­ta­te wie sol­che zu fin­den sind: »Fürth ist nur ein lang­wei­li­ges Städt­chen, und das Aus­maß sei­ner Be­deu­tungs­lo­sig­keit un­ter dem Him­mel wur­de mir be­wusst...« etc. In Ka­pi­tel 3, sin­nig »Fürth am Hud­son« ge­nannt, wird es dann für den Fürth- und Nicht-Kis­sin­ger-Fan lang­sam lang­wei­lig und ich den­ke dar­über nach, ob ich mir die rest­li­chen 1000 Sei­ten an­tun soll, oh­ne zum wirk­lich In­ter­es­san­ten, zum Wir­ken Kis­sin­gers seit der Er­nen­nung zum Si­cher­heits­be­ra­ter Ni­xons zu kom­men (das Buch en­det mit 1968). Ab­ge­se­hen da­von: die Ein­lei­tung er­weckt den Ein­druck, dass hier ei­ne Apo­lo­gie oder gar ei­ne Apo­theo­se Hen­ry Kis­sin­gers aus­ge­brei­tet wer­den soll, wie sie – wenn auch in deut­lich klein­ka­rier­te­rem Maß­stab – von Gre­gor Schöll­gen für Gu­stav Schicke­danz vor­ge­legt wur­de.

»Kis­sin­gers lan­ger Schat­ten«

Die Ver­su­chung der Al­ter­na­ti­ve ist zu groß, um zu wi­der­ste­hen. Ich le­ge Fer­gu­son zur Sei­te und grei­fe zum eben­falls 2016 in deut­scher Spra­che er­schie­ne­nen Buch »Kis­sin­gers lan­ger Schat­ten« von Greg Gran­din. Gran­din ist Hi­sto­ri­ker an der New York Uni­ver­si­ty und Ver­fas­ser zahl­rei­cher, mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ter Bü­cher vor al­lem zur neue­ren Ge­schich­te La­tein­ame­ri­kas.

In sei­ner Ein­lei­tung hat­te Fer­gu­son im­mer­hin noch die Ein­schät­zung zum Be­sten ge­ge­ben, dass die Er­nen­nung Kis­sin­gers zum Si­cher­heits­be­ra­ter Ni­xons ei­nem »fau­sti­schen Pakt« gleich­kom­me, nur dass die Rol­le des Me­phi­sto Ni­xon zu­kom­me. Greg Gran­din scheint ei­ne an­de­re Mei­nung zur Rol­len­ver­tei­lung zu ha­ben. Kis­sin­ger sei der ein­fluss­reich­ste Stra­te­ge und Ar­chi­tekt des im­pe­ria­len Ame­ri­kas von heu­te. Kis­sin­ger »Schat­ten« und Ver­mächt­nis be­wirk­ten noch heu­te, dass die ein­zi­ge ver­blie­be­ne Su­per­macht oft auf fal­sche Lö­sun­gen setz­te, auf Lö­sun­gen mit Ge­walt und kor­rup­ten Re­gi­men.

Clau­se­witz aus Fürth?

War­um Kis­sin­ger in den 50er Jah­ren als Ame­ri­kas Clau­se­witz galt, ist schwer zu be­ant­wor­ten, denn er war ein Ver­fech­ter ei­ner eher simp­len Dok­trin: Um »das Ma­xi­mum an Glaub­wür­dig­keit ei­ner Dro­hung zu er­zie­len, er­scheint der be­grenz­te Atom­krieg ein ge­eig­ne­te­res Ab­schreckungs­mit­tel als der kon­ven­tio­nel­le Krieg«, die Ver­ei­nig­ten Staa­ten müss­ten »nach der di­plo­ma­ti­schen Sei­te be­müht sein, die At­mo­sphä­re des Schreckens, die jetzt den Ge­brauch von Atom­waf­fen um­gibt, zu be­sei­ti­gen.« Man fol­gert: kein Clau­se­witz, aber be­ste ideo­lo­gi­sche Vor­aus­set­zun­gen für ein ho­hes Amt in der US-Au­ßen­po­li­tik.

Auf­stieg

Präsident Nixon und Kissinger 1973 im Oval Office (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nixon_and_Kissinger_-_Flickr_-_The_Central_Intelligence_Agency.jpg">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Prä­si­dent Ni­xon und Kis­sin­ger 1973 im Oval Of­fice
(Fo­to & Li­zenz: Wiki­me­dia Com­mons, ge­mein­frei)

Den­noch war es er­staun­lich, in welch kur­zer Zeit Kis­sin­ger zu ei­nem der mäch­tig­sten Män­ner der Welt wur­de, fin­det zu­min­dest Gran­din. Er schil­dert dies so: En­de 1968 lie­fer­ten sich der De­mo­krat Hu­bert Hum­phrey und der Re­pu­bli­ka­ner Ri­chard Ni­xon ein Kopf-an-Kopf Ren­nen um den Ein­zug in das Wei­ße Haus, das zen­tra­le Wahl­kampf­the­ma war der Viet­nam­krieg. Bei­de Kan­di­da­ten ver­si­cher­ten, die größ­te Chan­cen auf ei­ne Lö­sung zu bie­ten. In je­ner Zeit lie­fen in­for­mel­le Ge­sprä­che zwi­schen Wa­shing­ton und Ha­noi (Haupt­stadt des kom­mu­ni­sti­schen Nord­viet­nam) in Pa­ris, jeg­li­cher Fort­schritt dort kam Hum­phrey zu­gu­te, da er sei­ner­zeit Vi­ze­prä­si­dent un­ter Lyn­don B. John­son war. Kis­sin­ger nutz­te sein Netz­werk, nicht zu­letzt über ehe­ma­li­ge Stu­den­ten, um an In­for­ma­tio­nen über die Ver­hand­lun­gen zu ge­lan­gen, die er an Ni­xon wei­ter­gab. Als sich in Pa­ris ei­ne Ei­ni­gung ab­zeich­ne­te, gab Ni­xon Süd­viet­nam zu ver­ste­hen, dass mit ihm bes­se­re Be­din­gun­gen zu ha­ben sei­en. Es ver­wei­ger­te dar­auf­hin ei­ne mög­li­chen Waf­fen­still­stand, da­mit hat­te Hum­phrey kei­nen greif­ba­ren Er­folg in der Hand, Ni­xon ge­wann die Wahl und be­dank­te sich bei Kis­sin­ger mit des­sen Er­nen­nung zum Na­tio­na­len Si­cher­heits­be­ra­ter. So zu­min­dest Gran­din, und man muss da­von aus­ge­hen, dass dies zu­min­dest ei­nen Teil der Grün­de aus­mach­te.

Der noch am­tie­ren­de Prä­si­dent John­son er­fuhr durch ab­ge­hör­te Ge­sprä­che, was Ni­xons Leu­te den Süd­viet­na­me­sen ver­spro­chen hat­te. John­son schwieg je­doch, da er mein­te, Ni­xons ge­hei­me Ma­chen­schaf­ten sei­en zu ex­plo­siv, »Das ist Ver­rat, das wür­de die Welt er­schüt­tern« er­klär­te er. Greg Gran­din fasst zu­sam­men: »Dass Kis­sin­ger sich an ei­ner In­tri­ge be­tei­lig­te, die den Krieg für fünf sinn­lo­se Jah­re – bzw. sie­ben, wenn man die Kämp­fe zwi­schen dem Frie­dens­ab­kom­men von Pa­ris 1973 und dem Fall Sai­gons 1975 da­zu zählt – ver­län­ger­te, ist un­be­streit­bar.«

Po­li­tik und Bom­ben­tep­pi­che

Bomben und Politik I (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Boeing_B-52_dropping_bombs.jpg">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Bom­ben und Po­li­tik I
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Un­mit­tel­bar nach Amts­an­tritt lei­te­ten Ni­xon und Kis­sin­ger ih­re er­ste il­le­ga­le Ak­ti­on im Be­reich der Au­ßen­po­li­tik ein: die Bom­bar­die­rung des neu­tra­len Kam­bo­dscha oh­ne Zu­stim­mung des Kon­gres­ses. Um die 3800 An­grif­fe mit 108.000 Ton­nen Bom­ben ge­heim zu hal­ten, wur­den die Bom­ber zu­nächst mit Ziel auf Süd­viet­nam los­ge­schickt, im Flug aber nach Kam­bo­dscha um­di­ri­giert. War­um Ni­xon und Kis­sin­ger glaub­ten, sie müss­ten ei­nen ge­hei­men, il­le­ga­len Krieg ge­gen ein bit­ter­ar­mes Land von Reis­bau­ern an­zet­teln? Er­stens soll­ten die Frie­dens­ge­sprä­che, die Ni­xon mit Un­ter­stüt­zung Kis­sin­gers hat­te schei­tern las­sen, über den Druck der An­grif­fe wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Zwei­tens soll­ten Ba­sen und Nach­schub­we­ge für den Viet­cong zer­stört wer­den, denn Ha­noi schmug­gel­te Trup­pen und Waf­fen über Kam­bo­dscha nach Süd­viet­nam an den Viet­cong.

Bei­de Zie­le wur­den ver­fehlt und Kam­bo­dscha de­sta­bi­li­siert, als mit­tel­ba­re Fol­ge der An­grif­fe kam es zu­nächst zu ei­nem Mi­li­tär­putsch und 1975 zur Macht­über­nah­me der kom­mu­ni­sti­schen Ro­ten Khmer, die das Land in ei­ne Art Agrar­kom­mu­nis­mus ver­wan­deln woll­ten und da­bei 1,7 bis 2,2 Mil­lio­nen ih­rer Lands­leu­te er­mor­de­ten. Ähn­lich ver­hiel­ten sich Ni­xon und Kis­sin­ger ge­gen das eben­falls neu­tra­le La­os. Ins­ge­samt wur­den mehr Bom­ben al­lei­ne auf Kam­bo­dscha bzw. al­lei­ne auf La­os ab­ge­wor­fen als im Zwei­ten Welt­krieg auf Ja­pan und Deutsch­land zu­sam­men. In La­os war­fen die Ame­ri­ka­ner 2,5 Mil­lio­nen Bom­ben ab.

Frie­dens­no­bel­preis

Politik und Bomben II (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F-4B_VF-111_dropping_bombs_on_Vietnam.jpg">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Po­li­tik und Bom­ben II
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Der wei­te­re Gang der Ge­schich­te ist be­kannt. Nach­dem Kis­sin­ger ge­hol­fen hat­te, den Krieg zu ver­län­gern, um Ni­xon zur Prä­si­dent­schaft zu ver­hel­fen, wirk­te Kis­sin­ger im Rah­men der Frie­dens­ge­sprä­che so­lan­ge auf ei­ne wei­te­re Ver­län­ge­rung des Krie­ges hin, bis er ei­ne ge­sichts­wah­ren­de Ei­ni­gung er­zie­len konn­te, um Ni­xon zu sei­ner Wie­der­wahl zu ver­hel­fen. Als es 1972 nach mas­si­ven Flä­chen­bom­bar­die­run­gen Nord­viet­nams tat­säch­lich zur Ei­ni­gung kam, no­tier­te Ar­thur Schle­sin­ger, Hi­sto­ri­ker und Be­ra­ter der Prä­si­den­ten Ken­ne­dy und John­son, in sein Ta­ge­buch: »Am trau­rig­sten ist, dass wir die Ei­ni­gung 1969 hät­ten ha­ben kön­nen, wenn Ni­xon­ger [Ni­xon und Kis­sin­ger] da­mals be­reit ge­we­sen wä­ren, Zu­ge­ständ­nis­se zu ma­chen; und 20.000 Ame­ri­ka­ner und Gott weiß wie vie­le Viet­na­me­sen, die heu­te tot sind, wä­ren noch am Le­ben.«

Nicht we­ni­ge ver­mu­te­ten da­mals, dass Ni­xon und Kis­sin­ger da­von aus­gin­gen, dass der un­ter­zeich­ne­te Ver­trag um­ge­hend ge­bro­chen wür­de, was dann ei­ne mi­li­tä­ri­sche Re­ak­ti­on zur Fol­ge ge­habt hät­te. Tat­säch­lich woll­te Kis­sin­ger zu­schla­gen, als Nord­viet­nam be­gann, Rich­tung Sü­den vor­zu­rücken. Als ihm der neue Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Ri­chard­son vor­hielt, dass die stra­te­gi­sche Wir­kung von mas­si­ven Bom­bard­ments er­fah­rungs­ge­mäß ge­ring sei­en, ant­wor­te­te Kis­sin­ger: »Dar­um geht es nicht. Es geht dar­um, dass wir psy­cho­lo­gi­sche Ver­gel­tungs­maß­nah­men er­grei­fen müs­sen.« Nun, durch Wa­ter­ga­te kam al­les an­ders, Ni­xon und Kis­sin­ger wur­den hand­lungs­un­fä­hig, zum Glück für Viet­nam und die Mensch­heit. Der viet­na­me­si­sche Po­li­ti­ker Lê Đức Thọ und Kis­sin­ger er­hiel­ten 1973 für den Frie­dens­ver­trag den Frie­dens­no­bel­preis, den Lê Đức Thọ je­doch – im Ge­gen­satz zu Kis­sin­ger – kon­se­quen­ter­wei­se ab­lehn­te.

Krieg als Lö­sung re­ha­bi­li­tiert

Nach der Dar­stel­lung des Viet­nam­krie­ges hakt Greg Gran­din al­le Wir­kungs­be­rei­che Kis­sin­ger welt­weit ab, wo­bei der Fau­sti­sche Pakt of­fen­bar wirk­lich nichts an Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit aus­ließ. Er fasst das Re­ak­ti­ons­mu­ster so zu­sam­men: »In ge­wis­ser Wie­se hat Kis­sin­ger mit der Drit­ten Welt ins­ge­samt das Glei­che ge­tan wie mit Kam­bo­dscha: Er in­sti­tu­tio­na­li­sier­te ei­ne sich selbst be­wahr­hei­ten­de Lo­gik der In­ter­ven­ti­on. Ak­ti­on führ­te zu Re­ak­ti­on, Re­ak­ti­on ver­lang­te mehr Ak­ti­on, ... sei­ne glo­ba­le Di­plo­ma­tie [hat­te] nach Viet­nam die in­ter­na­tio­na­le Ord­nung so er­schüt­tert, dass die ra­di­ka­le Ver­si­on der Neo­kon­ser­va­ti­ven von ei­nem an­dau­ern­den Krieg als sach­dien­li­che Op­ti­on zur Lö­sung vie­ler in­ter­na­tio­na­ler Pro­ble­me er­schien.« – Ne­ben ei­ge­nen In­ter­ven­tio­nen nennt Gran­din zu­dem die still­schwei­gen­de Zu­stim­mung zu In­ter­ven­tio­nen an­de­rer Staa­ten und Kis­sin­gers Be­tei­li­gung an der Ver­tu­schung von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen vor al­lem in La­tein­ame­ri­ka, die Un­ter­stüt­zung des chi­le­ni­schen Dik­ta­tors Pi­no­chets und des Schahs von Per­si­en, die still­schwei­gen­de Bil­li­gung der völ­ker­rechts­wid­ri­gen In­va­si­on Ost­ti­mors durch In­do­ne­si­en 1975 und die Mi­li­tär­hil­fe an Pa­ki­stan, als es in Ban­gla­desh mas­siv ge­gen die Zi­vil­be­völ­ke­rung vor­ging etc. etc.

Gran­din glaubt nun, dass »Kis­sin­gers lan­ger Schat­ten« wei­ter wirkt: »Kis­sin­ger hat­te ent­schei­den­den An­teil dar­an, dass sich die Maß­stä­be wan­del­ten«, wo­bei er vor al­lem die Um­ge­hung des Kon­gres­ses für ge­hei­me Krie­ge und ver­deck­te Ope­ra­tio­nen meint. Und, was heu­te be­son­ders in­ter­es­sie­ren mag: »Kis­sin­ger ver­stand sich be­son­ders gut dar­auf, die auf­stre­ben­de Neue Rech­te durch ab­ge­wor­fe­ne Bom­ben­ton­na­ge und die An­zahl ge­tö­te­ter Süd­ost­asia­ten zu be­ein­drucken und zu be­schwich­ti­gen.« Wo­bei ver­deck­te Ope­ra­tio­nen und po­li­ti­scher Op­por­tu­nis­mus nicht un­be­dingt Kis­sin­gers wich­tig­ster Bei­trag zum ame­ri­ka­ni­schen Mi­li­ta­ris­mus war. Vor al­lem ver­weist Gran­din auf Kis­sin­gers Ge­schichts­phi­lo­so­phie, der zu­fol­ge Staats­män­ner auf Kri­sen re­agie­ren müs­sen und sich nicht mit den Ur­sa­chen be­schäf­ti­gen soll­ten, um die Na­ti­on groß zu hal­ten. Gran­din zieht hier ei­ne Li­nie zu den Ak­tio­nen der USA in jün­ge­rer Ver­gan­gen­heit, das Echo Kis­sin­gers Dok­trin sei un­ver­kenn­bar: Macht ist Schwä­che, so­lan­ge man nicht be­reit ist, sie ein­zu­set­zen.

Un­be­fri­ste­ter Krieg als Le­gi­ti­ma­ti­on

Heu­te be­ru­fe sich Kis­sin­ger »auf den end­lo­sen, un­be­fri­ste­ten Krieg der Ge­gen­wart, um das zu recht­fer­ti­gen, was er vor fast fünf­zig Jah­ren in Kam­bo­dscha und Chi­le (und an­dern­orts) ge­tan hat. Aber das, was er vor fast fünf­zig Jah­ren ge­tan hat, schuf die Vor­aus­set­zun­gen für die end­lo­sen Krie­ge der Ge­gen­wart.« Kis­sin­ger ha­be, in­dem er ei­nen sol­chen An­griff »an­ord­ne­te und un­ge­scho­ren da­von­kam«, ei­ne brei­te Pa­let­te po­li­ti­scher Ar­gu­men­te zur Recht­fer­ti­gung von Kriegs­hand­lun­gen be­reit­ge­stellt. Kis­sin­ger ver­lor in sei­ner Lauf­bahn nie­mals »sei­nen un­ver­gleich­li­chen Wert – ins­be­son­de­re, wenn es dar­um ging, Krie­ge zur recht­fer­ti­gen.«

»Deutsch­lands Be­ster«

Treffen von Willy Brandt und Nixon im Weißen Haus, ganz rechts Kisssinger (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brandt-Nixon_meeting_White_House_1973.JPG">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Tref­fen von Wil­ly Brandt und Ni­xon im Wei­ßen Haus, ganz rechts Kis­s­sin­ger (Fo­to & Li­zenz: Wiki­me­dia Com­mons, ge­mein­frei)

- so lau­te­te der Ti­tel ei­ner Re­por­ta­ge von Wil­li Wink­ler in der Süd­deut­schen Zei­tung (SZ) im Sep­tem­ber 2014. An­läss­lich der Be­nen­nung ei­ner Pro­fes­sur an der Bon­ner Uni­ver­si­tät nach Kis­sin­ger stell­te un­ter an­de­rem die SZ im Sep­tem­ber 2014 ei­ni­ge Fra­gen und Zwei­fel zum Na­mens­ge­ber in den Raum, die zum Teil oben schon ge­nannt sind: »In­tel­lek­tu­el­le er­hal­ten nicht oft die Ge­le­gen­heit, über Lei­chen zu ge­hen, aber als es sich nun bot, wuss­te sie der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler aus Har­vard weid­lich zu nut­zen.« Die SZ zi­tiert zu­dem aus ei­nem schon vom Ma­ga­zin »Der Spie­gel« ver­öf­fent­lich­ten Ton­band­pro­to­koll ei­nes Ge­sprä­ches über Wil­ly Brandt, der für den Ge­schmack des Du­os Nixon/ Kis­sin­ger An­fang 1973 nach ei­ner Stimm­band­ope­ra­ti­on zu schnell ge­sun­de­te. Ni­xon: »Sie mei­nen, dass er un­glück­li­cher­wei­se bei gu­ter Ge­sund­heit ist.« Kis­sin­ger: »Lei­der wird er uns er­hal­ten blei­ben, yeah.« Ni­xon: »Er ist ein Trot­tel.« Kis­sin­ger: »Er ist ein Trot­tel ...« Ni­xon: »Er ist ein Trot­tel ...« Kis­sin­ger: »... und er ist ge­fähr­lich.« Ni­xon: »Tja, lei­der ist er ge­fähr­lich.«

Es gibt noch viel wei­ter­ge­hen­de Aus­sprü­che Kis­sin­gers, in de­nen z.B. in ei­nem äu­ßerst pre­kä­ren Zu­sam­men­hang von sei­ner Sei­te Gas­kam­mern zur Spra­che ka­men und die von der New York Times ver­öf­fent­licht wur­den, wor­auf­hin sich Kis­sin­ger aus­nahms­wei­se zu ei­ner Ent­schul­di­gung ver­an­lasst sah. Die­ses un­säg­li­che Zi­tat er­spa­re ich mir hier.

Wil­ly Brandts Sohn Mat­thi­as, der auch schon zu Ver­an­stal­tun­gen mit Kis­sin­ger ge­be­ten wur­de, mein­te zu sol­chen An­lie­gen: »Wenn ir­gend­wel­che Muf­tis ei­ne Eh­rung von Herrn Kis­sin­ger vor­neh­men müs­sen und mor­gens dar­auf sor­gen­frei in den Spie­gel schau­en, dann ist das al­lei­ne de­ren Sa­che. Ich möch­te da­mit nichts zu tun ha­ben.«

Wohl ge­spro­chen. Es war schon die Re­de vom fau­sti­schen Pakt, den Kis­sin­ger und Ni­xon ein­gin­gen. Ich fra­ge mich al­ler­dings: Wo war da Faust?

Hei­mat II

Mit ge­sträub­ten Nacken­haa­ren legt man die Lek­tü­re zur Sei­te. Ich se­he im­mer­hin noch ei­nen Be­zug zur Hei­mat. Kis­sin­ger schieb über sei­ne Ju­gend in Fürth: »Ich in­ter­es­sier­te mich nicht für die in­ter­na­tio­na­len Be­zie­hun­gen. Ich in­ter­es­sie­re mich für den Ta­bel­len­platz der Fuß­ball­mann­schaft mei­nes Wohn­orts« (las­sen wir hier die Fra­ge bei­sei­te, war­um er Fürth nicht nennt ...). Wie in Ju­gend­jah­ren der Ta­bel­len­platz der Fuß­ball­mann­schaft, so war für ihn als zu­nächst theo­re­ti­scher und dann als prak­ti­scher Au­ßen­po­li­ti­ker der Ta­bel­len­platz sei­ner Na­ti­on auf der Welt­büh­ne wich­tig. Und bei der Wahl der Mit­tel, die­sen Ta­bel­len­platz zu er­hal­ten, war er nicht zim­per­lich. Man könn­te auch sa­gen, ihm war je­des Mit­tel recht.

Der Au­tor Chri­sto­pher Hit­chens, des­sen Die Ak­te Kis­sin­ger ich hier nicht auch noch dar­le­gen will, oder man­cher frü­he­re Mit­ar­bei­ter Kis­sin­gers for­der­ten in der Ver­gan­gen­heit, den Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger als Kriegs­ver­bre­cher vor Ge­richt zu stel­len. Ich den­ke, Kis­sin­ger ist 93 Jah­re alt und wenn wir Glück ha­ben, be­sucht er uns nicht mehr. Mir per­sön­lich reicht die­se Hoff­nung.

 
 
Li­te­ra­tur:

- Ni­all Fer­gu­son: Kis­sin­ger. Der Idea­list, 1923–1968, Pro­py­lä­en, Ber­lin 2016, ISBN 978–3-549–07474-9. 1120 Sei­ten.

- Greg Gran­din: Kis­sin­gers lan­ger Schat­ten. Ame­ri­kas um­strit­ten­ster Staats­mann und sein Er­be. C.H.Beck, Mün­chen 2016, ISBN 978–3-406–68857-7. 296 Sei­ten.

- Wil­li Wink­ler: Deutsch­lands Be­ster. In: Süd­deut­sche Zei­tung Nr. 217 vom 20./21. Sep­tem­ber 2014, Sei­te 3.

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Ein Kommentar zu »»Fürth ist mir ziem­lich egal««:

  1. miguel sagt:

    dan­ke für die­sen ar­ti­kel. du bist sehr mu­tig und ei­ner der we­ni­gen, die wirk­lich auf­ar­bei­ten-üb­ri­gens ist da auch ein ver­ein ho­no­ri­ger für­ther mit kil­lin­ger als eh­ren­mit­glied. schö­nen gruss!

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