Bahn-Bau­stel­le Für­ther Bo­gen – das vier­te Jahr

12. Februar 2011 | von | Kategorie: Verkehr

Man er­in­ne­re sich: 2008 wur­de mit dem Aus­bau des »Für­ther Bo­gens« für die S 1 be­gon­nen. Be­sei­ti­gung ei­ner Men­ge von Klein­gär­ten, Bau­tä­tig­kei­ten bis an Grund­stücks­gren­zen, rie­si­ge Erd­be­we­gun­gen, Mon­ster­ma­schi­nen oh­ne Lärm­schutz zur Ver­sen­kung von Bohr­pfäh­len, Be­to­nie­rungs­ar­bei­ten und Neu­bau von Un­ter- bzw. Über­füh­run­gen, Gleis­bau, Ober­lei­tungs­bau...

Und das mo­men­ta­ne Er­geb­nis? Es lie­gen zwei Fern­bahn­glei­se, die von ei­ner pro­vi­so­ri­schen S‑Bahn mit­be­nutzt wer­den. Auch die Bahn­stei­ge in Un­ter­farrn­bach und am Bahn­hof Fürth sind nur ei­ne Über­gangs­lö­sung. Der wei­te­re Tras­sen­ver­lauf nach Er­lan­gen ist strit­tig.

Baustelle Unterfarrnbach 2010 (Foto: Alfred Schermann)

Bau­stel­le Un­ter­farrn­bach 2010 (Fo­to: Al­fred Scher­mann)

Nie­mand der di­rek­ten An­lie­ger ist zu be­nei­den: Ne­ben den im­mensen Be­lä­sti­gun­gen durch Lärm, Staub, Schlamm, Ab­ga­sen wäh­rend der Bau­tä­tig­kei­ten lässt sich jetzt schon fest­stel­len, dass die Kon­struk­ti­on der Be­ton­schlucht im lau­fen­den Be­trieb durch Re­fle­xio­nen mehr Lärm (be­son­ders bei Gü­ter­zü­gen) frei­setzt als vor­her. Das Pro­test­pla­kat »Dan­ke Bahn – Be­ton statt Bäu­me« ei­nes Haus­be­sit­zers an der Bahn­li­nie zeig­te schon am An­fang der Bau­pha­se die Wut und viel­leicht auch Ver­zweif­lung der Be­trof­fe­nen.

Die­ses Jahr wird es auf al­le Fäl­le bis zur Va­cher Stra­ße wei­ter­ge­hen. Es müs­sen noch wei­te­re zwei Glei­se ge­legt wer­den, und das be­deu­tet erst mal wie­der Aus­hub von Erd­reich, Set­zung von Bohr­pfäh­len und Er­wei­te­rung der Be­ton­schlucht.

Im Auf­trag der Bahn ar­bei­tet ein Kon­sor­ti­um von Fir­men un­ter der Lei­tung von ZÜBLIN. Die Bau­fir­men wie­der­um be­auf­tra­gen für die nö­ti­gen Trans­por­te von Aus­hub Trans­port­un­ter­neh­men. Die­se ha­ben dann Fah­rer, die teil­wei­se als Sub­un­ter­neh­mer ar­bei­ten.

Und hier be­ginnt die Ge­schich­te ei­nes be­trof­fe­nen An­lie­gers, der sich 2010 auf die Su­che nach Ver­ant­wort­li­chen mach­te...

LKW auf Feldweg (Foto: Alfred Schermann)

LKW auf Feld­weg (Fo­to: Al­fred Scher­mann)

Am Rand ei­nes Ackers – im Ab­stand sicht­bar die Bahn­li­nie – gibt es ei­nen Feld­weg (Ver­kehrs­schild: Schlech­te Weg­strecke – frei für land­wirt­schaft­li­chen Ver­kehr ). Hier be­gibt es sich seit nun 3 Jah­ren, dass sich mehr oder we­ni­ger schwe­re LKW in wech­seln­den Po­pu­la­tio­nen hin und her be­we­gen.

Selt­sam war oft, dass vier­ach­si­ge Bau­stel­len­fahr­zeu­ge Erd­aus­hub nach un­ten trans­por­tier­ten und nach drei bis vier Wo­chen Sat­tel­schlep­per ihn wie­der fort brach­ten. Gar nicht selt­sam laut Ei­sen­bahn-Bun­des­amt: Da un­ten ist ei­ne Zwi­schen­de­po­nie und das Ma­te­ri­al wird erst nach Be­pro­bung zur Wei­ter­ver­wen­dung oder zur De­po­nie­rung ab­trans­por­tiert. Das Ver­fah­ren ist laut Ord­nungs­amt der Stadt Fürth ge­neh­migt und ei­ne Über­prü­fung der kon­kre­ten Emis­si­ons­wer­te (Lärm / Ab­ga­se / Staub) er­üb­rigt sich, da ja ein Plan­fest­stel­lungs­be­schluss vor­liegt – und das ist schon ei­ne Un­ver­schämt­heit, wenn man die kon­kre­te Si­tua­ti­on kennt (ich den­ke es ist auch ein Ko­sten­fak­tor für die Bau­fir­men, denn der kur­ze Weg der Fahr­zeu­ge zur Zwi­schen­de­po­nie ist für den Ar­beits­pro­zess we­sent­lich ef­fi­zi­en­ter als das Gan­ze gleich wei­ter weg zu fah­ren).

Zwischendeponie am Finkenschlag (Foto: Alfred Schermann)

Zwi­schen­de­po­nie am Fin­ken­schlag (Fo­to: Al­fred Scher­mann)

Fa­tal wur­de es, als gleich­zei­tig ver­sucht wur­de, Ma­te­ri­al hin­un­ter­zu­fah­ren und an­de­res weg­zu­brin­gen. Im Über­schwang der Bau­ak­ti­vi­tät scheint man nicht be­rück­sich­tigt zu ha­ben, dass der Zu­fahrts­weg durch ein (zu­ge­park­tes) Wohn­ge­biet führt und ein Feld­weg eben nur ei­ne Spur hat. Wir als An­lie­ger ha­ben es we­nig­stens er­rei­chen kön­nen, dass die war­ten­den Fah­rer zu­min­dest die Mo­to­ren aus­mach­ten und nicht im Leer­lauf wei­ter­wum­mern lie­ßen...

Im hei­ßen Ju­ni / Ju­li 2010 be­gab es sich auch, dass die­se teil­wei­se sehr ori­en­tie­rungs­lo­sen Trucker we­gen der Kirch­weih im »Ei­ge­nen Heim« wei­te­re Ne­ben­stra­ßen im Wohn­ge­biet durch­fah­ren muss­ten und noch mehr Leu­te sich auf­reg­ten als nor­ma­ler­wei­se. Hier scheint es dann – viel­leicht auch durch Druck von städ­ti­scher Sei­te – bei hö­he­rer Stel­le ge­sch­nackelt zu ha­ben und man mach­te sich dar­an, ei­ne zwei­te De­po­nie am Ha­fen Fürth ein­zu­rich­ten.

Schreck­lich war vor­her noch die­ser töd­li­che Un­fall, bei dem ein 13 jäh­ri­ger Schü­ler von ei­nem die­ser Vier­ach­ser über­rollt und zer­malmt wur­de. Der Fah­rer – al­lei­ne, oh­ne Ein­wei­ser, rück­wärts auf ei­nem öf­fent­li­chen Weg – hat ihn über­se­hen. Die Ver­ant­wor­tung liegt (vor Ge­richt) wahr­schein­lich bei ihm, nicht an der be­auf­tra­gen­den Fir­ma, nicht am Bau­lei­ter. Ko­misch nur, dass erst nach die­sem Er­eig­nis (nach 2 Jah­ren!) We­ge ge­sperrt und Si­che­rungs­kräf­te bei al­len Ein- und Aus­fahr­ten der Bau­stel­len auf­ge­stellt wur­den.

Warteschlange (Foto: Alfred Schermann)

War­te­schlan­ge (Fo­to: Al­fred Scher­mann)

Es gab aber wie­der Ta­ge, da wur­den wir vom Last­wa­gen­ver­kehr im Mi­nu­ten­takt drang­sa­liert, mit gro­ßer Staub- und Lärm­be­lä­sti­gung. Aus Ver­zweif­lung ließ ich dann ein­mal für ei­ne Stun­de die Vi­deo­ka­me­ra lau­fen. Und sie­he da: Sie fuh­ren we­nig­stens end­lich mal lang­sa­mer!

Übel wur­de es dann trotz­dem noch, als plötz­lich nachts ge­fah­ren wur­de. Ich ver­such­te bei ei­nem LKW-Fah­rer, den ich auf­hielt, den Auf­trag­ge­ber für die­se Tou­ren (Bau­lei­ter?) her­aus­zu­fin­den. Mei­ne Wut wuchs, als ich nur die pau­scha­le Ant­wort »Die Bahn« er­hielt. Ich muss­te mich zu­rück­hal­ten, ihm den Weg zur Wei­ter­fahrt zu blockie­ren: Ist ja Nö­ti­gung... Nö­ti­gung ge­gen Kör­per­ver­let­zung?

Am näch­sten Tag mach­te ich mich dann auf zur Su­che nach ei­nem Ver­ant­wort­li­chen. Ein Ar­bei­ter gab mir dann den Hin­weis, wo die Bau­lei­tung zu fin­den war. Als ich den Mann zur Re­de stell­te, wur­de mir frech ge­ant­wor­tet, dass doch nur drei bis vier Fahr­ten statt­fan­den. Ich hät­te ihm bei­na­he ei­ne ge­scheu­ert. Es wa­ren al­lein 20 Fahr­ten zwi­schen 22 und 2 Uhr! Und das knapp am Schlaf­zim­mer­fen­ster vor­bei über ei­nen holp­ri­gen Feld­weg – nicht mit mo­de­ra­ter Ge­schwin­dig­keit!

Deponie am Hafen (Foto: Alfred Schermann)

De­po­nie am Ha­fen (Fo­to: Al­fred Scher­mann)

Wie­der­um durch Zu­fall hat mir je­mand den Tipp ge­ge­ben, dass es ei­ne Bau­auf­sicht gibt – im ehe­ma­li­gen Grun­dig-Ge­bäu­de an der Würz­bur­ger Stra­ße. Dort war end­lich je­mand zu fin­den, der das schon ge­plan­te Trei­ben in den näch­sten Näch­ten durch ei­nen Te­le­fon­an­ruf beim Bau­lei­ter stopp­te.

Bei die­ser Bau­über­wa­chungs­zen­tra­le (BÜZ), Te­le­fon 9887998–0 wer­de ich mich die­ses Jahr wahr­schein­lich öf­ter be­schwe­ren müs­sen, wenn die Be­lä­sti­gun­gen un­er­träg­lich wer­den.

Nach­satz: Ich ha­be der Bau­fir­ma auch vor­ge­schla­gen, ei­ne wei­te­re De­po­nie mit Zu­fahrt au­ßer­halb ei­nes Wohn­ge­biets auf­zu­ma­chen, auf ei­ner Flä­che im ehe­ma­li­gen Ka­ser­nen­ge­biet mit Zu­fahrt über die Ha­fen­stra­ße. Das wur­de aber we­gen um­ständ­li­cher Ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren ab­ge­lehnt.

ehem. Monteith-Kasernengelände (Foto: Alfred Schermann)

ehem. Mon­teith-Ka­ser­nen­ge­län­de (Fo­to: Al­fred Scher­mann)

Re­sü­mee: Bei so ei­ner um­fang­rei­chen Bau­maß­nah­me mit vor­her­seh­ba­ren Be­lä­sti­gun­gen müss­te ei­ne ganz an­de­re In­for­ma­ti­ons­po­li­tik statt­fin­den. Es ge­nügt nicht – wie in Fürth ge­sche­hen – ei­ne Aus­stel­lung zum Bahn­pro­jekt Deut­sche Ein­heit zu or­ga­ni­sie­ren. Be­trof­fe­ne brau­chen di­rek­te An­sprech­part­ner. Bau­lei­tun­gen müs­sen ih­re be­auf­trag­ten Sub­un­ter­neh­mer kon­trol­lie­ren. Das Ord­nungs­amt müss­te sich ein­mi­schen und nicht nur Ei­dech­sen um­sie­deln – wie in Fürth ge­sche­hen. Das Stra­ßen­ver­kehrs­amt soll­te auch hier Kon­troll­funk­ti­on über­neh­men – bis heu­te sind Be­schil­de­run­gen im nä­he­ren Um­feld nicht in Ord­nung, ob­wohl es mehr­fach mo­niert wur­de. Die be­trof­fe­nen An­woh­ner soll­ten von den Bau­fir­men zu­min­dest schrift­lich be­nach­rich­tigt wer­den, wenn ab­seh­ba­re Be­lä­sti­gun­gen zu er­war­ten sind.

Wir sind hof­fent­lich 2012 er­löst. In Sta­deln geht es dann (viel­leicht) wei­ter.

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8 Kommentare zu »Bahn-Bau­stel­le Für­ther Bo­gen – das vier­te Jahr«:

  1. Manu sagt:

    Lärm, Dreck, ein un­durch­schau­ba­res Fir­men­ge­flecht oh­ne an­sprech­ba­re Ver­ant­wort­li­che, ei­ne Bau­lei­tung, die lügt bzw. fre­che Ant­wor­ten gibt, ei­ne Bau­auf­sicht, die nicht von selbst ak­tiv wird, son­dern sich erst mal su­chen und fin­den lässt, feh­len­de In­for­ma­tio­ne­nen von der Bahn und von der Stadt und un­tä­ti­ge Äm­ter. Das al­les gip­felt dann noch im tra­gi­schen, aber bei sol­chen Zu­stän­den in ei­nem Wohn­ge­biet fast ab­seh­ba­ren Tod ei­nen 13-jäh­ri­gen Jun­gen, der von so ei­nem Truck über­rollt wird.

    Ju­ri­stisch schuld ist wie­der ein­mal nur der klei­ne Mann (LKW-Fah­rer als Subsub...»unternehmer«), aber ei­nen Ver­ant­wort­li­chen für die Ge­samt­si­tua­ti­on wird man nicht fin­den, weil erst gar nicht ge­sucht wird.

    Wun­dert es noch je­man­den ernst­haft, wenn die Bür­ger zu Wut-Bür­gern wer­den?

  2. Pietsch sagt:

    Ich kann das al­les be­stä­ti­gen was Herr Scher­mann ge­schrie­ben hat. Auch ich ha­be mich schon x‑mal bei der Bahn und bei der Stadt be­schwert (auch bei der Bür­ger­ver­samm­lung). Ich bin ex­tra in ei­ne ru­hi­ge Wohn­ge­gend ge­zo­gen und nun ist es jetzt schon das 3. Jahr, daß man mit ex­tre­men Lärm, Staub und Ab­ga­sen (auch Nachts) in ei­ner 30 Zo­ne Wohn­ge­gend zu­recht kom­men muß. Die LKW fah­ren be­reits schon jetzt wie­der fast pau­sen­los.

  3. Philipp Steffen sagt:

    Dan­ke für den er­hel­len­den Be­richt. Ei­ne gu­te Re­fe­renz, wenn von Sei­ten der Stadt­spit­ze mal wie­der die ei­ge­ne Bür­ger­nä­he und Trans­pa­renz ge­lobt wird...

  4. juergen v sagt:

    »Monstermaschinen...Beseitigung von Kleingarten...Betonschluchten...etc pp.« Der ge­sam­te Ar­ti­kel ist bei al­ler be­rech­tig­ten Kri­tik vor al­lem ei­nes: furcht­bar po­le­misch!

  5. Manu sagt:

    1. Was, bit­te­schön, ist denn an der Äu­ße­rung »Be­sei­ti­gung von Klein­gär­ten« po­le­misch?

    2. Die Äu­ße­rung »furcht­bar po­le­misch!« ist na­tür­lich selbst gar nicht po­le­misch, son­dern rein sach­lich – oder?

  6. Und selbst wenn sich hier ein Au­tor ein­ger­ma­ßen po­le­misch äu­ßern wür­de: Wir ver­öf­fent­li­chen hier na­ment­lich ge­kenn­zeich­ne­te Bei­trä­ge, die aus­weis­lich un­se­res Im­pres­s­ums die Mei­nung des/der je­wei­li­gen Autors/Autorin wie­der­ge­ben. Da geht al­les durch und in Ord­nung, was die Gren­zen des An­stands und des straf­recht­lich Re­le­van­ten re­spek­tiert.

    Ich per­sön­lich fin­de es im vor­lie­gen­den Fall so­gar be­son­ders be­mer­kens­wert, daß da ei­ner nach Jah­ren des zer­mür­ben­den Ge­rum­pels di­rekt vor sei­ner Na­se noch ei­ni­ger­ma­ßen mo­de­ra­te Wor­te fin­det. Mei­ner ei­ner hät­te als Be­trof­fe­ner das Ge­sche­hen (bzw. das Nicht-Ge­sche­hen) weit zy­ni­scher kom­men­tiert...

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