Ba­nau­sen am Werk

16. Juli 2010 | von | Kategorie: Häuserkampf
Fürther Stuck-Medaillon: jedes ein Kunstwerk für sich (Foto: Ralph Stenzel)

Für­ther Stuck-Me­dail­lon: je­des ein Kunst­werk für sich
(Fo­to: Ralph Sten­zel)

Ab­ge­schla­ge­ne Stuck­ro­set­ten im ehe­ma­li­gen Ball­saal des Park-Ho­tels

Es ist schon er­schreckend, mit wel­cher Roh­heit und Igno­ranz ei­ni­ge Zeit­ge­nos­sen mit dem hi­sto­ri­schen Er­be der Stadt um­ge­hen. In ei­nem Streich wer­den Stuck­or­na­men­te im ehe­ma­li­gen Ball­saal des Park-Ho­tels zer­stört. Wel­che Be­weg­grün­de auch im­mer da­hin­ter ste­hen mö­gen – es bleibt zu hof­fen, dass die Ver­ant­wort­li­chen die­ser Tat emp­find­lich be­straft wer­den und dar­über hin­aus die Re­kon­struk­ti­on der zer­stör­ten Bau­tei­le fi­nan­zie­ren müs­sen. Hier gilt es ein Ex­em­pel zu sta­tu­ie­ren, nicht zu­letzt um zu ver­deut­li­chen, dass der Denk­mal­schutz nicht als freund­li­che Emp­feh­lung zu ver­ste­hen ist, son­dern tat­säch­lich Kul­tur­gü­ter schützt!

Aber eben­so be­fremd­lich wie der zer­stö­re­ri­sche Um­gang mit dem Bau­denk­mal ist die Tat­sa­che, dass of­fen­sicht­lich über Jahr­zehn­te nichts, auch nicht von der Stadt Fürth, un­ter­nom­men wur­de, um die­ses Denk­mal zu kon­ser­vie­ren und re­ak­ti­vie­ren. Die ein­zi­ge mir be­kann­te An­stren­gung der Stadt dies­be­züg­lich hät­te den Ver­lust vie­ler wei­te­rer Bau­denk­mä­ler ent­lang der Breit­scheid­stra­ße nach sich ge­zo­gen. Der Ball­saal wä­re letzt­lich zu ei­nem stuck­ver­zier­tem »food-court« in ei­ner por­tu­gie­si­schen »shop­ping-mall« ver­kom­men. Hof­fent­lich setzt bei den Ver­ant­wort­li­chen ein Um­den­ken ein! Die »Denk­mal­stadt« Fürth muss Zei­chen set­zen.

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22 Kommentare zu »Ba­nau­sen am Werk«:

  1. Ei­gen­ar­ti­ger­wei­se ist die­ser Akt der Baba­rei den Für­ther Nach­rich­ten erst ge­stern ei­nen Ar­ti­kel wert ge­we­sen. Da­bei liegt der skan­da­lö­se Vor­gang an sich schon ei­ne gan­ze Wei­le zu­rück: Un­ser Stadt­hei­mat­pfle­ger Alex­an­der May­er hat­te dar­auf schon An­fang Ju­ni in ei­nem sei­ner Rund­brie­fe hin­ge­wie­sen...

  2. Skipper sagt:

    Ich se­he hier auch ge­spiel­te Em­pö­rung der Ver­ant­wort­li­chen bei der Stadt Fürth, um sich als Denk­mal­schüt­zer auf­zu­spie­len. So ver­werf­lich das Ab­schla­gen der Medal­li­ons auch sein mag, bei pri­va­ten Haus­be­sit­zern stellt die Stadt Straf­an­zei­ge, bei weit schwer­wie­gen­de­ren Ver­ge­hen wie dem für die »Neue Mit­te« ge­plann­ten Kom­plett­ab­riß gan­zer denk­mal­ge­schüt­zer En­sem­ble­tei­le wird von Sei­ten der Stadt via Stadt­rats­be­schluß grü­nes Licht ge­ge­ben. Hier wird wie­der­mal mit zwei­er­lei Maß ge­mes­sen und das bringt den Denk­mal­schutz lei­der bei vie­len Bür­gern in Ver­ruf...

  3. Michael Gründel sagt:

    Dass Dr. May­er den be­dau­er­li­chen Ver­lust der Stuck­medal­li­ons be­reits in sei­nem Rund­brief kund­ge­tan hat, ist mei­ner Auf­merk­sam­keit nicht ent­gan­gen. Der vor­lie­gen­de Bei­trag zum The­ma soll­te – so hof­fe ich – als Re­ak­ti­on auf den kürz­lich er­schie­ne­nen Be­richt bald in den FN als Le­ser­brief auf­tau­chen. Da­her – lie­ber Ralph Sten­zel – der mo­nier­te Zeit­ver­satz.

    Dass die Ver­ant­wort­li­chen der Stadt es oft »me­di­ter­ran« mit der Aus­ge­stal­tung des Denk­mal­schut­zes an­ge­hen las­sen, zeigt auch der Ab­riss des Stell­werks an der Ot­to­stra­ße oder der De­mon­ta­ge des Bahn­stei­ges 1 am Haupt­bahn­hof. Es bleibt zu hof­fen, das in punc­to Park­ho­tel-Ball­saal nicht wie­der rein wirt­schaft­li­che oder in­fra­struk­tu­rel­le Grün­de für die Be­sei­ti­gung von Bau­denk­mä­lern her­hal­ten müs­sen, son­dern de­ren Er­hal­te for­ciert wird!

  4. Doc Bendit sagt:

    Die Be­zeich­nung Ba­nau­sen ist für die­se Tat zu ge­ring. Wie Wi­ki­pe­dia weiß ist ein Ba­nau­se »ei­ne ab­wer­ten­de Be­zeich­nung, mit der ei­nem Men­schen Man­gel an In­tel­lekt, Fein­ge­fühl oder Bil­dung vor­ge­wor­fen wird. Ver­all­ge­mei­nert kann je­mand als „Ba­nau­se“ be­zeich­net wer­den, der an ei­ner Sa­che un­in­ter­es­siert ist oder ober­fläch­lich ur­teilt.«

    Der oder die Tä­ter dürf­ten wohl kei­nes­wegs ei­nen Man­gel an In­tel­lekt oder Bil­dung ha­ben, viel­mehr han­del­ten sie vor­sätz­lich und mit Kal­kül. Der Ti­tel des Bei­trags müss­te des­halb, auch an­ge­sichts der mög­li­chen Stra­fen, eher »Ver­bre­cher am Werk« hei­ßen.

  5. Nach­dem Ober­bür­ger­mei­ster Dr. Jung in je­nem Zei­tungs­ar­ti­kel un­miß­ver­ständ­lich »die Höchst­stra­fe« für den un­er­hör­ten Denk­mal­fre­vel ge­for­dert hat, kann man nur hof­fen, daß er dem sehr eh­ren­wer­ten Herrn (Ex-)Hotelbesitzer und sei­nen Kum­pa­nen die ge­nann­ten 250.000 EUR Buß­geld vom Kauf­preis ab­zieht, zu­züg­lich al­ler an­fal­len­den Re­stau­rie­rungs- und Wie­der­her­stel­lungs­ko­sten, ver­steht sich. Oder soll über die Af­fä­re jetzt still und lei­se Gras wach­sen? Der ziem­lich zah­me Ar­ti­kel der Für­ther Nach­rich­ten von heu­te läßt be­fürch­ten, daß sich da kei­ner mehr so recht da­hin­ter­klem­men mag, die hie­si­gen Hof­be­richt­erstat­ter schon gar nicht...

  6. Pres­se­spie­gel: »Kunst­fre­vel noch nicht ge­ahn­det« (FN)

    Ganz so zahn­los wie be­fürch­tet ist der hie­si­ge Pres­se-Ti­ger al­so glück­li­cher­wei­se wohl doch nicht...

  7. Manu sagt:

    Wie­so kennt man nach ei­nem vier­tel Jahr den »Schul­di­gen« an­geb­lich im­mer noch nicht? Es gibt ja im­mer­hin ei­nen Be­sit­zer und bei dem Saal han­delt es sich schließ­lich nicht um ei­ne Fas­sa­de oder ei­nen öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Raum.
    (Wenn man in mei­ner Woh­nung Heh­ler­wa­re ent­deckt, dann be­kom­me ich es auch mit der Staats­an­walt­schaft zu tun und kann mich nicht her­aus­re­den, ich wüss­te nichts von dem Die­bes­gut...)
    War­um wird hier al­so so lahm agiert?
    Und wie­so wird jetzt nur noch von ei­nem »fünf­stel­li­gen Be­trag« ge­spro­chen? Jung hat an­fangs die Höchst­stra­fe von 250 000 Eu­ro ge­for­dert – das sind nach Adam Rie­se 6 Stel­len. War­um geht die Stadt mit ih­ren For­de­run­gen nach un­ten?

  8. Es wird ver­mut­lich nicht so ein­fach sein, je­man­dem die Tat bzw. die Ver­ant­wor­tung da­für hieb-, stich- und ge­richts­fest nach­zu­wei­sen. Die­ses Pro­blem ist frei­lich un­ab­hän­gig von der Hö­he des Buß­gel­des, denn ein nicht zwei­fels­frei Über­führ­ter gilt als un­schul­dig und kann wohl nicht ein­mal zur Zah­lung von 2,50 EUR ver­don­nert wer­den. Wer hin­ge­gen rechts­kräf­tig ver­ur­teilt wer­den kann, soll­te in die­sem kras­sen Fal­le in der Tat nicht un­ter dem im Ge­setz vor­ge­se­he­nen Höchst­satz da­von­kom­men!

  9. Manu sagt:

    Im Prin­zip schon klar, aber ge­nau das mit der »Ver­ant­wor­tung« lässt mich zwei­feln: Was wä­re denn z.B., wenn bei ei­nem denk­mal­ge­schütz­ten Wohn­haus die Holz­fen­ster­rah­men ver­bo­te­ner­wei­se her­aus­ge­ris­sen wür­den: Wür­de dann ein vier­tel Jahr nach dem »Hand­wer­ker«, der die Tat be­gan­gen hat, ge­sucht oder wür­de nicht ein­fach der Haus­ei­gen­tü­mer ein Buß­geld­be­scheid be­kom­men?

  10. Tja, gu­te Fra­ge. Da­zu wä­re jetzt der Kom­men­tar ei­nes fach­lich be­schla­ge­nen Ju­ri­sten hilf­reich...

  11. Gnu1742 sagt:

    Da der Hand­wer­ker nicht un­be­dingt er­ra­ten kann ob ein Wohn­haus denk­mal­ge­schützt ist oder nicht, wird die Ver­ant­wor­tung mei­nem Ge­fühl nach bei dem Be­sit­zer lie­gen, der auf den Denk­mal­schutz hät­te hin­wei­sen müs­sen. Wenn er dies frei­lich ge­tan hat und der Hand­wer­ker wur­de den­noch de­struk­tiv ak­tiv, schauts dann na­tür­lich wie­der an­ders aus.

  12. In ei­nem der Öf­fent­lich­keit un­zu­gäng­li­chen, nicht ge­nutz­ten und be­kann­ter­ma­ßen denk­mal­ge­schüt­zen Saal ma­te­ria­li­sie­ren nicht plötz­lich de­struk­tiv ge­stimm­te Ham­mer­schwin­ger aus ei­nem sich plötz­lich auf­tu­en­den Loch im Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um. Zu­min­dest hal­te ich das für weit un­wahr­schein­li­cher als die Ver­mu­tung, daß da je­mand sei­ne Im­mo­b­li­lie vor dem be­ab­sich­tig­ten Ver­kauf höchst ei­gen­hän­dig von (um-)nutzungshemmenden »Alt­la­sten« be­frei­en woll­te. Was halt zu be­wei­sen wä­re...

  13. Klaus Heller sagt:

    Für mich steht nach Pa­ra­graf 4 Ab­satz 1 des DENKMALSCHUTZGESETZ der Schul­di­ge ein­deu­tig fest:
    »(1) 1 Die Ei­gen­tü­mer und die sonst ding­lich Ver­fü­gungs­be­rech­tig­ten von Bau­denk­mä­lern ha­ben ih­re Bau­denk­mä­ler in­stand­zu­hal­ten, in­stand­zu­set­zen, sach­ge­mäß zu be­han­deln und vor Ge­fähr­dung zu schüt­zen, so­weit ih­nen das zu­zu­mu­ten ist. 2 Ist der Ei­gen­tü­mer oder der sonst ding­lich Ver­fü­gungs­be­rech­tig­te nicht der un­mit­tel­ba­re Be­sit­zer, so gilt Satz 1 auch für den un­mit­tel­ba­ren Be­sit­zer, so­weit die­ser die Mög­lich­keit hat, ent­spre­chend zu ver­fah­ren.«

  14. Manu sagt:

    Die­se Ge­schich­te ist un­glaub­lich und stinkt zum Him­mel! War­um re­agiert die Stadt mit ei­ner Frist­ver­län­ge­rung? Bis 20. Ja­nu­ar war al­le Zeit der Welt für die Stel­lung­nah­me. Will man viel­leicht die Fri­sten so oft ver­län­gern, bis die Tat ver­jährt ist?

  15. Doc Bendit sagt:

    Ei­ne Schan­de ! War­um hat man den Ex-Be­sit­zern nicht rich­tig ei­ne rein­ge­würgt? So hät­te man we­nig­stens ei­nen Teil des Kauf­prei­ses für das Ho­tel wie­der zu­rück­ho­len kön­nen... Oder gar ein ganz schlim­mer Ver­dacht: die stecken al­le un­ter ei­ner Decke und wol­len den Saal so­zu­sa­gen »sturm­reif schie­ßen«, da­mit man ihn dann leich­ter ab­rei­ßen kann.

  16. Manu sagt:

    Tja, das war ja lei­der zu er­war­ten, dass die­se Ge­schich­te aus­geht wie das Horn­ber­ger Schie­ßen!

    Und sol­che Ge­dan­ken könn­ten ei­nem tat­säch­lich kom­men...

  17. [...] im Um­gang mit un­se­rer »gu­ten Stu­be«. Zwar sind sie die ein­zi­gen, die ei­nen Er­halt des al­ten Kai­ser­saals ins Au­ge fas­sen, aber das er­scheint mir mit zu vie­len wenn und abers be­haf­tet und da­mit nur ei­ne [...]

  18. Pres­se­spie­gel: »Das Park­ho­tel in Fürth« (Vom Spie­len und Ent­decken)

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