En­de ei­ner Kaf­fee­fahrt

24. Juni 2010 | von | Kategorie: Der besondere Beitrag

»Princi­piis ob­sta se­ro me­di­ci­na pa­ra­tur«
(»Sträu­be dich gleich zu Be­ginn; zu spät wird be­rei­tet der Heil­trank.«)
Ovid: »Re­me­dia amo­ris« (»Die Heil­mit­tel ge­gen die Lie­be«)

Wit­wen­treff

Café Fürst um 1909 (Foto: historisch)

Das be­rühm­te Ca­fé Fürst in der Stern­stra­ße hat­te sei­ne be­sten Zei­ten En­de der 1970er Jah­re schon lan­ge hin­ter sich. Die Zei­ten, als Max Grun­dig und Lud­wig Er­hard hier Bil­lard spiel­ten, als Theo Lin­gen und an­de­re Schau­spie­ler sich hier tra­fen, sie wa­ren ver­gan­gen, üb­rig wa­ren die ver­schlis­se­nen ro­ten Kunst­le­der­pol­ster, mor­bi­der Charme, das Fürst lag in der Ago­nie.

Ei­gent­lich ver­kehr­ten hier nur noch al­te Her­ren zum Schach- oder Kar­ten­spie­len und al­te Da­men mit noch äl­te­ren Hü­ten. Die Ju­gend spöt­tel­te, im Fürst brin­gen Fürths Wit­wen das Geld ih­rer Män­ner durch. Karl Fürst II., der letz­te vie­rer Ge­nera­tio­nen von Fürst, führ­te das Ca­fé. Er war Kon­di­tor, im er­sten Stock über dem Ca­fé wa­ren die gro­ße Rühr­ma­schi­nen, mit de­nen Karl Fürst I. den schon roh ver­lockend rie­chen­den Teig ge­kne­tet hat­te. Es war ru­hig hier, man ta­xier­te ge­mäch­lich die Tisch­nach­barn, konn­te den äl­te­ren Herr­schaf­ten in Nah und Fern zu­lä­cheln, mit­tags bei ei­nem Kaf­fee, abends beim Wein oder bei ei­nem He­fe­wei­zen.

 
Mo­bi­ler so­zia­ler Hilfs­dienst

Es war an ei­nem Win­ter­mor­gen, ir­gend­je­mand ließ wie je­den Mor­gen lan­ge vor Son­nen­auf­gang un­ter dem Fen­ster der Ar­bei­ter­wohl­fahrt (AWO)-Zivildienstwohnung in der Hir­schen­stra­ße sei­nen Mo­tor warm­lau­fen. Die fah­le Win­ter­son­ne trieb uns dann voll­ends aus der hel­len Nacht in die Dun­kel­heit des All­tags, bis abends wie­der die Knei­pen und das Ca­fé er­wach­te und ich in das war­me Licht am Tre­sen ein­tauch­te.

Zi­vil­dienst, »Mo­bi­ler so­zia­ler Hilfs­dienst« hieß der All­tag, ei­ne gu­te Sa­che, erst En­de der 70er Jah­re ins Le­ben ge­ru­fen, aber mit gra­vie­ren­dem All­tag. Zen­ti­me­ter­dick mit Müll und Hun­de­kot über­säh­te Woh­nun­gen, Men­schen wund­ge­le­gen bis zu den Kno­chen, Ein­sam­keit in arm­se­li­gen, dunk­len, kal­ten Zim­mern. Alt wer­den ist nicht schön, alt wer­den und arm sein ist schlimm. Kein Wun­der, dass die al­ten Leut­chen, die ich be­treu­te, mit mir ins Ca­fé oder in ei­ne Gast­stät­te »un­ter Leut´« woll­ten, so­fern sie die Woh­nung über­haupt noch ver­las­sen konn­ten und ge­nug Geld hat­ten.

Und so kam ich öf­ters in das Ca­fé Fürst und manch­mal ging ich auch nach dem Dienst nicht in mei­ne furcht­bar ver­rauch­te und et­was ver­ruch­te Stamm­knei­pe Wolfschlucht in der Wil­helm­stra­ße, son­dern ge­le­gent­lich in das Ca­fé Fürst in der Stern­stra­ße, zu­dem lag es na­he der Zi­vil­dienst­woh­nung im ehe­ma­li­gen »Haus der Ar­bei­ter­be­we­gung«, Hir­schen­stra­ße 24. Auch mein frü­he­rer Leh­rer »Whis­key Schmidt« aus dem Har­den­berg ver­schlug es mit­un­ter an die­sen für jün­ge­re Men­schen doch eher un­ge­wöhn­li­chen Ort, aber er lieb­te eben das Mor­bi­de

 
Un­ge­wöhn­li­cher Gast

In Ge­dan­ken an den mensch­li­chen Ver­fall be­trat ich das Ca­fé und er­blick­te ei­nen für das Ca­fé recht un­ge­wöhn­li­chen Gast, ei­ne gut aus­se­hen­de »Hip­pietan­te« so Mit­te 40, nur we­nig jün­ger als mei­ne Mut­ter da­mals. Sie war der­art be­han­gen mit Tand aus Men­schen­hand, mit Sil­ber­schmuck und far­ben­fro­hen Klei­dern, dass mir gleich der Ver­dacht kam, da will je­mand et­was ver­stecken.

Der et­was me­lan­cho­lisch wir­ken­den Frau sah man an, dass sie in jeg­li­cher Hin­sicht ziem­lich viel er­lebt hat­te und nicht al­les wie er­hofft ver­lau­fen war, die Spu­ren hier­von zo­gen mich an, wie mich Ge­schich­te und Ge­schich­ten im­mer schon an­zo­gen und noch heu­te an­zie­hen: »Ist hier noch frei?«

Irland (Foto: Alexander Mayer)

Sie be­jah­te, da­bei mu­ster­te sie mich kurz von der Sei­te, kurz, aber doch et­was län­ger als nor­mal. Wir ka­men ins Ge­spräch, sie ver­trieb pro­fes­sio­nel­le Kaf­fee­ma­schi­nen ei­nes würt­tem­ber­gi­schen Her­stel­lers, ne­ben­bei exo­ti­sche Kaf­fee­sor­ten, und tin­gel­te durch die Ca­fés in ganz Eu­ro­pa. Sie war ge­bür­ti­ge Irin: »Ei­gent­lich bin ich ei­ne Tin­ker«. Was ist ein »Tin­ker«, frag­te ich, das er­in­ner­te mich nur an die El­fe Tin­ker­bell, die Pe­ter Pan be­glei­tet. Sie lach­te: »El­fen hö­re ich auch manch­mal hin­ter mir ki­chern... Tin­ker sind fah­ren­de Händ­ler, in Ir­land ha­ben sie so­gar ei­ne ei­ge­ne Spra­che und fuh­ren frü­her mit bunt be­mal­ten Pfer­de­fuhr­wer­ken im Land her­um«. Sie sei so­gar noch in ei­nem sol­chen Wa­gen ge­bo­ren, und der Na­me kom­me von Tin, Zinn, oder sei Laut­ma­le­rei, weil die Tin­ker zu­meist Kes­sel­flicker wa­ren, und das mach­te dann »tink – tink – tink«. Kann sein, ant­wor­te­te ich, in Fürth gibt es die al­te Schu­ster­dy­na­stie Than­ner, wohl auch ei­ne Laut­ma­le­rei.

Wir tra­fen uns ab die­sem Abend im­mer wie­der, vor al­lem da Karl Fürst von ihr da­mals ei­ne von uns bei­den ganz be­son­ders ge­schätz­te Ra­ri­tät be­zog: Kaf­fee von der in­do­ne­si­schen In­sel Ja­va, ei­ne De­li­ka­tes­se.

Karl Fürst hat­te ihr zu­dem ei­ne gro­ße Kaf­fee­ma­schi­ne ab­ge­kauft, die ih­ren Dienst noch bis zum En­de des Fürst 15 Jah­re spä­ter ver­se­hen soll­te. Auch des­we­gen fei­er­te sie ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter ei­nen Ge­burts­tag im Fürst, wel­chen, das ver­riet sie nicht. Ein er­stes Küss­chen, ich strei­chel­te ihr ka­me­rad­schaft­lich über den Rücken, ich merk­te, wie sie beb­te. Seit­dem gab es bei je­dem Tref­fen Küss­chen, die bald an­re­gen­der wa­ren als selbst der Kaf­fee aus Ja­va, ja sü­ßer noch als Karl Fürsts zu­meist reich­lich sü­ßer Ku­chen.

Ei­ni­ge Wo­chen spä­ter be­rei­te­te sie ei­ne län­ge­re Ge­schäfts­rei­se durch Eu­ro­pa vor und wir tran­ken un­se­ren Kaf­fee im Ca­fé Fürst. Ich sag­te zu ihr, sie sol­le nur wie­der­kom­men und nicht in der Fer­ne blei­ben, das Gu­te liegt so nah, gab ihr zum Ab­schied ein, zwei Küs­se auf die Backe und dann gab es plötz­lich ei­nen rich­ti­gen Kuss... wir sto­ben er­schrocken aus­ein­an­der.

 
Beu­te­sche­ma

Galway Pub (Foto: Alexander Mayer)

Es kam ein Brief aus Lis­sa­bon, aus dem Ca­fé A Bra­si­lei­ra am Lar­go do Chia­do, wo auch der por­tu­gie­si­sche Na­tio­nal­dich­ter Fer­nan­do Pes­soa sei­ne Zei­len schrieb, der Dich­ter, der sich für sein Werk in so bei­spiel­lo­ser Kon­se­quenz dem Al­ko­hol aus­lie­fer­te... Bei ei­nem Ga­ra­to schrieb sie, wie sehr sie an mich ge­dacht ha­be, sie schrieb von dem Feu­er, vor dem sie Angst hat­te, Angst, dass es sie ver­zeh­re, dass sie für ein paar Ta­ge Pau­se ma­che und sich an ei­nem ein­sa­men Strand an der Al­gar­ve zu­rück­zie­he, dann wä­re erst ein­mal Funk­stil­le und das wä­re gut so... Ich ver­stand nicht al­les so, schrieb trotz­dem zu­rück »Funk­stil­le? Ich spü­re Dei­ne Ge­dan­ken...«.

End­lich kam nach gut ei­ner Wo­che wie­der ei­ne Ant­wort, aus Ma­drid, sie saß auf den durch­ge­ses­se­nen, samt­ro­ten, von Brand­flecken ge­zeich­ne­ten Pol­stern im Ca­fé Gi­jon an der Pa­seo de Re­co­le­tos und trank ei­nen Ca­fé Ex­prés con Na­ta: »Ich wür­de dir ger­ne noch so viel er­zäh­len, so viel Lie­bes ´rü­ber­schicken. Ach ja, ich bin ein ab­so­lu­ter Lie­bes-Schis­ser ge­wor­den, macht mir al­les et­was Angst, fühlt sich aber wun­der­schön an.«

Und es ka­men Wor­te, die mei­nen ju­gend­li­chen Ver­stand wei­ter ver­wirr­ten, aus Bar­ce­lo­na, sie saß hin­ter der Ju­gend­stil­fas­sa­de des Bar-Re­stau­rants Car­rers bei ei­nem Ca­fé en Va­so de Caña: »Ich weiß nicht, was Du Dir wünscht, von mir er­war­test. Ich kann Dir nur sa­gen was ich er­war­te. Nichts. Noch nichts. Ist noch zu früh«.

Ich dach­te: Was will die­se Frau ei­gent­lich? Ich saß im Ca­fé Fürst, war­te­te bis sich der Kaf­fee von der Vul­kan­in­sel auf den Bo­den ab­setz­te und ant­wor­te­te dann un­ter an­de­rem: »Was ich ge­nau er­war­te, weiß ich auch nicht, aber je­den­falls nicht ‘Nichts’ wie Du.«

Sie schrieb aus dem Pa­ri­ser Ca­fé de la Paix bei ei­nem Rist­ret­to, dass we­der ich in ihr, noch sie in mein »Beu­te­sche­ma« pas­sen wür­den, dass sie zu alt sei und nicht ein­mal Ab­itur ha­be. Mich nerv­te das Hin und Her und ant­wor­te­te sar­ka­stisch, dass ich ein paar Ta­ge mit ei­ner Ab­itu­ri­en­tin aus mei­nem Jahr­gang in Ber­lin ei­ne Aus­stel­lung an­schaue und die­se Frau na­tür­lich eher in mein »Beu­te­sche­ma« pas­se als ei­ne Hip­pie-Glo­be­trot­te­rin.

Die Ant­wort kam aus der Ca­fé-Bar La Pe­tit Re­nais­sance in der Bou­le­vard Ornano, wo sie vor ei­nem Ca­fé Na­tu­re saß: »Ich wün­sche Dir ei­ne gu­te Rei­se mit Dei­nem Beu­te­sche­ma. An­son­sten sor­ry, wenn ich Dir mit mei­nen ‘Nur-Nichts-Er­war­ten’ auf den Fuß ge­tre­ten bin. Ist so et­was wie ein Selbst­schutz. Wer nichts er­war­tet, kann nicht ent­täuscht wer­den. Da kommt wie­der der Schis­ser in mir durch. Für Dich wür­de ich so­gar das Abi nach­ho­len.«

 
Von der Gout´n Becki zum Fen­ster­guckerl

Ich war zur Ab­wechs­lung in der Kö­nig­stra­ße, in der »Gout´n Becki« buk Ge­org Schmel­zer sein Brot und sei­nen Ku­chen. Die Schmel­zers wa­ren fast so lan­ge wie die Fa­mi­lie Fürst ei­ne In­sti­tu­ti­on in Fürth, schon seit 1890 be­trieb die Fa­mi­lie die­se Bäcke­rei. Das Haus war ein Ku­rio­sum an ver­win­kel­ten Trep­pen, Zim­mer und Zim­mer­chen kreuz und quer... in ei­nem die­ser ei­gen­ar­ti­gen Zim­mer­chen war 1808 Wil­helm Lö­he ge­bo­ren wor­den, der »Va­ter der frän­ki­schen Dia­ko­nis­sen«. Im Ver­kaufs­raum lag wohl seit Jahr­zehn­ten ei­ne dicke Glas­schei­be über den Tre­sen, sa­ti­nier­tes Glas hät­te man mei­nen kön­nen – nein, es war nur so zer­kratzt von den dar­auf ge­wor­fe­nen Geld­stücken.

Lei­der war das Ca­fé ne­ben dem Ver­kaufs­raum schon lan­ge ge­schlos­sen, nach ei­nem weh­mü­ti­gen Sei­ten­blick ging ich wei­ter zur Bäcke­rei Moreth. Hans Moreth hat­te 1967 die Bäcke­rei Schmer­ler durch »Ein­hei­rat« über­nom­men, zu­vor führ­te er das el­ter­li­che Ge­schäft in Ron­hof wei­ter, fuhr bis 1966 das Brot mit dem Pfer­de­wa­gen aus. Hier gab es nun zur Weih­nachts­zeit nicht we­ni­ger als 30 ver­schie­de­ne Sor­ten Ge­bäck und vie­les an­de­re mehr, vor al­lem noch die klei­nen schwe­ren Bröt­chen, die schon da­mals im Ver­schwin­den be­grif­fen wa­ren und durch Back­trieb­mit­tel auf­ge­bla­se­ne Ein­heits­wa­re zu­neh­mend er­setzt wur­den. Mit ei­ner Tü­te Ge­bäck fuhr ich mit dem Fahr­rad wei­ter am Jü­di­schen Fried­hof und am Be­rolz­hei­me­ria­num vor­bei, un­ter die Un­ter­füh­rung durch, bis ich end­lich un­ter dem Ca­fé Fen­ster­gucker stand, frü­her als »ABC« be­kannt: »A...backencafé«.

 
Die Wel­le

Ein Platz am Fen­ster war frei, ich konn­te die Kreu­zung un­ter mir ge­nau­so über­blicken wie vor mir auf der Ei­sen­bahn­brücke den re­gen Bahn­ver­kehr, Dampf­loks wa­ren kei­ne mehr da­bei, die wa­ren in den 60ern zu­nächst im Per­so­nen­ver­kehr, dann auch im Gü­ter­ver­kehr ver­schwun­den. Der Kaf­fee hier war gut, wenn auch nicht her­aus­ra­gend, hier ver­kehr­ten in den 60ern eher die jün­ge­ren Leu­te, aber En­de der 70er war nicht mehr viel los. Was wünsch­te ich mir von mei­ner »Hip­pietan­te«, ich schrieb dies und je­nes, zu­sam­men­fas­send: »Ich wün­sche mir ei­ne wun­der­schö­ne Lie­bes­af­fä­re.« Zu mehr sah ich kei­ne Mög­lich­keit oder ge­nau­er: kei­ne Not­wen­dig­keit. Ge­schrie­ben und auf die Post ge­ge­ben, post­la­gernd nach Ve­ro­na. Ich mach­te mich auf dem Weg zum na­hen Bahn­hof, über das Wo­chen­en­de nach Ber­lin, der Stadt, die ganz an­ders war, aber de­ren Ar­bei­ter­vier­tel und vor al­lem Kreuz­berg in vie­lem Fürth äh­nel­ten.

Irischer Hafen (Foto: Alexander Mayer)

Sie ant­wor­te­te aus dem lie­bens­wer­ten Cha­os des Ca­fé Tu­bi­no in Ve­ro­na, ei­nen Ca­fé Pan­na vor sich: »Die­sen frei­en Tag ha­be ich mir für mei­ne Ge­füh­le, Ge­dan­ken, Äng­ste und mei­ner Lie­be ge­wid­met. Ich ha­be mich in mein son­nen­durch­flu­te­tes Zim­mer ge­legt, und in mich ge­horcht... al­le Ecken und Win­kel durch­stö­bert, al­le Schub­la­den auf­ge­zo­gen und selbst die letz­te dunk­le Ni­sche be­leuch­tet... ha­be über­all Licht und Lie­be hin­ein­ge­las­sen. Ich bin so voll Lie­be zu Dir... Wow. Je­de Zel­le von mir ist er­füllt. Ei­ne gro­ße war­me Wel­le ist durch mei­nen Kör­per ge­schwabbt, hat sich durch mich ge­webt und lebt. Die­ses Ge­fühl hat die Er­de um­schlos­sen und ist wei­ter bis in die Un­end­lich­keit. Mei­ne Lie­be hat sich nicht nur mit Dir ver­schmol­zen, son­dern ist über al­le Gren­zen hin­aus. Sie ist un­glaub­lich stark. Das war heu­te, be­vor ich Dei­nen Brief ge­le­sen ha­be. Ich weiß nicht, ob da nur ei­ne Lie­bes­af­fä­re aus­reicht. Es be­stä­tigt mei­ne Äng­ste, dass ich mehr ver­lan­gen könn­te. Ich will je­man­den an mei­ner Sei­te, der es dann auch ernst meint, und nicht nur für heu­te und viel­leicht mor­gen. Ich hat­te im­mer nur Män­ner, die sich vor Ver­ant­wor­tung ge­drückt ha­ben. Kühl­schrank­hocker nen­ne ich sie. Den gan­zen Tag nur vor mei­nen Kühl­schrank hocken, kif­fen, nicht ar­bei­ten und kei­ne Stüt­ze sein. Sie ha­ben mich aus­ge­saugt, mei­ne Kräf­te ge­nom­men. Des­we­gen woll­te ich mich nicht wie­der öff­nen, bis Du auf­ge­taucht bist. Ich ha­be mich lan­ge ge­wehrt. Mei­ne Ge­füh­le zu Dir sind ja auch schon län­ger vor­han­den. Lie­bes­af­fä­ren sind wie ein Wind­hauch. Ich will nicht ein­ge­engt sein, aber ich will mich auf je­man­den ver­las­sen. Ich brau­che ei­ne Stüt­ze. Sor­ry, bin nicht nur ein Schis­ser son­dern auch ein Dus­sel. Ich kann nicht mehr schrei­ben, mei­ne Ge­füh­le ge­hen mit mir durch.«

 
Ein­stein und sei­ne Mi­schung

Spä­ter, viel spä­ter be­wun­der­te ich die Poe­sie und die Tra­gik des Brie­fes, aber da­mals ver­stand ich nicht, vom Ca­fé Ein­stein in Ber­lin bei ei­nem Ein­spän­ner mit der spe­zi­el­len Ein­stein Rö­stung Tor­re­fa­zio­ne Tri Caf­fè Aglia­na ant­wor­te­te ich: »Al­so das är­gert mich jetzt aber schon. Erst be­tonst Du, dass Du nichts er­war­test, ein paar Ta­ge spä­ter willst Du al­les so­fort vom er­sten Au­gen­blick an. Und für Dei­ne Ver­glei­che mit Kif­fern und Kühl­schrank­hockern ha­be ich Dir mei­nes Wis­sens kei­nen An­lass ge­ge­ben. Ich den­ke fast je­de Mi­nu­te an dich und dann so was...«.

Ich war ver­liebt in sie, aber ich war jetzt völ­lig über­for­dert. Ich schrieb am näch­sten Mor­gen ziem­lich grob ei­nen zwei­ten Brief aus der Pa­ris-Bar in der Ber­li­ner Kant­stra­ße: »Ich brau­che end­lich wie­der ei­nen kla­ren Kopf und ich muss end­lich wie­der ei­ni­ger­ma­ßen schla­fen. Ich kann mir die­se sinn­lo­se Ver­liebt­heit ein­fach nicht lei­sten. Ich kann nicht Hals über Kopf mei­ne Stadt und al­les sonst ver­las­sen, noch da­zu für je­man­den, der al­le paar Ta­ge sei­ne Mei­nung über ei­ne even­tu­el­le Be­zie­hung voll­stän­dig än­dert. Im Üb­ri­gen pas­se ich auch nicht in Dein Beu­te­sche­ma, ich will nicht Teil Dei­ner Tro­phä­en­samm­lung sein. Wir pas­sen ein­fach nicht zu­sam­men.«

Sie saß im ba­rocken Kaf­fee­haus­saal des Tu­ri­ner Caf­fè Plat­ti an der Cor­so Ema­nue­le vor ei­nem Caf­fe Fred­do und schrieb: »Du brauchst Dich nicht zu är­gern. Die Kühl­schrank­hocker und Kif­fer ha­be ich nicht mit Dir ver­gli­chen! Ganz im Ge­gen­teil. Ich bin ja froh, dass Du da ganz aus dem Rah­men fällst, sonst hät­te ich mich auch nicht in Dich ver­liebt... Sor­ry, dass mei­ne Ge­füh­le mich ge­stern über­rannt ha­ben. Bin recht ver­wirrt. Soll­te an sol­chen Ta­gen gar nicht schrei­ben und war­ten bis ich al­les wie­der sor­tiert ha­be... oder soll­te bes­ser gar nicht schrei­ben. Bin in sol­chen Din­gen nicht so gut. Und ra­te mal, an wen ich fast je­de Mi­nu­te den­ke?« – Zu die­sem Zeit­punkt hat­te sie of­fen­sicht­lich mei­nen Brief aus der Ber­li­ner Pa­ris-Bar noch nicht ge­le­sen.

 
Die Gas­se des Pfar­rers

Haus Seamist (Foto: Alexander Mayer)

Ich kom­me in Fürth am ver­gam­mel­ten Haupt­bahn­hof an, grau­er Mon­tag­mor­gen, ge­he in die al­te Post mit ih­ren da­mals noch wun­der­schö­nen, holz­ge­schnitz­ten Schal­tern, bald soll­te sie ab­ge­ris­sen wer­den, ho­le den Brief ab, er kam vom Ar­ti­co Cafè Gre­co in Rom, Via Cond­ot­ti 86 na­he der Piaz­za di Spa­gna, wo vor ihr schon Goe­the, Ca­sa­no­va, Bau­de­lai­re, Scho­pen­hau­er, Franz Liszt, Men­dels­sohn, Wag­ner und Nietz­sche ver­kehrt und Brie­fe ge­schrie­ben hat­ten.

Ich ge­he zur Stra­ßen­bahn­schlei­fe am da­mals noch schö­nen Bahn­hofs­platz, noch fährt die Stra­ßen­bahn, am 21. Ju­ni 1981 wird sie in Fürth still­ge­legt wer­den. Ein­stei­gen, Um­stei­gen gleich an der Frei­heit in die 7er Rich­tung Bil­ling­an­la­ge, Fahrt durch die Ru­dolf-Breit­scheid-Stra­ße und die Schwa­ba­cher Stra­ße, Aus­stei­gen am Grü­nen Markt, ich lau­fe ziel­los los, die Kö­nig­stra­ße hoch, durch den Durch­gang zu dem ur­alten, win­zi­gen Platz mit sei­nen Fach­werk- und Sand­stein­häu­sern, fünf Jah­re spä­ter auf den Na­men Waag­platz ge­tauft, über das Kopf­stein­pfla­ster zur Gu­stav­stra­ße, von dort zum Kir­chen­platz. Das Alt­stadt­vier­tel St. Mi­cha­el, ein Dorf in der Groß­stadt, die Kir­che, die klei­ne Schu­le, al­les wie im­mer, gro­ßes Hal­lo, der Rek­tor be­grüßt wie je­den Mor­gen al­le Kin­der, kennt je­des mit dem Vor­na­men. Es war nichts ge­we­sen, es war al­les nur ein bö­ser Traum ge­we­sen, in dem ei­ne ganz kur­ze schö­ne Ge­schich­te ein­ge­packt war....

Ich lau­fe die en­ge Pfarr­gas­se zwi­schen den al­ten Sand­stein­mau­ern, blicke hoch zum Stor­chen­schlot, die Stör­che sind ir­gend­wo in Afri­ka, Glatt­eis, kal­ter Atem, vor mir geht die Trep­pe hin­un­ter zur Fi­scher­gas­se, ich blei­be ste­hen in der en­gen Gas­se, neh­me den Brief her­aus, ver­dammt, ir­gend­wann muss ich ihn ja doch le­sen, ich öff­ne und le­se: »Sor­ry, mein Feu­er ist mit mir durch­ge­gan­gen, es war wohl ei­ne ganz bit­te­re Boh­ne in mei­nem Kaf­fee, ich übe noch mit der Ge­duld, näch­sten Diens­tag Früh­stück im Fürst?! Ich lie­be Dich trotz­dem. Ei­ne Chan­ce bit­te. Sei fair, ich kann nicht mehr ar­bei­ten, mein Herz blu­tet...«

Sie lern­te ein Jahr spä­ter auf ih­ren Kaf­fee­fahr­ten ei­nen Mann ken­nen, der in ihr »Beu­te­sche­ma« pass­te und er­zähl­te dar­auf­hin im Ca­fé Fürst je­dem, der es wis­sen woll­te oder auch nicht, sie sei »ver­liebt wie seit 21 Jah­ren nicht mehr« – ein frü­he­rer Schul­bank­nach­bar be­rich­te­te es mir an mei­nem 20. Ge­burts­tag... und auch das Ca­fé Fürst wur­de ab­ge­ris­sen.

Wa­ren die Poe­sie, die Lie­bes­schwü­re, die ich noch lan­ge mit mir her­um­trug, wa­ren sie nur ir­gend­wo ab­ge­schrie­ben? – Wie an­de­re, von mir selbst ko­pier­te Zei­len, die ich fast im­mer mit mir her­um­tra­ge: »Werd´ ich zum Au­gen­blicke sa­gen: Ver­wei­le doch! du bist so schön! Dann magst Du mich in Fes­seln schla­gen....«

Schlim­mer noch: Was woll­te mir das Schick­sal da­mit sa­gen, dass ich vie­le Jah­re spä­ter haar­ge­nau den­sel­ben des­il­lu­sio­nie­ren­den Satz in ei­ner ähn­li­chen Si­tua­ti­on noch ein­mal hör­te?

Wie al­bern die­ses ur­alte Spiel doch ist!?

 
Der ver­brann­te Brief

In der Hir­schen­stra­ße 24 tob­te wie­der ein­mal ei­ne Aus­stands­fe­te, der zu ver­ab­schie­den­de Zi­vi hat­te ei­ne Vor­lie­be für wei­ßen Rum, ob­wohl er da­von im­mer be­äng­sti­gen­de ro­te Äder­chen in den Au­gen be­kam. Als die Fei­er fort­ge­schrit­ten war, drück­te er mir ei­nen Um­schlag in die Hand: »Da, ein Brief für dich, kam ge­stern oder so.« Ich nahm ihn, las et­was be­ne­belt den Ab­sen­der: »Tin­ker­bell, Bewley´s Ori­en­tal Ca­fe, Graft­on Street 78, Dub­lin«. Ich riss ihn auf, las und warf den Brief in den Koh­le­ofen. Am näch­sten Tag konn­te ich mich an kein Wort mehr er­in­nern, ich sto­cher­te im Ofen, aber es war kein Fet­zen üb­rig. Nur der Um­schlag mit der Adres­se lag noch zer­knüllt im Cha­os... Lan­ge Zeit hob ich ihn auf, den Um­schlag, drei­ßig Jah­re lang.

Dann, eben ge­ra­de mal drei­ßig Jah­re spä­ter, folg­te ich dem Ab­sen­der auf dem ver­gilb­ten Um­schlag und saß schließ­lich im be­sag­ten Bewley´s Ori­en­tal Ca­fe, und ich roch ihn: un­se­ren Kaf­fee aus Ja­va. Ich trank zwei Tas­sen und frag­te, wer die Boh­nen im­por­tie­re. Die wer­den von ei­ner äl­te­ren Da­me ge­lie­fert, die in ei­nem klei­nen Ort in Con­ne­ma­ra ei­nen Groß­han­del, ein klei­nes Ho­tel und ein Ca­fé be­trei­be. Ich durch­quer­te non­stop die grü­ne In­sel von der Ost- zur West­kü­ste, im Ra­dio lief Ste­ve Earles Song »Gal­way Girl«, da­mals wo­chen­lang die Num­mer eins in den iri­schen Charts: »And I ask you, friend, what’s a fel­la to do, ‘cau­se her hair was black and her eyes we­re blue. So I took her hand and I ga­ve her a twirl and I lost my heart to a Gal­way girl. – When I wo­ke up I was alo­ne, with a bro­ken heart and a ticket home«

Stun­den spä­ter stand ich vor dem wun­der­schö­nen al­ten Ho­tel, House Sea­mist (»Mee­res­ne­bel«), ganz von Blu­men um­rankt wie ein ver­zau­ber­tes Schloss. Das na­he­ge­le­ge­ne Ca­fé war da­ge­gen eher mo­dern, aber im Schau­fen­ster stand er, der be­ste Kaf­fee der Welt, 25 Gold­me­dail­len. Ich setz­te mich in das Ca­fé am ver­reg­ne­ten Ha­fen, sie saß am Ne­ben­tisch bei ei­nem Kaf­fee und rech­ne­te ih­re Bi­lan­zen: Lohnt es sich, lohnt es sich nicht? Sie er­kann­te mich nicht, viel­leicht hat sie mich ver­tieft in ih­re Bi­lan­zen gar nicht wirk­lich ge­se­hen. Ich frag­te sie in Ge­dan­ken »De­ar la­dy, can you he­ar the wind blow, and did you know your stair­way lies on the whis­pe­ring wind?« und lä­chel­te spöt­tisch in mich hin­ein: Of­fen­sicht­lich hän­ge ich nicht über dem Ka­min als Beu­te­tro­phäe, da­für hat es nicht ge­reicht... Gott sei Dank.

Die Gustavstraße in Fürth (Foto: Alexander Mayer)

 
Heu­te...

... sit­ze ich im Ca­fé Mi­chae­lis, trin­ke Lat­te mac­chia­to, manch­mal weht da­zu ein Hauch süß­li­cher San­del­holz­duft vom Nach­bar­la­den her­über, oder ich sit­ze vor dem Ca­fé »Die Bar« auf der Gu­stav­stra­ße, schaue die schö­nen Häu­ser an, be­ob­ach­te den Storch ein­se­geln und trin­ke dort den duf­ten­den Ca­puc­ci­no, ma­le in Ge­dan­ken, träu­me und schrei­be der Wirk­lich­keit ent­ge­gen, die ganz klar hin­ter dem trü­ben Schein der Din­ge liegt.

Wer sich selbst hier nicht fin­det, der fin­det sich auch nir­gend­wo sonst in der gro­ßen wei­ten Welt.

 
Dr. Alex­an­der May­er ist eh­ren­amt­li­cher Stadt­hei­mat­pfle­ger in Fürth.

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Ein Kommentar zu »En­de ei­ner Kaf­fee­fahrt«:

  1. Da ich zu mei­ner gro­ßen Über­ra­schung mehr­fach (!) auf der (Gu­stav-) Stra­ße ziem­lich di­rekt und fast schon in­dis­kret nach den Tat­sa­chen hin­ter der Kaf­fee­fahrt an­ge­spro­chen wur­de, sei die Fra­ge wie folgt be­ant­wor­tet: Die Ge­schich­te ist zu 98 Pro­zent wahr, nur ha­be ich zwei Ge­schich­ten zu ei­ner ge­macht. Die bei­den Ge­schich­ten ha­ben nur ei­nen Ver­bin­dungs­punkt, und der steht in der Ge­schich­te. Mehr wird kei­nes­falls ver­ra­ten.

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