Fürths fragwürdiger Umgang mit Geschichte

11. Dezember 2017 | von | Kategorie: Vermischtes

Es ist nur eine Kleinigkeit, einen Irrtum richtig zu stellen, sollte man meinen. Die ‚StadtZeitung‘, heraus­ge­ge­ben vom Bürgermeister- und Presse­amt, brachte am 8.11.2017 ein Gewinnspiel mit der Frage nach dem Datum der Orts­grün­dung (um 760) und verwechselte dieses mit der 1. urkundlichen Er­wäh­nung (1007). Ich machte auf den Fehler auf­merk­sam…

Vorgaukelei hat in Fürth Tradition... (Foto: Ralph Stenzel)

Vorgaukelei hat in Fürth Tradition…

In der nächsten Ausgabe hieß es dann: »Die richtige Lösung in Runde 17 lautete Buchstabe A: 1010 Jahre (= 1007 – GW). Viele richtige Antworten sind ein­ge­gan­gen.« Auf ein weiteres Schreiben erhielt ich die Antwort, dass ich »Dvom korrekt historischen Standpunkt natürlich recht« habe. »Doch jeder Fürther, jede Fürtherin, der/die 2007 den 1000. Geburtstag mit uns gefeiert hat, nimmt das Jahr 1007 als die offizielle Geburtsstunde unserer Stadt …« Es gibt in Fürth also neben dem »korrekten hi­sto­ri­schen Standpunkt« noch den, wie’s hier üblich ist. Kleist könnte hier auch ohne zerbrochenen Krug eine Jubiläums-Komödie hinzufügen (hierzu ein Nachtrag un­ten). Man nähme einen Ausrutscher hin. Aber das Um­eti­ket­tie­ren der Stadt­ge­schich­te hat inzwischen Methode.

Nehmen wir die anstehende Feier zu … – ja was eigentlich? Zuerst wollte man 2018 ‚200 Jahre Stadt‘ feiern. Dann verwies ich auf die gesamte Literatur zu Fürth, die 1808 für die Stadterhebung nennt. Am 28.8.2017 schaltete sich Herr Händel von den ‚Fürther Nachrichten‘ ein (nicht unter Bezug auf mich). Er fragte den, »der es wissen muss… eine Art Chef-Historiker der Kleeblattstadt«. Da ist halt die Welt noch in Ordnung, auch wenn sie klein und eng ist. Es sei zwar richtig, dass Fürth 1808 formal Stadt wurde, »worauf es aber wirklich ankomme«, sei, »was ver­wal­tungs­tech­nisch und nicht zuletzt emotional dahintersteht« (FN, 28.8.2017 mit Zitat des Archivars). 1818 durften die Fürther »erstmals einen Oberbürgermeister und einen Magistrat, also Stadtrat wählen…«. In Fürth gibt es Ober­bür­ger­mei­ster seit 1908 (vorher 1. Bürgermeister). Auch der Rest ist falsch.

»200 Jahre eigenständig« heißt jetzt das Zauberwort. Und dazu im Programmheft »Stadt seit 1818«. Hier führt der OB aus: »Damit begann eine geradezu atem­be­rau­ben­de Entwicklung. Erstmals in der Geschichte konnten die Fürtherinnen (!?-GW) und Fürther ihre Geschichte selbst be­stim­men und sich verwalten. Der bisherige Markt­flecken wurde zur aufstrebenden Stadt mit tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen.« Da ist alles falsch, der Inhalt, der Bezug.

Was ist das für eine historische Kategorie, die Eigenständigkeit? Fürth gehörte zum jungen Königreich Bayern, das seit der Niederlage Napoleons und dem Wiener Kongress auch noch die kleinsten Freiheitsrechte rückgängig machte. Nicht Eigenständigkeit war das Thema, sondern die Restauration des spät-absolutistischen Systems, ein Untertanenstaat mit der Verfolgung jeglicher freiheitlichen Regung. Das steht in allen Geschichtsbüchern so. Für Fürth soll das nicht gelten?

Bedeutet Eigenständigkeit »kommunale Selbstverwaltung«, wie die Stadt in einer Anzeige im ‚MarktSpiegel‘ am 29.11.2017 behauptet? Die kommunale Selbst­ver­wal­tung gibt es in Bayern ab 1919 mit dem Übergang zur demokratischen Republik. Aber natürlich gab es zuvor zur Lösung von Problemen vor Ort eine begrenzte Verwaltung durch die Bewohner. 1497 wird erstmals in Fürth eine ‚Ge­meindOrd­nung‘ erwähnt. Wahlberechtigt waren die (Haus-)be­sitz­en­den Fürther. Bis zu 8 Bürgermeister bildeten sich allmählich als innerer Zirkel unter dem Rech­nungs­füh­ren­den Bürgermeister heraus. Zwischen 1792 und 1802 beseitigten die jetzt in Fürth herrschenden Preußen diese Ge­mein­de­ver­wal­tung weitgehend. Ein strenges Zensuswahlrecht (ohne Frauen und Juden) gab es wieder 1818, die Bezeichnungen waren jetzt z.T. anders: 1., 2. Bürgermeister, Magistrat, etc. Aber alle standen unter einer strengen Staats­auf­sicht (Kuratel). Auch da ist sich die gesamte Literatur einig. Mit dem Titel Stadt 1.Klasse wurde primär die Größe der Verwaltung festgelegt und damit die Besoldung des Personals. (Belege im Artikel »200 Jahre Stadt Fürth?«)

Geht es um größere Freiheiten im Kgr. Bayern im Vergleich zur Dreiherrschaft? Zeitgenossen äußerten sich zu Fürth in der Dreiherrschaft so: Das ‚Handbuch für Kaufleute‘ für die Jahre 1785 und 1786 spricht beim »blühenden Ort« Fürth von »sehr mäßigen Preisen … für alles, was zur Bequemlichkeit des Lebens dient«, von einer großen »Han­dels- und Gewerbefreiheit, die vielleicht an keinem Ort in der Welt in dem Grade statt findet.« Auch seien die öf­fent­li­chen Lasten und Abgaben sehr gering. Der reisende Hofmeister Füssel aus Ansbach schreibt 1791 im ‚Rei­se­ta­ge­buch des fränkischen Kreises‘, »der mancherley Herrschaften wegen, kann sich hier alles ansiedeln, was sonst nirgends Unterkunft findet … Denn hier schränkt kein Zunftzwang die Geschicklichkeit und Arbeitsamkeit des Einwohners ein … Die außerordentlich geringen Abgaben, die jedes Gewerbe hier zu leisten hat, verbunden mit dem Genuß vieler großer Freyheiten, begünstigen hier jede Nahrungsart … Kinder z.B. sind frey von Enrollement (Soldatenwerbung), (der Fürther-GW) selbst ist es von jeder Art von Umgeld und Steuer, von Frohn und Ein­quar­tie­run­gen.«

F. L. Brunn meint 1796 im ‚Grundriß der Staatskunde des deutschen Reichs‘: »Die Fürther Einwohner haben viele Vorrechte und Freyheiten« bei einem außerordentlich lebhaften Handel und Gewerbe. Die ‚Handlungsbibliothek‘ nennt 1799 Fürth als »wohlhabendsten Ort im Fürstenthume« Ansbach-Bayreuth. Ebenso äußert sich Bundschuh im (weit ausführlicheren) ‚Lexikon von Bayern‘. Und weiter: »Die hiesigen Einwohner sind in mancherley Rücksichten unter die glücklichsten in Deutschland zu rechnen, denn geringere Abgaben bezahlt man verhältnißmäßig wohl an keinem Orte … und größere Ge­wer­be­frei­heit trifft man nirgends an.« Im ‚Neuesten Staats, Zeitungs-Reise-Post und Handlungslexikon‘ von Winkopp steht 1804 von der »Thätigkeit, dem Wohlstande und dem großen Geldumsatze … der in dem kleinen Orte herrscht. Dieß alles hat Fürth der unumschränkten Freyheit« und äußerst geringen Abgaben zu verdanken. (Siehe: FürthWiki, Nudelfabriken, Einzelnachweise.)

Die Armen- und Waisenschule (Steindruck von Christian Wilder und Philipp Herrlein, 1835)

Die Armen- und Waisenschule (Steindruck von 1835)

Es ist nicht leicht, Fundiertes zur Effizienz der Fürther Verwaltung in der Drei­herr­schaft zu sagen. Aber nehmen wir die 1767 neu gebaute Armen- und Waisenschule in der Königstraße, eine Gemeindeschule. Natürlich gab es hierbei Stiftungen aus der Bevölkerung. Aber sowohl der Bau als auch der Betrieb lassen sich ohne eine funk­tio­nie­ren­de Gemeindeverwaltung nicht denken. Die positive Darstellung Fürths im Königreich Bayern mit einem Auf­blü­hen der Stadt im Gegensatz zur Dreiherrschaft ent­spricht keiner historischen Realität. Sie hat viel mit bayerischer Pro­pa­gan­da und damit zu tun, dass Fürths wichtige Lokalhistoriker Fronmüller und Schwammberger in Zeiten gelebt haben, in denen der Nationalstaat als das Maß aller Dinge galt. Die Ent­wick­lung Fürths im 19. Jhd. hatte viel mit In­du­stri­a­li­sie­rung und wenig mit Bay­ern zu tun.

Um die Vor- und Nachteile für Fürth in Bayern aus­zu­loten, nützen deshalb absolute Zahlen wenig. Man braucht Angaben über ihre Entwicklung in Relation zu einer anderen Stadt. Nürnberg und ein Vergleich der Ein­woh­ner­ent­wick­lung beider Städte bieten sich an. Fürth nahm von 1700 bis 1798 von etwa 5.500 auf 13.000 zu, also um +136 %. Nürnberg nahm von 1750 bis 1808 von etwa 30.000 auf 25.126 Einwohner ab, also -17 %. Würde man diese fortschreiben, so hätte Fürth um 1875 mehr Einwohner als Nürnberg gehabt. 1862 hatte Fürth jedoch 16.727 (+28 %) und Nürnberg 1855 56.400 (+124 %). Der Vorteil Fürths während der Dreiherrschaft gegenüber Nürnberg war durch die Zugehörigkeit beider zu Bayern verschwunden. (Quellen: Nürnberg-Lexikon, S.142, Schwammberger, A-Z, S.107, Amt f. Statistik)

Nun ist zunächst zu begrüßen, dass Fürth an ortsgeschichtliche Daten erinnert und dies auch feiert. Zumindest, wenn damit auch Substanz aufgebaut wird. Aber angesichts des ignoranten Umgangs des Rathauses mit der Ortsgeschichte muss man sich fragen, ob’s wirklich darum geht. Man schert sich kein bisschen um Fakten, da wird verbogen, gelogen, herumgeeiert, was das Zeug hält. Blamiert man diese ‚Wissenschaftsstadt‘ nicht bis auf die Knochen, wenn sich gravierende Defizite zu Basisdaten der Ortsgeschichte und in den Grundrechenarten zeigen (2018 – 1808 = 200)? Ich empfehle als Pro­gramm­punkt zur Feiersause noch ein ‚Lustiges Basteln einer Stadt­ge­schich­te mit Dr. Thomas Jung‘, angesiedelt unter ‚eigenGlanz‘ oder ‚eigenWohl‘.

Gerd Walther
ehem. Leiter des Rundfunkmuseums der Stadt Fürth
ehem. Leiter des Stadtmuseums Ludwig Erhard

 
Erläuterung:

Richter Adam:
»Befehlen Ew. Gnaden den Prozess
Nach den Formalitäten, oder so,
Wie sie in Huisum üblich sind zu halten?
«

Gerichtsrat Walter:
»Nach den gesetzlichen Formalitäten
Wie sie in Huisum üblich sind, nicht anders.
«

Kleist, Der zerbrochene Krug, 1.Akt, 7.Auftritt

 
Dieser Beitrag erschien erstmals unter dem Titel »Über Fürths fragwürdigen Umgang mit seiner Geschichte« im per­sön­li­chen Blog des Autors, »Der Fränkische Museumsbote«.

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3 Kommentare zu »Fürths fragwürdiger Umgang mit Geschichte«:

  1. […] Nach 20 Minuten klappte ich das erste Heft entnervt zu, ging vor zum Tresen der Bibliothekarin und sprach wie folgt: »Junge Frau, wissen Sie, was ich als über­zeug­ter Fürther jetzt mache? Ich setze mich in den nächsten Zug nach Nürnberg und mar­schie­re dort schnurstracks zur Stadtbibliothek am Cinecitta, woselbst ich in Ruhe und kon­zen­triert lesen kann, während ich hier ohne Unterlaß mit enervierendem Italo-Gedudel aus der scheppernden Billig-Quäke be­auf­schlagt und drangsaliert wer­de. Der Herr Ober­bür­ger­mei­ster hat uns eine Bibliothek mit kleinem Snack-Angebot versprochen, herausgekommen ist ein lärmendes Café-Haus mit erweitertem Lek­tü­re­an­ge­bot. Ein weiterer Fürth-typischer Etikettenschwindel!« […]

  2. In seinem Blog »Der Fränkische Museumsbote« hat Gerd Walther das Thema erneut aufgegriffen. Man lese dazu seine Besprechung »Ausstellung ‚Fürth 200 Jahre eigenständig‘«.

  3. Ute Schlicht sagt:

    Vielen Dank für die Besprechung, Herr Walther!

    Ich »freue« mich auch zunehmend und bei fast jeder Veröffentlichung zum Thema über das Sam­mel­su­ri­um, das uns zu diesem »Jubiläum« geboten wird.

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