Die Spie­gel­glas-Stadt Fürth

3. Oktober 2012 | von | Kategorie: Der besondere Beitrag

In Fürth nahm die Spie­gel­glas- und Spie­gel­in­du­strie seit Be­ginn des 19. Jh. ei­nen be­mer­kens­wer­ten Auf­schwung.[1] In die­sem Pro­zess fiel jü­di­schen Kauf­leu­ten ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le zu.

Bis 1857 hat­te sich das Spie­gel­glas- und Spie­gel­ge­wer­be in Fürth auf Fir­men­ebe­ne wie folgt entwickelt:[2] Es gab 19 Spiegelglasfabriken[3], zwei Spie­gel­fa­bri­ken, 26 Spie­gel­glas­hand­lun­gen und fünf Glas­hand­lun­gen. Spie­gel­glas­fa­bri­ken, Spie­gel­glas­hand­lun­gen und Glas­hand­lun­gen la­gen über­wie­gend, d.h. mit mehr als 75% in der Hand jü­di­scher Kauf­leu­te.

24 Für­ther Fir­men ge­hör­ten da­mals 41 Schleif- und Po­lier­wer­ke, da­von 17 in der Ober­pfalz, zwei in Ober­fran­ken und 22 in Mit­tel­fran­ken, letz­te­res be­dingt durch die Nä­he zu Fürth. 36 die­ser 41 Schleif- und Po­lier­wer­ke stan­den im Be­sitz von 19 jü­di­schen Han­dels­häu­sern.

Das Wohn- und Geschäftshaus sowie das Fabrikgebäude Kohlenmarkt 3 und Hirschenstraße 2 in Fürth, die Zentrale von Seligman Bendit & Söhne (Foto: Archiv Margot Bendit)

Das Wohn- und Ge­schäfts­haus so­wie das Fa­brik­ge­bäu­de Koh­len­markt 3 und Hir­schen­stra­ße 2 in Fürth, die Zen­tra­le von Se­lig­man Ben­dit & Söh­ne (Fo­to: Ar­chiv Mar­got Ben­dit)

Ei­ne wei­te­re wirt­schaft­li­che Ag­glo­me­ra­ti­ons­be­we­gung kenn­zeich­net die kom­men­den Jahr­zehn­te. Bis 1897 hat­te sich die An­zahl von Schleif- und Po­lier­wer­ken nicht ver­än­dert. Rund 200 Schleif- und Po­lier­wer­ke sind na­ment­lich nachzuweisen.[4] Aber die Ei­gen­tü­mer­struk­tur hat­te sich ge­gen­über 1857 ver­än­dert. Jetzt ge­hör­ten 106 Wer­ke zu 34 Für­ther Fir­men, 94 zu 30 Fir­men, die ih­ren Ge­schäfts­sitz an­dern­orts hat­ten. 31 jü­di­sche Fir­men – 24 da­von in Fürth an­säs­sig – stan­den mitt­ler­wei­le im Be­sitz von ins­ge­samt 117 Schleif- und Po­lier­wer­ken. Ein ho­her Grad an fir­men­be­zo­ge­ner und per­so­na­ler Kon­ti­nui­tät kenn­zeich­net die­se Ent­wick­lung. Die glei­chen Fa­mi­li­en ge­stal­te­ten wie 40 Jah­re zu­vor mit den glei­chen Fir­men den baye­ri­schen Flach­glas­markt.

Ganz an­ders sieht das Bild bei den Flach­glas­hüt­ten aus. Nur ei­ne Hüt­te stand 1857 un­ter der Re­gie ei­ner in Fürth an­säs­si­gen Fir­ma. Das zeigt auf, dass Hüt­ten – zu­min­dest über­wie­gend – von grund- und wald­be­sit­zen­den Un­ter­neh­mern aus der Re­gi­on (Ober­pfalz, Ober­fran­ken bzw. West­böh­men) be­trie­ben wur­den. Sie ver­kauf­ten ih­re Er­zeug­nis­se über­wie­gend an Händ­ler, Schleif- und Po­lier­werks­be­sit­zer bzw. an Fir­men nach­ge­la­ger­ter Ver­ede­lungs­stu­fen. Für die auf­stre­ben­den Für­ther Un­ter­neh­mer wa­ren Flach­glas­hüt­ten zu die­ser Zeit noch »un­er­schwing­li­che« In­ve­sti­ti­ons­ob­jek­te.

Die­se Si­tua­ti­on soll­te sich bis zum En­de des 19. Jh. grund­le­gend än­dern. Die baye­ri­sche Flach­glas­bran­che kon­so­li­dier­te sich in dem Sin­ne, dass al­le Wert­schöp­fungs­stu­fen in Fürth re­prä­sen­tiert und prä­sent wa­ren.

Im Zeit­raum 1890 – 1897 las­sen sich in Bay­ern 27 Flach­glas­hüt­ten nach­wei­sen, und zwar in Mit­tel­fran­ken ei­ne, in Ober­fran­ken drei, in Nie­der­bay­ern sie­ben und in der Ober­pfalz 16. Mit den Ober­pfäl­zer Hüt­ten wa­ren auf Un­ter­neh­mer­ebe­ne noch vier Glas­hüt­ten auf der West­böh­mi­schen Sei­te verbunden.[5]

Die baye­risch-böh­mi­schen Glas­hüt­ten, bis weit in die zwei­te Hälf­te des 19. Jh. fast aus­schließ­lich durch Han­dels­be­zie­hun­gen an Fürth ge­bun­den, wur­den nach 1870 auf­grund ver­än­der­ter Be­sitz­ver­hält­nis­se oder Neu­grün­dun­gen in­te­gra­ler Be­stand­teil der Für­ther Flach­glas­bran­che. Ei­nen Ein­druck da­von, wie sich die­ser In­te­gra­ti­ons­pro­zess voll­zog, gibt die nach­ste­hen­de Auf­stel­lung wie­der.

Na­me des Ei­gen­tü­mers bzw. der Fir­ma in Fürth [6]Stand­ort der Glas­hüt­te»An­bin­dung« der Glas­hüt­te an die Für­ther Fir­ma
S. S. Arn­steinMüh­len­tal bei Nit­ten­au1843
Jo­el BachTra­bitz bei Neu­stadt a.d.W.1860
Sa­mu­el Bins­wan­gerLoisnitz/Teublitzum 1870
Chr. Wink­ler & SohnWin­di­sche­schen­bach1872
Weiß & ReichFlanitzhütte/Spiegelau1884
Krails­hei­mer & Mie­de­rerMit­ter­teich1884
Gebr. Bloch / Au­gu­ste Wein­ber­gerWald­sas­sen1884/85
Se­lig­man Ben­dit & Söh­neMarkt­red­witz1887
Bloch & Arn­stein (Leo­pold Bloch / Sig­mund Sa­lo­mon Arn­stein)Tir­schen­reuth1891/92
Gebr. Steinhardt’s Söh­neFlossum 1885
Ta­fel-, Sa­lin- und Spie­gel­glas­fa­bri­ken AGWei­den und Mit­ter­teich1899
Baye­ri­sche Spie­gel- und Spie­gel­glas­fa­bri­ken AGFran­ken­reuth, Furth i. W., Ul­lers­richt1905
Ver­ei­nig­te Baye­ri­sche Spie­gel- und Ta­fel­glas­wer­ke, vorm. Schrenk & Co. AGNeu­stadt a.d.W.1906
Franz Sig­mund May­er, J. W. Ber­lin, Mo­ritz J. Kohn, Gebr. Steinhardt’s Söh­neWald­sas­sen1906/07

Ähn­lich wie bei den Schleif- und Po­lier­wer­ken wa­ren es auch hier jü­di­sche Kauf­leu­te, die das Bild der Bran­che präg­ten.

Wie sich leicht ab­schät­zen lässt, ver­teil­ten sich die für das Für­ther Spie­gel­glas­ge­schäft wich­ti­gen Glas­hüt­ten so­wie Schleif- und Po­lier­wer­ke der Ober­pfalz und West­böh­mens auf ei­ner Flä­che von rund 6.000 qkm. Um das Flach­glas­ge­schäft mit sei­nen zahl­rei­chen Ab­hän­gig­kei­ten (d.h. Ma­te­ri­al­be­reit­stel­lung, En­er­gie­ver­sor­gung, Wit­te­rung, Lo­gi­stik, Ko­sten) und Ver­knüp­fun­gen (d.h. Kun­den­nach­fra­ge, Preis­ent­wick­lung, Ex­port­we­ge, Kon­kur­ren­ten und so wei­ter) er­folg­reich zu füh­ren, eta­blier­ten sich aus­ge­klü­gel­te Netz­wer­ke, per­so­na­le, fi­nan­zi­el­le und or­ga­ni­sa­to­ri­sche. Der ho­he Grad an In­di­vi­dua­li­tät in der Bran­che, ge­mes­sen an der Zahl der be­tei­lig­ten Fir­men, stell­te an die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der prak­ti­zier­ten Ge­schäfts­mo­del­le ho­he An­for­de­run­gen. Re­pu­ta­ti­on und Be­deu­tung der baye­ri­schen Spie­gel- und Spie­gel­glas­in­du­strie in Gän­ze sind folg­lich ein Spie­gel­bild der Tüch­tig­keit und des Un­ter­neh­mer­tums der hier an­zu­tref­fen­den Persönlichkeiten.[7]

Im er­sten Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts auf­kom­men­de tech­nisch-in­no­va­to­ri­sche, wett­be­werb­li­che und po­li­ti­sche Ver­än­de­run­gen brach­ten dann Ver­wer­fun­gen für die über­kom­me­nen Ge­schäfts­mo­del­le. Die­se führ­ten zu ei­nem schlei­chen­den Nie­der­gang der Bran­che in Bay­ern und da­mit in Fürth.

 
Die Glas­hüt­ten

Glas­hüt­ten ha­ben in Böh­men und im nörd­li­chen Baye­ri­schen Wald ei­ne jahr­hun­der­te­al­te Tra­di­ti­on. Für den Ober­pfäl­zer Wald und Ober­fran­ken führt Jo­sef Blau[8] na­ment­lich 46 Hüt­ten auf, für den Ober­pfäl­zer Wald/Westböhmische Sei­te noch ein­mal 42, die für den Zeit­raum des 17. Jh. bis zum Be­ginn des 20. Jh. nach­weis­bar sind.

Glasmacher beim Herstellen von Glaszylindern in der  Marktredwitzer Spiegelglasfabrik von Seligman Bendit & Söhne (Foto: Archiv Margot Bendit)

Glas­ma­cher beim Her­stel­len von Glas­zy­lin­dern in der Markt­red­wit­zer Spie­gel­glas­fa­brik von Se­lig­man Ben­dit & Söh­ne (Fo­to: Ar­chiv Mar­got Ben­dit)

Um 1850 exi­stier­ten auf der West­böh­mi­schen Sei­te des Ober­pfäl­zi­schen Wal­des rund 15, im Ober­pfäl­zer Wald und in Ober­fran­ken wa­ren es rund 10 Flach­glas­hüt­ten. Die­se Da­ten deu­ten auf ei­ne be­mer­kens­wer­te Flach­glas­hüt­ten-Hi­sto­rie die­ser Re­gi­on hin.[9] In­ter­es­san­te Ein­blicke zur Ent­wick­lung ein­zel­ner Flach­glas­hüt­ten ver­mit­teln die Ar­bei­ten von Zde­nek Pro­chaz­ka und Paul Winkler.[10] Her­aus­ge­ar­bei­tet wird, wie im Lau­fe des 19. Jh. die Ka­pa­zi­tä­ten zahl­rei­cher Flach­glas­hüt­ten mit der An­zahl in­stal­lier­ter Schmelz­ofen und zu­ge­hö­ri­ger Ha­fen fort­lau­fend aus­ge­wei­tet wur­den. Mit die­ser Ex­pan­si­on gin­gen ein Auf­bau des Per­so­nals und ei­ne ver­stärk­te Nach­fra­ge nach Roh­stof­fen und En­er­gie ein­her. Und all­mäh­lich wur­de tat­säch­lich die Be­reit­stel­lung der En­er­gie, al­so von Holz und Torf, zum Eng­pass­fak­tor. Wäl­der und Moo­re ga­ben nichts mehr her. Dem pass­ten sich die Glas­hüt­ten­un­ter­neh­mer wie folgt an:

  • Auf der Sei­te der Ober­pfalz und in Ober­fran­ken wur­den Glas­hüt­ten von äl­te­ren Stand­or­ten aus an die Bahn­li­nie Re­gens­burg – Hof trans­fe­riert bzw. dort neu erbaut.[11] Es ging da­bei um Glas­hüt­ten (von Süd nach Nord) wie Ul­lers­richt (Karl Goll­wit­zer), Wei­den (E. & A. Kup­fer), Neu­stadt a.d.W. (Franz Schenk/Andreas Bau­er), Win­di­sche­schen­bach (Chr. Wink­ler & Sohn), Rö­then­bach (Her­mann von Gra­fen­stein), Wald­sas­sen (Gebr. Bloch) und Markt­red­witz (S. Ben­dit &. Söh­ne). Hier­mit ver­bun­den wa­ren Um­sied­lun­gen und Neu­an­wer­bun­gen von Glas­ma­chern und ih­rer Fa­mi­li­en, denn Fach­kräf­te wur­den in den Glas­hüt­ten be­nö­tigt.
     
    Die Ei­sen­bahn­strecke Re­gens­burg – Hof via Wie­sau und Mit­ter­teich über Eger wur­de zwi­schen 1859 und 1865 gebaut.[12] Seit 1864 war Mit­ter­teich be­reits Sta­ti­on der Baye­ri­schen Ost­bahn ge­wor­den. Da­mit war die­se Re­gi­on durch­ge­hend von Nürn­berg aus per Ei­sen­bahn zu er­rei­chen. D.h. die Ober­pfalz war für die Für­ther Flach­glas­fir­men bahn­tech­nisch er­schlos­sen.
     
    Wei­ter ist fest­zu­hal­ten: Die nord­west­böh­mi­sche Busch­t­ehr­ader Eisenbahn[13] führ­te ab 1870 von Eger nach Fal­ken­au und die Kai­ser-Franz-Jo­seph-Bahn ab 1872 von Eger nach Pil­sen in die je­wei­li­gen Koh­len­re­vie­re. 1877/78 wur­de Markt­red­witz an Hof an­ge­bun­den, 1882 Wie­sau an Marktredwitz.[14] Da­mit war die En­er­gie­ver­sor­gung mit preis­wer­ter Koh­le und gün­sti­gen Trans­port­ko­sten für die Glas­hüt­ten in der Oberpfalz/in Ober­fran­ken si­cher­ge­stellt. Ein­fa­cher wur­de auch die Ver­sor­gung mit Roh­stof­fen wie Quarz­sand, So­da und Glau­ber­salz.

  • Auf der West­böh­mi­schen Sei­te des Ober­pfäl­zi­schen Wal­des ori­en­tier­ten sich trotz der oben auf­ge­führ­ten bahn­tech­ni­schen Er­schlie­ßung wei­ter­hin zahl­rei­che Stand­or­te von Flach­glas­hüt­ten am Wald­be­stand. Es herrsch­te bei den Be­sit­zern ei­ne Art von No­ma­den­le­ben, »als ob man den Be­trieb je­wei­lig dort auf­ge­stellt hät­te, wo rei­cher Wald­be­stand die Exi­stenz ge­währ­lei­ste­te, so lan­ge, bis der um­lie­gen­de Wald ab­ge­trie­ben und man ge­zwun­gen war, wei­ter zu zie­hen. Dem ent­spre­chend war auch die Bau­art der Hüt­ten ei­ne leich­te­re.«[15]
     
    Mit Auf­las­sung und Neu­errich­tung von Flach­glas­hüt­ten wa­ren auch auf der West­böh­mi­schen Sei­te des Ober­pfäl­zer Wal­des Per­so­nal­wan­de­run­gen ver­bun­den. Da die Be­sit­zer und Be­trei­ber der Hüt­ten so­wie die Flach­glas han­deln­den Kauf­leu­te be­stens ver­netzt wa­ren, kann man da­von aus­ge­hen, dass Per­so­nal­trans­fers von Hüt­te zu Hüt­te üb­lich wa­ren. Die Tat­sa­che un­ter­schied­li­cher Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten dies­seits und jen­seits des Grenz­ver­laufs Kö­nig­reich Bay­ern und Kö­nig­reich Böh­men stell­ten für die Wan­de­rungs­be­we­gun­gen ver­mut­lich kei­ne grö­ße­ren Hemm­nis­se dar.

 
Die Schleif- und Po­lier­wer­ke

Wirt­schaft­lich und räum­lich auf das eng­ste ver­bun­den mit den Flach­glas­hüt­ten wa­ren die Schleif- und Po­lier­wer­ke. Hüt­ten­nah ge­le­ge­ne Schleif- und Po­lier­wer­ke brach­ten kur­ze Trans­port­we­ge und re­du­zier­ten da­mit Trans­port­schä­den beim emp­find­li­chen Glas. La­gen sie an Bä­chen bzw. Flüs­sen mit star­ker, gleich­mä­ßi­ger Was­ser­füh­rung, war ein ho­her Durch­satz von Spie­gel­glä­sern ga­ran­tiert. In Ver­bin­dung mit fach­ge­rech­ter Be­ar­bei­tung ent­stan­den ex­zel­len­te Glas­qua­li­tä­ten.

Schleif- und Polierwerk bei Seligman Bendit & Söhne; rechts maschinenangetriebene Schleifmaschine mit Schleifköpfen, links konventienelle Polierstände (Foto: Archiv Margot Bendit)

Schleif- und Po­lier­werk bei Se­lig­man Ben­dit & Söh­ne; rechts ma­schi­nen­an­ge­trie­be­ne Schleif­ma­schi­ne mit Schleif­köp­fen, links kon­ven­ti­enel­le Po­lier­stän­de (Fo­to: Ar­chiv Mar­got Ben­dit)

In der Ober­pfalz reih­ten sich Schleif- und Po­lier­wer­ke in dich­ter Fol­ge bei­spiels­wei­se an Zott­bach, Trö­bes­bach und Pfreimd[16], an Wald­na­ab und Schwarz­ach. Rund 200 die­ser Be­trie­be dürf­te es 1850 ge­ge­ben ha­ben. Ähn­lich war die Si­tua­ti­on auf der West­böh­mi­schen Sei­te des Ober­pfäl­zi­schen Waldes.[17] Die An­zahl der Schleif- und Po­lier­wer­ke dürf­te hier auf­grund des Man­gels ge­eig­ne­ter Bach- und Fluss­läu­fe al­ler­dings deut­lich ge­rin­ger ge­we­sen sein. Da­für spricht auch die Tat­sa­che, dass ro­hes Flach­glas in grö­ße­rem Um­fang über Glas­händ­ler den Weg von Böh­men in die Ober­pfalz und so­gar bis nach Mittelfranken[18] fand.

Das Schlei­fen und Po­lie­ren von Flach­glas war sehr zeit­auf­wen­dig; es nahm leicht ein bis zwei Ta­ge für ei­ne Ein­heit in An­spruch. Die­se lan­gen Be­ar­bei­tungs­zei­ten hat­ten zur Kon­se­quenz, dass im Mit­tel die Aus­brin­gung ei­ner Hüt­te rund 10 bis 15 Schleif- und Po­lier­wer­ke be­schäf­tig­te, har­mo­ni­sier­te Pro­zess­ab­läu­fe vor­aus­ge­setzt. Das wur­de erst an­ders, als seit der Mit­te des 19. Jh. zu­nächst sehr we­ni­ge, dann aber lang­sam mehr von Dampf­ma­schi­nen an­ge­trie­be­ne Schleif- und Po­lier­ma­schi­nen ein­ge­setzt wur­den. Spä­ter wur­de Dampf­kraft durch Elek­tro­mo­to­ren er­setzt. Wei­te­re Fort­schrit­te brach­te dann das Twin-Ver­fah­ren als dop­pel­sei­ti­ge Schleif­me­tho­de und das in den 1920er Jah­ren ent­wickel­te Ver­fah­ren des Bahn-Schlei­fens und -Po­lie­rens. Al­le die­se Ver­än­de­run­gen führ­ten schritt­wei­se zum Ab­schied von den tra­di­tio­nel­len Schleif- und Po­lier­wer­ken, ein Pro­zess, der sich al­ler­dings bis in die Mit­te des 20. Jh. hin­zog.

Re­vo­lu­tio­niert wur­de die Flach­glas­her­stel­lung dann An­fang der 1960er Jah­re, als das von Alas­ta­ir Pil­king­ton ent­wickel­te Float­glas­ver­fah­ren zum Ein­satz kam, ein Ver­fah­ren, das oh­ne »Nach­be­ar­bei­tung« in ei­nem Zu­ge Flach­glas in Spie­gel­glas­qua­li­tät liefert.[19]

[1] Vgl. hier­zu Mi­cha­el Mül­ler, Se­lig­man Ben­dit & Söh­ne, Spie­gel­glas- und Fen­ster­glas­fa­bri­ken, in: Für­ther Ge­schichts­blät­ter, Nr. 2, 2006.
[2] Adress­buch der Han­dels- und Fa­brik­be­rech­tig­ten der Stadt Fürth, Fürth 1857.
[3] Hierr­un­ter sub­su­miert wur­den ver­mut­lich Fa­cet­tier­werk­stät­ten und Be­leg­an­stal­ten.
[4] Baye­ri­sches Haupt­staats­ar­chiv, Mün­chen (BayH­StA), MWi 7735.
[5] Vgl. hier­zu: Deutsch­lands Glas­in­du­strie, Ver­zeich­nis sämt­li­cher Glas­hüt­ten, Hrsg. Ju­li­us Fah­dt, Dres­den, ver­schie­de­ne Jahr­gän­ge, Paul Wink­ler, a.a.O., Baye­ri­sches Haupt­staats­ar­chiv, MWi 7735, Pe­ti­ti­on an das Staats­mi­ni­ste­ri­um des In­nern. De­tails hier­zu sind ei­ner spe­zi­el­len Aus­ar­bei­tung vor­be­hal­ten.
[6] In Aus­nah­me­fäl­len lie­gen nur di­rek­te Ge­schäfts­ver­bin­dun­gen nach Fürth vor.
[7] Das gilt auch für die Vor­stän­de und Auf­sichts­rä­te der oben auf­ge­führ­ten Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten.
[8] Jo­sef Blau, Die Glas­ma­cher im Böh­mer- und Bay­er­wald in Volks­kun­de und Kul­tur­ge­schich­te, Kallmünz/Regensburg 1954, S. 30 ff. In locke­rer Form sind knapp 250 Glas­hüt­ten auf­ge­li­stet (da­von Nie­der­bay­ern: rund 55, Böh­mer­wald: rund 105), die auf den ver­schie­de­nen Ge­bie­ten der Glas­her­stel­lung (Hohl­glas, Flach­glas, Glas­kurz­wa­ren usf.) tä­tig wa­ren.
[9] An­ders sieht das Jo­sef Franz Dirscherl, Das ost­baye­ri­sche Grenz­ge­bir­ge als Stand­raum der Glas­in­du­strie, Würz­burg 1938, S. 18 , wenn er fest­stellt: »Sehr früh schon tritt im Ge­bie­te des ost­baye­ri­schen Grenz­ge­bir­ges ört­lich be­schränkt Holz­man­gel auf, der die Aus­deh­nung des Stand­rau­mes der Glas­hüt­ten in sonst nicht ver­ständ­li­cher Wei­se be­schränkt.« Sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on stützt er auf den Holz­raub­bau, der den Ober­pfäl­zer Ei­sen­wer­ken (Hoch­ofen und Ham­mer­wer­ke) vom aus­ge­hen­den Mit­tel­al­ter bis weit in das 19. Jh. an­zu­la­sten ist.
[10] Paul Wink­ler, Bayern’s Spie­gel­glas-In­du­strie in der Jetzt­zeit und Ver­gan­gen­heit un­ter Be­rück­sich­ti­gung der Böh­mi­schen Spie­gel­glas­hüt­ten, Fürth 1899 und Zde­nek Pro­chaz­ka, Glas­in­du­strie im Böh­mi­schen Wald, Tau­ser und Tach­au­er Land, Ei­ne To­po­gra­phie der Glas-, Schleif- und Po­lier­wer­ke, Do­maz­li­ce 2009.
[11] Vgl. hier­zu für ins­ge­samt 18 Flach­glas­hüt­ten im De­tail: Paul Wink­ler, a.a.O.
[12] Wi­ki­pe­dia: Bahn­strecke Re­gens­burg-Hof
[13] Wi­ki­pe­dia: Busch­těh­r­a­der Ei­sen­bahn und Kai­ser-Franz-Jo­sefs-Bahn
[14] Da­mit war Hof oh­ne Um­weg über Eger auf baye­ri­schem Bo­den zu er­rei­chen.
[15] Paul Wink­ler, a.a.O., S. 18. Vgl. hier­zu auch zahl­rei­che Bei­spie­le bei Zde­nek Pro­chaz­ka, a.a.O.
[16] Vgl. www.glasschleifererweg.de, Na­tur­park­land Ober­pfäl­zer Wald.
[17] Vgl. Zde­nek Pro­chaz­ka, a.a.O.
[18] Bis weit in die Mit­te des 19. Jh. exi­stier­ten in Mit­tel­fran­ken zahl­rei­che Schleif- und Po­lier­wer­ke, die ge­gen En­de des Jh. aber zu­neh­mend an­de­ren An­wen­dun­gen Platz mach­ten und durch Wer­ke in der Ober­pfalz sub­sti­tu­iert wur­den.
[19] Glas­tech­nik, a.a.O., S.74 ff. und S.64 ff.

 
Bei die­sem Ar­ti­kel han­delt es sich um ei­nen Aus­zug aus der Ar­beit »Die Markt­red­wit­zer Glas­hüt­te der Fir­ma Se­lig­man Ben­dit & Söh­ne«, die ih­rer­seits Teil des be­glei­ten­den Ka­ta­lo­ges zur Aus­stel­lung »‘Mir han Hit­te­ner’ – Zur Ge­schich­te der Glas­ma­cher in Markt­red­witz« im Markt­red­wit­zer Eger­land­mu­se­um ist.

Die Aus­stel­lung läuft noch bis zum 13.01.2013. Sie gibt ei­nen Ein­blick in die wech­sel­vol­le Ge­schich­te der Fir­ma Se­lig­man Ben­dit & Söh­ne und zeigt die Ein­bet­tung der Fir­ma in das in­du­stri­el­le Um­feld. Ne­ben Tech­ni­ken der Flach­gla­ser­zeu­gung sind Ar­beits­ab­läu­fe und All­tag in der Glas­hüt­te so­wie das Le­ben der Glas­mach­er­fa­mi­li­en the­ma­ti­siert. Ein wei­te­rer Schwer­punkt ist der Ar­chi­tek­tur des im­po­san­ten, denk­mal­ge­schütz­ten Ge­bäu­de­kom­ple­xes der »Glas­schleif« des Für­ther Ar­chi­tek­ten Jean Voigt ge­wid­met.

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6 Kommentare zu »Die Spie­gel­glas-Stadt Fürth«:

  1. Peter A. Lefrank sagt:

    Lie­ber Herr Dr. Mül­ler!

    Das ist mei­ner Mei­nung nach ein be­mer­kens­wert in­for­ma­ti­ver Bei­trag zur Ge­schich­te und Tech­no­lo­gie der Glas­ma­che­rei und da­mit auch zur in­du­stri­el­len Ent­wick­lung der Stadt Fürth! Dar­über hin­aus be­schreibt die zi­tier­te Ar­beit »Die Markt­red­wit­zer Glas­hüt­te der Fir­ma Se­lig­man Ben­dit & Söh­ne« rea­li­stisch, wie die Na­zis schließ­lich mit ih­ren jü­di­schen Mit­bür­gern in Fürth um­gin­gen.

    Zum tech­no­lo­gi­schen As­pekt möch­te ich dar­auf auf­merk­sam ma­chen, dass im Berg- und In­du­strie­mu­se­um Ost­bay­ern im Vil­s­tal in Theu­ern in der Nä­he von Am­berg ne­ben vie­len an­de­ren in­ter­es­san­ten Ab­tei­lun­gen auch ein al­tes Po­lier­werk be­sich­tigt wer­den kann.

    Zur Tat­sa­che des un­mensch­li­chen Um­gangs mit un­se­ren jü­di­schen Mit­bür­gern und da­mit wir al­les in un­se­rer Macht Ste­hen­de tun, um ein er­neu­tes Er­star­ken des Fa­schis­mus zu ver­hin­dern, ver­wei­se ich auf den Auf­ruf des Für­ther Bünd­nis­ses ge­gen Rechts, sich an dem Ge­den­ken an die Op­fer der Na­zi-Herr­schaft am 09.11.2012 in Fürth zu be­tei­li­gen!

    Be­ste Grü­ße,
    Pe­ter A. Le­frank

  2. Auf das In­du­strie­mu­se­um in Theu­ern und das Po­lier­werk hat­te ich in je­nem Blog-Bei­trag schon mal in Wort und Bild hin­ge­wie­sen. Dan­ke für die Er­in­ne­rung!

  3. Michael Müller sagt:

    Lie­ber Herr Le­frank,

    vie­len Dank für den Hin­weis auf Theu­ern. Wenn Sie nach Markt­red­witz ge­hen und/oder den Ka­ta­log er­wer­ben, dann wer­den Sie se­hen, dass dort in ei­nem Tech­nik­ar­ti­kel von Herrn Her­mann G. Mei­er Fo­tos von mir vom dor­ti­gen Schleif- und Po­lier­werk zu fin­den sind. Im Üb­ri­gen wird von Her­mann G. Mei­er sehr an­schau­lich die Ge­schich­te und Tech­nik der Flach­glas­her­stel­lung ge­schil­dert.

    In Theu­ern ha­be ich in die­sem Jahr auch be­reits ein­mal re­fe­riert, u. z. über das Glas­werk in Fran­ken­reuth, sei­ne Ent­wick­lung und sei­ne jü­di­schen Be­sit­zer. Die­ses Werk hat ei­nen en­gen Be­zug zu Fürth, weil es über lan­ge Jah­re zum be­kann­ten Für­ther Spie­gel­glas­un­ter­neh­men »Baye­ri­sche Spie­gel- und Spie­gel­glas­fa­bri­ken Ak­ti­en­ge­sell­schaft, vorm. W. Bech­mann, vorm. Ed. Kup­fer und Söh­ne« ge­hör­te. Ei­nen Auf­satz hier­zu fin­den Sie in Eng­lisch hier.

    Be­ste Grü­sse,
    Ihr M. Mül­ler

  4. [...] Dar­stel­lung im Ar­ti­kel zum Kin­der­spiel! Erst­ma­lig ha­be ich das aus­pro­biert in dem Ar­ti­kel »Die Spie­gel­glas-Stadt Fürth«, den ich für den ei­gent­li­chen Au­tor for­mal über­ar­bei­tet und in die »Für­ther Frei­heit« [...]

  5. Udo Zweckerl sagt:

    Schö­ner Be­richt, tie­fer­ge­hen­de In­for­ma­tio­nen über die je­wei­li­gen Für­ther Fir­men wä­ren spit­ze.

    Ein Hin­weis in ei­ge­ner Sa­che: Hier sind ei­ni­ge Rech­nun­gen von di­ver­sen Spie­gel­glas­fa­bri­ken aus Fürth zu se­hen.

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