Dü­rers Tri­umph­zug – Ein neu­er al­ter Kunst­kon­ser­va­ti­vis­mus in Nürn­berg?

7. August 2012 | von | Kategorie: Kultur

Sich neu­ester Tech­nik zu be­die­nen um et­was zu zei­gen, was man nicht sieht oder nicht mehr hat, ist ei­ne gän­gi­ge Pra­xis. Ein gu­ter An­satz ist fer­ner, das Rat­haus als ei­nen Ort bür­ger­li­cher Kul­tur wie­der mehr ins Blick­feld der Öf­fent­lich­keit zu rücken. Und wes­halb nicht auch noch der Kunst­sze­ne in der Re­gi­on ei­ne Platt­form bie­ten, um ak­tu­el­len Po­si­tio­nen mehr Auf­merk­sam­keit zu ver­schaf­fen? – Al­les ei­ne pri­ma Idee! In­so­fern hät­te das Auf­takt­wo­chen­en­de vom 3. bis 5. Au­gust 2012 im Rat­haus der »Dü­rer-Stadt Nürn­berg« ei­gent­lich ei­ne fei­ne Sa­che wer­den kön­nen.

Albrecht Dürer: Verleumdung des Apelles (Foto: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München)

Al­brecht Dü­rer: Ver­leum­dung des Apel­les (Fo­to: Zen­tral­in­sti­tut für Kunst­ge­schich­te, Mün­chen)

Man­chen Be­su­cher, der sich auf die »mul­ti­me­dia­le Zeit­rei­se im Rat­haus­saal« be­gab, mag den­noch ein un­gu­tes Ge­fühl be­schli­chen ha­ben. An die Stel­le des of­fen­bar er­wünsch­ten Gän­se­h­aut­ef­fekts trat Be­frem­den an­ge­sichts ei­ner In­sze­nie­rung, die der­art bom­ba­stisch da­her­kam, dass sie schon wie­der un­frei­wil­lig ko­misch wirk­te. Selbst wer im Stan­de war die lau­te, kit­schig-schwül­sti­ge Sound­ku­lis­se nach Hol­ly­wood-Ma­nier aus­zu­blen­den, sah sich ei­nem Bom­bar­de­ment hek­tisch auf­blit­zen­der und da­hin­hu­schen­der Bil­der aus­ge­setzt. Ken­nen wir die­se Sight&Sound-Spektakel nicht seit Jahr­zehn­ten von ein­schlä­gi­gen Tou­ri­sten­or­ten? Sind wir der­glei­chen PC-Spie­le­rei­en nicht längst über­drüs­sig? (Im gu­ten Glau­ben, ei­ne nur all­zu ge­läu­fi­ge Äs­the­tik be­die­nen zu müs­sen, ist man lei­der auch an den voll­ge­plot­te­ten Wän­den der in­halt­lich schlüs­sig kon­zi­pier­ten Dü­rer-Aus­stel­lung im Ger­ma­ni­schen Na­tio­nal­mu­se­um den Ver­su­chun­gen ei­ner op­ti­schen Reiz­über­flu­tung durch Blowups und Icons er­le­gen.)

Leicht kon­su­mier­bar war der ei­gent­lich nur aus Su­per­la­ti­ven be­stehen­de Text der Rat­haus-Mul­ti­vi­si­on. Fühlt man sich in Nürn­berg in­zwi­schen so klein, dass man sich der­art vor­der­grün­dig groß re­den muss? Vom eher pein­li­chen Pfei­fen im Wal­de ab­ge­se­hen: Traut man sich dem zeit­ge­nös­si­schen Pu­bli­kum kein auch nur ei­ne Se­kun­de still­ste­hen­des Bild mehr zu­zu­mu­ten? Wä­re es nicht bes­ser ge­we­sen, die Pro­jek­ti­on ei­nes Re­kon­struk­ti­ons­ver­su­ches für we­nig­stens 15 Mi­nu­ten an der wei­ßen Längs­wand des Rat­haus­saa­les ste­hen zu las­sen, um dem Be­trach­ter Ge­le­gen­heit zu ge­ben, sich tat­säch­lich mit dem Bild­pro­gramm der ver­lo­re­nen Dü­rer-Wand­ge­mäl­de aus­ein­an­der­zu­set­zen? In die­se Rich­tung darf wei­ter­ge­dacht wer­den. Statt ei­ner ober­fläch­li­chen Mul­ti­vi­si­on könn­te man ei­ne aus dem fo­to­ar­chi­va­ri­schen Ma­te­ri­al er­ar­bei­te­te Do­ku­men­ta­ti­on, gleich­sam als tem­po­rä­res Fres­ko, vor Ort zu be­stimm­ten Zei­ten zei­gen.

Wer es an­spruchs­vol­ler wünsch­te, dem blie­ben am Sonn­tag­nach­mit­tag die Dü­rer-Vor­trä­ge. Mit Car­sten-Pe­ter Warncke hat­te man ei­nen pro­mi­nen­ten Kunst­hi­sto­ri­ker für den er­sten Vor­trag ge­win­nen kön­nen. Nicht nur dem re­nom­mier­ten Göt­tin­ger Pro­fes­sor, auch ei­ner durch die Me­di­en in die­sem Jahr aus­ge­lö­sten Dü­rer-Hy­ste­rie war es zu ver­dan­ken, dass sich der Vor­trags­saal im zwei­ten Stock des Rat­hau­ses bin­nen Mi­nu­ten zum Ber­sten füll­te. Mit so­viel In­ter­es­se hat­ten die Or­ga­ni­sa­to­ren of­fen­bar nicht ge­rech­net. Wie ein Me­ne­te­kel für die fi­nan­zi­ell im­mer mehr aus­ge­dünn­ten Gei­stes­wis­sen­schaf­ten er­wies sich, dass aus­ge­rech­net wäh­rend des Haupt­vor­tra­ges über »Dü­rers größ­tes Werk – Die Aus­ma­lung des Gro­ßen Saa­les im Nürn­ber­ger Rat­haus« die Tech­nik streik­te. Da­bei hät­te es von der Aus­stat­tung zwar we­ni­ger re­prä­sen­ta­ti­ve, doch ge­räu­mi­ge­re Sä­le im Rat­haus ge­ge­ben. Den auf­ge­brach­ten äl­te­ren Da­men und Her­ren, die lan­ge vor ei­nem ro­ten Ab­sperr­band aus­har­ren muss­ten und na­he dran wa­ren, den Schö­nen Saal über die Rat­haus­trep­pe zu stür­men, zum Trost: Es fin­den ver­mut­lich auch im näch­sten Jahr wie­der Dü­rer-Vor­trä­ge statt. Dann dürf­ten wie­der (wie im Hirs­vo­gel­saal 2011) ei­ne gan­ze Men­ge freie Sitz­plät­ze üb­rig blei­ben.

Ob es im Jahr eins nach dem »Jahr der Kunst« auch ei­nen Vor­trag zur Dü­rer-Re­zep­ti­on im Vor­feld des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­ben wird? Un­heil­vol­le As­so­zia­tio­nen zum teil­wei­se hi­sto­risch un­re­flek­tier­ten Um­gang mit dem »La­bel« Dü­rer im Jahr 2012 könn­ten dann viel­leicht wach wer­den. So wur­de 1928 in Nürn­berg ein Dü­rer-Jahr aus­ge­ru­fen und zu­gleich ei­ne Aus­stel­lung »Deut­sche Kunst der Ge­gen­wart« ab­ge­hal­ten. Bei­des wa­ren pro­pa­gan­di­stisch mit­ein­an­der ver­knüpf­te Groß­ver­an­stal­tun­gen, die Auf­takt für ei­ne lang­fri­stig re­stau­ra­ti­ve Kunst­po­li­tik in der Stadt wa­ren. Ver­ant­wort­lich zeich­ne­ten der da­ma­li­ge Nürn­ber­ger Ober­bür­ger­mei­ster Herr­mann Lup­pe und der Lei­ter der Städ­ti­schen Kunst­samm­lun­gen Fritz Trau­gott Schulz. Das Duo wirk­te in Per­so­nal­uni­on nicht nur er­folg­reich avant­gar­di­sti­schen Ten­den­zen ent­ge­gen. Vor al­lem sorg­te es da­für, dass Nürn­berg in der Wei­ma­rer Re­pu­blik un­ge­ach­tet sei­ner wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung und sei­ner Ein­woh­ner­zahl tief­ste Kul­tur­pro­vinz blieb.

Die auf der Rat­haus­ART ver­tre­te­nen Nürn­ber­ger Ga­le­ri­en dür­fen sich über­le­gen, ob sie sich et­was Gu­tes tun, wenn sie sich vor ei­nen rück­wärts rol­len­den Tri­umph-Kar­ren span­nen las­sen. Zu­ge­ge­ben, sie müs­sen vom Ver­kauf von Ge­gen­warts­kunst le­ben und das ist nicht eben leicht in ei­ner Stadt mit ver­gleichs­wei­se un­ter­ent­wickel­tem Samm­ler­we­sen. Ei­ne Nürn­ber­ger Kunst­mes­se, zu der es in der Ver­gan­gen­heit ver­schie­de­ne An­läu­fe gab, wä­re ein Po­di­um, um in­no­va­ti­ve Po­si­tio­nen zu lan­cie­ren. Die mei­sten Ga­le­ri­en der Rat­haus­Art prä­sen­tier­ten in­des Alt­be­währ­tes der re­gio­na­len Sze­ne und Pop Art-Auf­la­gen. Statt sich auf un­be­kann­tes Ter­rain zu be­ge­ben, wur­de lie­ber ein Markt be­dient, für den der seit die­sem Jahr un­ter Ju­ry­vor­sitz der Kul­tur­re­fe­ren­tin aus­ge­lob­te NN-Kunst­preis ei­nen breit ge­tre­te­nen äs­the­ti­schen Bo­den be­rei­tet hat. Dass Fo­to­gra­fie seit et­wa 100 Jah­ren, Vi­deo­kunst und Per­for­mance seit et­wa 50 Jah­ren in­te­gra­ler Be­stand­teil der Bil­den­den Kunst sind, ganz zu schwei­gen von ak­tu­el­len, sub­ver­siv in­ter­ve­nie­ren­den Kunst­for­men, wird von wei­ten Krei­sen der mit­tel­frän­ki­schen Kul­tur­sze­ne be­harr­lich wei­ter igno­riert.

Kri­ti­sche Kon­zept­kunst und in­tel­li­gen­te Kunst­ver­mitt­lung ha­ben es nach wie vor schwer in ei­ner Stadt, die noch nie be­rühmt war für ih­re Vor­rei­ter­rol­le in Sa­chen Mo­der­ne. Da ist es im­mer­hin er­staun­lich, wenn ei­nem Bild­hau­er aus­ge­rech­net im tra­di­tio­nel­len Me­di­um ge­lingt, was den Ma­chern pom­pö­ser Mul­ti­me­dia-Ver­an­stal­tun­gen ver­sagt bleibt: der Zu­gang zu ei­nem Dü­rer, wie er (viel­leicht!) wirk­lich ge­we­sen ist. So zeigt die leicht über­le­bens­gro­ße Holz­skulp­tur von Cle­mens Heinl den jun­gen Dü­rer als coo­len Dan­dy: ge­klei­det in schwar­ze Edel­kla­mot­ten, in läs­si­ger Po­se mit ei­ner Hand in der Ho­sen­ta­sche da­ste­hend und mit leicht über­heb­li­chem Blick. So wür­de der selbst­be­wuss­te Künst­ler ver­mut­lich im Jahr 2012 aus­se­hen; Eben ei­ner, der be­stens über ak­tu­el­le Ten­den­zen in­for­miert ist und über glän­zen­de Kon­tak­te zur Kunst- und Gei­stes­welt ver­fügt.

Doch wo sind heu­te die Gei­stes­grö­ßen vom Schla­ge ei­nes Wil­li­bald Pirck­hei­mer, auf de­ren Ur­teil ein Al­brecht Dü­rer sei­ner­zeit so treff­si­cher ver­trau­en konn­te? Le­ben sie nicht mehr in der Stadt der Leb­ku­chen und Brat­wür­ste? Aus Tra­di­ti­on schielt man in Nürn­berg nei­disch nach Mün­chen, Frank­furt oder Ber­lin, wo cle­ve­re Ku­ra­to­ren ei­ne Block­bu­ster-Aus­stel­lung nach der an­de­ren in­sze­nie­ren. Von da­her sei den Nürn­ber­gern der Pu­bli­kums­er­folg der GNM-Aus­stel­lung »Der frü­he Dü­rer« auf­rich­tig ver­gönnt. Auf der an­de­ren Sei­te stellt sich je­doch die Fra­ge, ob das Kul­tur­re­fe­rat der Stadt Nürn­berg noch wei­ter in Rich­tung Stadt­mar­ke­ting und Tou­ris­mus­bran­che ab­drif­ten will. Die Schmerz­gren­ze des Er­träg­li­chen in die­ser Hin­sicht ist längst er­reicht, wenn nicht gar über­schrit­ten.

Si­cher: die Zei­ten na­tio­na­li­sti­scher Ver­ein­nah­mung »alt­deut­scher Mei­ster«, der ehe­dem Dü­rer, Grü­ne­wald und an­de­re zum Op­fer fie­len, schei­nen zum Glück ein für al­le­mal vor­bei. Fal­len an­de­rer Na­tur tun sich auf im ver­filz­ten Dickicht ei­nes see­len­lo­sen Event­kul­tur­ma­nage­ments, das nied­rig­schwel­li­ge An­ge­bo­te zu­neh­mend ei­ner nach­hal­ti­gen Bil­dung vor­zieht. Ei­ner we­nig in­spi­rier­ten, eher sim­pel ver­stan­de­nen Neu­in­ter­pre­ta­ti­on des ur­sprüng­lich vi­sio­nä­ren Mo­dells So­zio­kul­tur ist es zu ver­dan­ken, dass die Auf­nah­me­fä­hig­keit von Er­wach­se­nen in Nürn­berg öf­ters mit der von Kin­dern im Grund­schul­al­ter gleich­ge­setzt wird. Ist es nicht schon sträf­lich ge­nug, letz­te­re zu un­ter­for­dern? Mit vol­ler Ab­sicht er­in­nern die Sta­tio­nen der Frei­luft­aus­stel­lung zu »Dü­rers Nach­bar­schaft« an die Bil­der­bö­gen der Mo­ri­ta­ten­er­zäh­ler. Aber ap­pel­lier­te nicht schon dies hi­sto­ri­sche Jahr­markts­ver­gnü­gen nur an ein bil­li­ges Sen­sa­ti­ons­be­dürf­nis der Pas­san­ten?

Der künst­le­ri­schen Frei­heit des Gra­fi­kers ist schon so man­ches Bild­mo­tiv zum Op­fer ge­fal­len. So auch Dü­rers Rat­haus­fres­ko mit dem thro­nen­den, esels­oh­ri­gen Kunst­rich­ter aus der »Ver­leum­dung des Apel­les« (nürn­berg­kul­tur-Bro­schü­re »Dü­rers Tri­umph­zug«, S. 3) . Als Iro­nie des Schick­sals darf viel­leicht ge­wer­tet wer­den, dass die Sche­re des Lay­ou­ters aus­ge­rech­net im Schrift­zug der Al­le­go­rie der Un­wis­sen­heit zu­schnapp­te. Und so wur­de aus der IGNORANTIA halt schlicht ei­ne »NORANTIA«.

 
Dr. Ha­rald Tesan ist Kunst­hi­sto­ri­ker und auch dem Für­ther Pu­bli­kum als Lau­da­tor von vie­len Ver­nis­sa­gen in hie­si­gen Ga­le­ri­en her be­stens be­kannt.

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Ein Kommentar zu »Dü­rers Tri­umph­zug – Ein neu­er al­ter Kunst­kon­ser­va­ti­vis­mus in Nürn­berg?«:

  1. Auf mei­nem Blog ist ei­ne drei­tei­li­ge Se­rie zum Bür­ger­ent­scheid er­schie­nen. Die Ge­schich­te und Kunst des Rat­hau­ses so­wie die Po­si­tio­nen der Stadt und der Alt­stadt­freun­de wer­den be­spro­chen. Mehr un­ter: http://kunstnuernberg.de/der-historische-rathaussaal-nuernberg/

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