Ein Vo­gel

23. Januar 2011 | von | Kategorie: Spielplatz

Lyrischer Text (Grafik: Irma Stolz)

 
EIN VOGEL

Wie er die Wür­mer, lang und dünn
aus sei­nem Kröp­fe würgt.
Und in die auf­ge­sperr­ten Schnä­bel
krei­schen­der Jun­gen stopft.

Wie er das Nest sich baut,
zur rech­ten Zeit,
nach ei­nem Plan, den un­ser Herr­gott
nur für ihn ge­schaf­fen.

Wie er sich in die Luft er­hebt,
so schwe­re­los, so vo­gel­frei.
Wie un­vor­stell­bar schnell
sein Vo­gel­herz­chen schlägt.

Wie weich und fe­der­leicht er ist.
Wie er die Flü­gel plu­stert,
die Wär­me und die Luft
in ih­nen sam­melt.
Wie schnell er pickt,
die Spreu vom Wei­zen trennt.

Wer könn­te je auch ei­nen Vo­gel nur,
so ganz be­schrei­ben.
Ein Ma­ler könn­te Form und Far­be
wie­der­ge­ben,
und ei­nen win­zi­gen Aus­schnitt
der Be­we­gung.

Wie so ein Tier­chen schwe­re­los
von ei­nem Ast zum än­dern hüpft,
und nicht die klein­ste Rau­pe über­sieht,
und für uns un­ver­ständ­lich,
nie aus dem Gleich­ge­wicht ge­rät.

Und wie er auf dem Bo­den sich
so mü­he­los be­wegt,
auf Bein­chen wie ein Fe­der­kiel,
die Fü­ße kra­ke­lig,
wie ei­ne Hie­ro­gly­phen­spur.

Und wie für ihn die Hin­der­nis­se,
Un­eben­hei­ten, Lö­cher, Stei­ne,
viel grö­ßer als er selbst
gar nicht zu exi­stie­ren schei­nen.

Wie schein­bar ängst­lich er ent­flieht.
Wie er die Rich­tung wech­selt,
dem in­ne­ren Be­fehl ge­hor­chend.

Wie er sich sam­melt,
mit viel tau­send sei­ner Art,
und Ber­ge, Tä­ler, Mee­re über­fliegt,
und mit den Vö­geln al­ler Na­tio­nen
gen Sü­den zieht,
in Krieg und Frie­den.

In Län­der, die noch nie ein Mensch
mit Men­schen­kraft be­wäl­tigt.

Wie er zu­rück­kehrt
auf den­sel­ben Ast.

Was ist da schon der Mensch,
dem die Na­tur sei Un­ter­tan,
und der den klein­sten Vo­gel
in sei­ner Ei­gen­art
nie ganz er­fas­sen wird.

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