Streit und Zwietracht im Jüdischen Museum

8. Dezember 2010 | von | Kategorie: Vermischtes

Der nachfolgend wiedergegebene offene Brief wurde dieser Tage sowohl an die Presse als auch an das Jüdische Museum Franken selbst sowie dessen Trägerverein und den Förderverein geschickt. Er ent­hält eine Stellung­nahme von Geschichte Für Alle e.V. zu den Begebenheiten im Museum.

Am 18. November 2010 teilte die Leiterin des Jüdischen Museums Franken, Daniela Eisen­stein, in knappen fünf Zeilen Geschichte Für Alle e.V. mit, dass die Zusammenarbeit im pädagogischen Bereich nach Ablauf einer Frist von drei Monaten enden werde. Diese plötzliche Kündigung kommt nach einer mehr als zehnjährigen Zusammenarbeit mit dem Museum einem Rausschmiss erster Güte gleich.

Ein nachfolgendes Gespräch, das Geschichte Für Alle e.V. suchte, brachte keine weitere Klärung. Daniela Eisenstein bezeichnete ihre Entscheidung schon zu Beginn des Gesprächs als unwiderruflich und lehnte jede weitergehende Zusammenarbeit in der Zukunft ab. Auf Nachfrage wurden finanzielle Probleme als Gründe für die Kündigung genannt. Verwunderlich ist dabei, dass – abgesehen von allgemeinen Klagen über hohe Kosten – in der Vergangenheit von Seiten des Museums niemals konkrete Wünsche hinsichtlich eines finanziellen Entgegen­kommens geäußert wurden. Auch brauchte die Leitung des Museums nahezu sechs Monate, um eine Tarifanpassung des Vereins zu kommentieren. Aus Sicht des Vereins ist die Begrün­dung vorgeschoben, sachlich falsch und für die Zukunft des Museums fatal, denn:

  • Die Zukunft der museumspädagogischen Arbeit ist ohne Geschichte Für Alle e.V. mehr als ungewiss. Nur für zwei Jahre ist eine (halbe) museumspädagogische Stelle gesichert, die ohne Kooperation mit den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitar­beitern von Geschichte Für Alle e.V. niemals die bisherige Arbeit aufrechterhalten kann.
  • Die Kooperation von Geschichte Für Alle e.V. mit dem Jüdischen Museum Franken besteht bereits seit der Eröffnung des Hauses in Fürth im Jahr 1999. Von Beginn an wurden regelmäßig offene Rundgänge für Einzelbesucher und etwa 150 gebuchte Rundgänge pro Jahr von Mitarbeitern des Vereins Geschichte Für Alle e. V. durch­geführt. Neben der Durchführung der Rundgänge beinhaltete die Arbeit des Vereins das Anwerben von Mitarbeitern sowie deren Aus- und Fortbildung. Daneben wurden – größtenteils ehrenamtlich – neue Bildungsprogramme konzipiert. Geschichte Für Alle e.V. übernahm auch die Organisation der Rundgänge sowie die Qualitäts­sicherung der Arbeit durch ein bewährtes und ausgefeiltes Qualitätssicherungssystem. Dies wird es ohne die Arbeit des Vereins so nicht mehr weiter geben können.
  • Dass die Qualität der Führungen hoch ist und das museumspädagogische Angebot in dieser Form für das Museum ein unschätzbares Potential bedeutet, zeigen Rück­meldungen von Gruppen auf Feedbackbögen wie »Museum sehenswert, aber unbe­dingt mit Führung», »Eine so gute Führung haben wir selten in einem Museum erlebt« oder »Die Rundgangsleitung ging sehr anschaulich und verständlich auf die Jugend­lichen ein, konnte am Ende des Schuljahres (…) die Schüler sehr motivieren, die Lehrkräfte sogar begeistern. Wir sehen uns wieder!« – Warum soll diese erfolgreiche Arbeit aufgegeben werden?

Daniela Eisenstein führte als Begründung neben den angeblichen finanziellen Gründen an, dass vor zehn Jahren das »Outsourcing« der Museumspädagogik »hip« gewesen wäre und nun der »Trend« dahin ginge, alle Programme durch das eigene Haus ausführen zu lassen. Dies als Trend zu bezeichnen, scheint mehr als fragwürdig. Die erfolgreiche Arbeit des Museums­pädagogischen Dienstes München, des Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrums (KPZ) in Nürnberg und die Arbeit von Geschichte Für Alle e. V. im Studienforum des Dokum­entationszentrums Reichsparteitagsgelände (mit über 1.000 Bildungsangeboten jährlich) spricht dagegen. Das Kooperationsmodell im Studienforum wurde mehrfach ausgezeichnet. Auch die soeben angelaufene pädagogische Arbeit im Memorium Nürnberger Prozesse wird das Modell einer derartigen Kooperation weiterführen.

Geschichte Für Alle e.V hat sich gegenüber dem Museum in den vergangen Jahren äußerst loyal und kooperativ verhalten. Diverse Anfeindungen und populistisch formulierte Kritik von außen haben den Verein und seine Mitarbeiter nicht davon abgebracht, die Inhalte von Dauer­ausstellung und Sonderschauen zu würdigen und, wo nötig, zu verteidigen. Die im Übrigen auch von Daniela Eisenstein nicht bestrittene qualitativ hochwertige didaktische Vermittlungs­arbeit wurde von einem Team von Ehrenamtlichen entwickelt und von engagierten und interessierten Personen durchgeführt, für die die finanzielle Seite ihrer Tätigkeit weitgehend im Hintergrund stand. Viel war in diesem Zusammenhang möglich wie etwa die Konzeption des erfolgreichen Grundschulprogramms »Du darfst! Koscher essen« und einer handlungsorien­tierten Museumsführung für Schüler. Noch mehr wäre sicherlich zu verwirklichen gewesen, wenn die Leitung des Museums die Tätigkeit entsprechend gewürdigt statt blockiert hätte.

Der Verein engagiert sich seit 25 Jahren für lokale jüdische Regionalgeschichte. Etliche Publi­kationen entstanden in diesem Kontext, Rundgänge und Aktionen wurden und werden laufend angeboten. Für Geschichte Für Alle e.V. endete die jüdische Geschichte nie an der Schwelle des Museums. Fraglich ist, wie es dem Museum in Zukunft gelingen soll, diese Schwelle zu überschreiten.

Der Vorstand bedauert zutiefst die entstandene Situation und betont in diesem Zusammen­hang nochmals, dass es bei der vorliegenden Stellungnahme in keiner Weise um eine Kritik am Museum selbst geht.

Kritisiert wird allerdings die Leitung des Museums, die – gerade in Zeiten finanzieller Eng­pässe – vor allem auf hauptamtliche Tätigkeit setzt, Kooperationen ablehnt und bewährtes, zum großen Teil ehrenamtliches Engagement nicht mehr einbeziehen will. Angesichts der stetig rückläufigen Besucherzahlen, die von der Museumsleitung seit langem scheinbar zum akzeptierten Alltagsphänomen erklärt wurden, und angesichts eines fehlenden personellen Konzepts zur Betreuung von Besuchergruppen im Museum, kommen Zweifel an den Führungs­qualitäten der Museumsleitung auf.

Im Dienste der Sache bietet Geschichte Für Alle e.V. dennoch weiterhin eine Kooperation an. Diese kann allerdings nur auf einer neuen, vertrauensvollen Basis entwickelt werden. Nicht weniger, sondern mehr Kooperation, mehr Offenheit und eine weitsichtigere Museumsleitung wären nötig – dann kämen auch mehr Besucher.

Das Jüdische Museum Franken hätte es verdient.

Für den Vorstand

Wolf Hergert und Martina Frohmader

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8 Kommentare zu »Streit und Zwietracht im Jüdischen Museum«:

  1. Daß sich die Ausstellungen im Jüdischen Museum dem interessierten Laien ohne qualifizierte Füh­rung sehr schlecht erschließen, kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Da schiene mir eher eine Ausweitung des Angebots angezeigt zu sein als Einschränkungen. Mittelfristig wäre statt des Herumkurierens an Symptomen freilich eine Überarbeitung der Konzeption, vor allem eine ausführ­lichere Beschriftung der Exponate hilfreich!

    Auch die geäußerten »Zweifel an den Führungsqualitäten der Museumsleitung« muß ich leider teilen: Ich hatte mir neulich die Mühe gemacht, dem Museum ein detailliertes Feedback hinsichtlich der zahl­reichen Verbesserungspotentiale an der aus meiner Sicht desaströsen Website zu geben. Nicht aus Eigennutz (ich bin an einer Auftragsakquise nicht im Mindesten interessiert), sondern aus der Über­zeugung heraus, daß für eine Institution von dieser Relevanz eine benutzerfreundlichere und vor allem informativere Homepage eine absolute Notwen­digkeit ist. Virtuelle Außenkommunikation ist meiner Meinung nach Chefsache! Eine Antwort auf meinen Vorschlagskatalog habe ich indes nie erhalten: Man (resp. Frau) scheint dort mit sich selbst allemal genug zu tun zu haben…

  2. […] 1x dürfen meine geschätzten LeserInnen nun raten, was ich daraufhin als Reaktion zurückbekam? Genau, nichts. Das kann natürlich daran liegen, daß meine Mail den Zuständigen erst über x Ecken (oder auch gar nicht) erreichte und noch ihrer Kenntnisnahme und Beantwortung harrt. Für weit wahr­scheinlicher halte ich es freilich, daß man meine Vorschläge schon deshalb keiner Antwort wert er­achtet, weil ich ja nur ein kleiner zonebattler bin und kein Angehöriger der Architektenzunft. Da könnte ja jeder kommen! Im Grunde habe ich aber nichts anderes erwartet, ich habe ja schon an anderer Stelle Ähnliches erlebt. […]

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