An­mer­kun­gen zum Do­ku­men­tar­film »Li­ga Te­re­zin« im Ba­by­lon-Ki­no

10. Februar 2016 | von | Kategorie: Vermischtes

Film & Fernsehen (Grafik: Irma Stolz)

Am Mitt­woch, dem 3. Fe­bru­ar, wur­de im Ba­by­lon-Ki­no der Do­ku­men­tar­film »Li­ga Te­re­zin« ge­zeigt, mit ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on im An­schluss, an der ich als Über­set­zer teil­ge­nom­men ha­be. In der Aus­ga­be der Für­ther Nach­rich­ten vom 8. Fe­bru­ar hat Alex­an­der Pfa­eh­ler über die Ver­an­stal­tung be­rich­tet: »Fuß­ball-Li­ga im KZ – Fan­pro­jekt hol­te Do­ku­men­tar­film ins Für­ther Ba­by­lon-Ki­no«. Der Ar­ti­kel ist lei­der teil­wei­se ir­re­füh­rend, auch fehlt ei­ne In­for­ma­ti­on über die in­ter­es­san­te aus­führ­li­che Po­di­ums­dis­kus­si­on. Aus die­sem Grund, aber auch we­gen der er­schrecken­den Ak­tua­li­tät des The­mas Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus, mei­ne nach­fol­gen­den Aus­füh­run­gen.

Ich den­ke, wir kön­nen stolz auf un­se­re Fan­clubs Ho­ri­dos 1000 und Stra­de­via 907, das Fan­pro­jekt Fürth und Sieg­fried Im­holz sein. Sie ha­ben in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Ba­by­lon-Ki­no den Do­ku­men­tar­film »Li­ga Te­re­zin« und sei­ne bei­den is­rae­li­schen Fil­me­ma­cher, Oded Bre­da und Mi­ke Schwartz, nach Fürth zur Auf­füh­rung und an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on ge­holt. Au­ßer­dem ha­ben sie zur »Li­ga Te­re­zin« ei­ne be­mer­kens­wer­te Bro­schü­re er­ar­bei­tet und zur Ver­an­stal­tung ver­teilt.

Es ging in der Dis­kus­si­on im We­sent­li­chen um drei The­men­krei­se, um den Film selbst, um die lo­kal­po­li­ti­sche Er­in­ne­rung an den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in der Stadt Fürth und um den Ge­gen­warts­be­zug des Films zu Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus. Zum er­sten Punkt schreibt Herr Pfa­eh­ler in sei­nem Ar­ti­kel in den Für­ther Nach­rich­ten, dass »in vie­len Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Fuß­ball ge­spielt wur­de.« Nein! Fuß­ball ge­spielt wur­de in The­re­si­en­stadt und zwar aus­schließ­lich zur Her­stel­lung des Pro­pa­gan­da­films »Li­ga Te­re­zin«. Die »Dar­stel­ler« wur­den be­reits we­ni­ge Mo­na­te spä­ter er­mor­det. The­re­si­en­stadt wur­de zum »Vor­zei­ge-Ghet­to« ge­macht, um »nach au­ßen das Ge­sicht zu wah­ren«, wie Adolf Eich­mann sag­te. Wei­ter steht in dem Ar­ti­kel nichts dar­über, dass aus­führ­lich dis­ku­tiert wur­de, wie ef­fek­tiv und per­fi­de die Na­zi­pro­pa­gan­da das Mit­tel der Täu­schung nutz­te. Die Be­trof­fe­nen, die »wohn­sitz­wech­seln­den« Ju­den, wur­den ge­täuscht, in­dem man sie zu Heim­kauf­ver­trä­gen für ein »Al­ters­ghet­to« zwang, in dem sie an­geb­lich vor der De­por­ta­ti­on si­cher sei­en.

Die Öf­fent­lich­keit wur­de nicht min­der er­folg­reich ge­täuscht. Zu die­sem Zweck wur­de das La­ger auf Drän­gen des Aus­wär­ti­gen Am­tes und des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes im Ju­ni 1944 ei­ner Ver­schö­ne­rung un­ter­zo­gen. Da­mit ge­lang es der SS, den Be­such des In­ter­na­tio­na­len Ro­ten Kreu­zes zu nut­zen, um die zu­neh­men­den Be­rich­te im Aus­land über die Mas­sen­mor­de an den Ju­den zu ent­kräf­ten. Teil der Ver­schö­ne­rung war der Trans­port von 4500 Häft­lin­gen in die Gas­kam­mern von Ausch­witz, um der »En­ge im La­ger ent­ge­gen­zu­wir­ken.«

Be­son­ders be­dau­er­lich fin­de ich, dass in dem Ar­ti­kel nichts über den zwei­ten The­men­kreis steht, über die Er­in­ne­rung an den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in un­se­rer Stadt Fürth, ob­wohl ein­ge­hend über die Zwie­späl­tig­keit im Um­gang mit der Er­in­ne­rungs­po­li­tik un­se­rer Stadt ge­spro­chen wur­de. Ei­ner­seits wer­de sich im All­ge­mei­nen klar vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus di­stan­ziert und bei­spiels­wei­se an den jähr­li­chen Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen an die Reichs­po­grom­nacht teil­ge­nom­men. An­de­rer­seits sei­en Leu­te wie der Quel­le-Grün­der Gu­stav Schicke­danz, der 1932 in die NSDAP ein­trat und für sie im Stadt­rat saß, Eh­ren­bür­ger un­se­re Stadt. Auch auf den Um­gang mit Lud­wig Er­hard wur­de ver­wie­sen. Nach ihm wer­de nun das neue Zen­trum di­rekt am Rat­haus be­nannt. Dass Er­hard aber wäh­rend des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ei­ne ak­ti­ve Rol­le spiel­te und da­nach die Rück­erstat­tung jü­di­schen Ver­mö­gens ver­hin­der­te, wer­de öf­fent­lich kaum dis­ku­tiert.

In Be­zug auf den drit­ten The­men­kreis, den Ge­gen­warts­be­zug des Films zu Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus und der da­mit ver­bun­de­nen teil­wei­se frag­wür­di­gen staat­li­chen Ge­denk- und Er­in­ne­rungs­kul­tur wur­de be­spro­chen, dass Na­tio­na­lis­mus, Ras­sis­mus, An­ti­se­mi­tis­mus und re­li­giö­ser Fa­na­tis­mus re­ak­tio­nä­re Ant­wor­ten sind, in ei­ner Welt, die im­mer ver­rück­ter wer­de. Zu­gleich kön­ne da­mit die Welt ein­fach er­klärt wer­den.

Für ei­ne wirk­lich gu­te In­for­ma­ti­on zum The­ma »Vor­zei­ge-Ghet­to« The­re­si­en­stadt und zum Film »Li­ga Te­re­zin« ver­wei­se ich auf die oben ge­nann­te her­vor­ra­gen­de Bro­schü­re »Li­ga Te­re­zin«. Die Fan­clubs Ho­ri­dos 1000 und Stra­de­via 907, das Fan­pro­jekt Fürth und Sieg­fried Im­holz sind be­stimmt gern be­reit, sie zur Ver­fü­gung zu stel­len.

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11 Kommentare zu »An­mer­kun­gen zum Do­ku­men­tar­film »Li­ga Te­re­zin« im Ba­by­lon-Ki­no«:

  1. Peter A.Lefrank sagt:

    Zum Ar­ti­kel in der Aus­ga­be vom 8. Fe­bru­ar 2016 von Alex­an­der Pfa­eh­ler »Fuß­ball-Li­ga im KZ – Fan­pro­jekt holt Do­ku­men­tar­film ins Ba­by­lon-Ki­no« hat­te ich au­ßer mei­nem Ar­ti­kel hier in der Für­ther Frei­heit auch ei­nen Le­ser­brief an die Für­ther Nach­rich­ten ge­schickt. Die FN wer­den die­sen Le­ser­brief nicht ver­öf­fent­li­chen. Herr Pfa­eh­ler hat mir aber ei­ne aus­führ­li­che Ant­wort an mei­ne per­sön­li­che Adres­se ge­sen­det. Mit sei­nem Ein­ver­ständ­nis wird hier die dar­aus fol­gen­de Email-Kor­re­spon­denz in vol­lem Wort­laut wie­der­ge­ge­ben:

     
    Sehr ge­ehr­ter Herr Le­frank,

    vie­len Dank für Ih­ren Le­ser­brief zu mei­nem Ar­ti­kel über die Ver­an­stal­tung des Für­ther Fan­pro­jek­tes und der bei­den Für­ther Ul­tra-Grup­pen. Ich freue mich, wenn sich Le­ser kri­tisch mit mei­nen Tex­ten aus­ein­an­der­set­zen. Al­ler­dings ist Ih­re Kri­tik in ei­ni­gen Punk­ten sach­lich falsch. Ich wür­de mich des­halb auch freu­en, wenn Sie dies auf der In­ter­net­platt­form »Für­ther Frei­heit« kor­ri­gie­ren wür­den, auf der Sie Ih­ren Bei­trag be­reits ver­öf­fent­licht ha­ben.

    So ist mein Satz, dass »in vie­len Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Fuß­ball ge­spielt wur­de«, rich­tig. Ge­spielt wur­de un­ter an­de­rem in den KZs Sach­sen­hau­sen, Neu­en­gam­me und so­gar Ausch­witz. Für ei­nen Über­blick da­zu emp­feh­le ich Ih­nen z.B. fol­gen­de Links:

    http://www.zeit.de/online/2006/40/fussball_kz oder
    http://www.11freunde.de/artikel/fussball-konzentrationslagern

    Was The­re­si­en­stadt in die­sem Punkt von den an­de­ren Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern un­ter­schied, war, dass es hier ei­ne ei­ge­ne Li­ga gab. Das steht aber auch ge­nau so in mei­nem Text. Sie schrei­ben wei­ter­hin: »Fuß­ball ge­spielt wur­de in The­re­si­en­stadt und zwar aus­schließ­lich zur Her­stel­lung des Pro­pa­gan­da­films ‘Li­ga Te­re­zin’.« Auch hier lie­gen Sie falsch. Die Li­ga exi­stier­te über ei­nen Zeit­raum von drei Jah­ren, nicht aus­schließ­lich für die Her­stel­lung des Pro­pa­gan­da­films (der üb­ri­gens auch nicht »Li­ga Te­re­zin« heißt, das ist der Na­me der is­rae­li­schen Do­ku­men­ta­ti­on, die im Ba­by­lon ge­zeigt wur­de – der Pro­pa­gan­da­film hieß »The­re­si­en­stadt« oder al­ter­na­tiv »Der Füh­rer schenkt den Ju­den ei­ne Stadt«). Dass die Li­ga auch un­ab­hän­gig von den Dreh­ar­bei­ten für den Pro­pa­gan­da­film exi­stier­te, lässt sich auch in der von Ih­nen emp­foh­le­nen Bro­schü­re zum Film nach­le­sen. In wel­chem Kon­text die­ses »Fuß­ball spie­len« statt­fand – das da­mit Nor­ma­li­tät vor­ge­täuscht wer­den konn­te, die es in dem bru­ta­len All­tag nicht gab, dar­auf ge­he ich in dem Ar­ti­kel sehr aus­führ­lich ein.

    Zur Fra­ge der Ge­wich­tung: Bit­te ha­ben Sie Ver­ständ­nis da­für, dass sich ei­ne so kom­ple­xe The­ma­tik in ei­nem Zei­tungs­ar­ti­kel von 150 Zei­len nie­mals voll­stän­dig ab­bil­den lässt. Das heißt, als Jour­na­list muss ich ver­su­chen, ei­ne Aus­wahl tref­fen. Als Sport­re­dak­teur – der Ar­ti­kel war ei­gent­lich für die Sport­sei­te ge­plant – ha­be ich mich des­halb auf die aus die­sen Ge­sichts­punk­ten be­son­ders in­ter­es­san­ten As­pek­te kon­zen­triert: die Li­ga Te­re­zin, die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Films, war­um Fuß­ball für die Na­zis als Pro­pa­gan­da­mit­tel so wich­tig war, war­um sich heu­te Fuß­ball­fans ge­gen das Ver­ges­sen en­ga­gie­ren und der Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus in den Sta­di­en heu­te.

    Die an­son­sten sehr in­ter­es­san­te Po­di­ums­dis­kus­si­on hat da­zu aber nur ei­ni­ge we­ni­ge An­knüp­fungs­punk­te ge­bo­ten (die ich aber z.B. in Form von Zi­ta­ten von Oded Bre­da in den Ar­ti­kel ha­be ein­flie­ßen las­sen, sie fehlt al­so mit­nich­ten voll­stän­dig – und auch das The­ma der Täu­schung spre­che ich in mei­nem Text durch­aus an). Ich hät­te si­cher­lich auch noch er­wäh­nen kön­nen, dass z.B. die Er­in­ne­rungs­po­li­tik der Stadt Fürth the­ma­ti­siert wur­de. Al­ler­dings hal­te ich per­sön­lich es für un­be­frie­di­gend, wenn viel­schich­ti­ge The­men wie die­ses, in ein, zwei Sät­zen ab­ge­han­delt wer­den, nur da­mit der Chro­ni­sten­pflicht ge­nü­ge ge­tan wur­de. Zu­mal das auch zu weit weg vom sport­li­chen Kon­text ge­führt hät­te. Hät­te ich al­les, was an die­sem Abend be­spro­chen wur­de, in mei­nem Ar­ti­kel er­wähnt, hät­te er ei­ne gan­ze Sei­te ge­füllt. Und das ist, bei al­ler Be­deu­tung, die die­sem The­ma zu­kommt, schlicht nicht mög­lich. Ich kann gut ver­ste­hen, wenn Sie an­de­re As­pek­te, die in mei­nem Ar­ti­kel zu kurz ge­kom­men sind, für wich­ti­ger hal­ten als die sport­li­che Sei­te der Ge­schich­te. Aber ich hof­fe, dass Sie nun zu­min­dest bes­ser nach­voll­zie­hen kön­nen, war­um ich den Schwer­punkt mei­nes Tex­tes so ge­wählt ha­be.

    Mit freund­li­chen Grü­ßen
    Alex­an­der Pfa­eh­ler
    NÜRNBERGER NACHRICHTEN
    Sport­re­dak­teur in der Sprin­ger-Re­dak­ti­on

     
    Sehr ge­ehr­ter Herr Pfa­eh­ler,

    ich be­dan­ke mich für Ih­ren freund­li­chen Kom­men­tar und die Rich­tig­stel­lung ei­ni­ger mei­ner of­fen­bar fal­schen An­mer­kun­gen. Ich ha­be es sehr be­grüßt, dass Sie ei­nen so aus­führ­li­chen Ar­ti­kel zur Ver­an­stal­tung im Ba­by­lon ver­fasst ha­ben, da an­ge­sichts von Pe­gi­da und AfD das The­ma Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus wie­der von er­schrecken­der Ak­tua­li­tät ist. Ich stim­me Ih­nen zu, dass über die­sen Zu­sam­men­hang bei der Po­di­ums­dis­kus­si­on zu we­nig ge­spro­chen wur­de. Ich ver­ste­he auch, dass Sie, mit Ih­rem Hin­ter­grund, die sport­li­che Sei­te der Ge­schich­te be­son­ders be­ar­bei­tet ha­ben.

    Ich hal­te es aber den­noch für sehr not­wen­dig, dass ge­ra­de in der Stadt Fürth die zwie­späl­ti­ge lo­kal­po­li­ti­sche Er­in­ne­rung an den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus nie un­er­wähnt bleibt!

    Mit freund­li­chen Grü­ßen,
    Pe­ter A. Le­frank

    PS: Ich schla­ge vor, dass ich un­se­re Kor­re­spon­denz hier als Kom­men­tar zu mei­nem Ar­ti­kel in der »Für­ther Frei­heit« ver­öf­fent­li­che. Ich mei­ne, dass ei­ne Kor­rek­tur von mei­ner Sei­te nur schlech­ter wer­den kann, als das was Sie selbst ge­schrie­ben ha­ben.

  2. Ute Schlicht sagt:

    ... ich hoff­te, dass zu die­sem Bei­trag ir­gend­wann noch mehr Er­hel­len­des zur »zwie­späl­ti­gen lo­kal­po­li­ti­schen Er­in­ne­rung« »auf­leuch­ten« wür­de.

    Mein Mann und ich ha­ben vor län­ge­rer Zeit die Aus­stel­lung über die Ent­eig­nung der jü­di­schen Fa­mi­li­en (v.a. in Nürn­berg) im Nürn­ber­ger Do­ku­zen­trum be­sucht. Dass re­la­tiv we­nig Ma­te­ri­al zur Ent­eig­nung der jü­di­schen Be­völ­ke­rung von Fürth prä­sen­tiert wur­de, be­grün­de­te der Herr, der die Aus­stel­lung er­läu­ter­te, da­mit, dass von den be­tref­fen­den Für­ther Be­hör­den we­nig Ma­te­ri­al zu die­sem The­ma zu be­kom­men wä­re. Die­se Aus­sa­ge und der merk­wür­di­ge Um­gang mit »be­la­ste­ten Pro­mi­nen­ten« in Fürth pas­sen »ir­gend­wie« zu­sam­men, fin­de ich.

    Für mich wä­re es in­ter­es­sant, wie der heu­ti­ge Stand der Din­ge ist: Gibt es mitt­ler­wei­le um­fang­rei­ches Ma­te­ri­al, das für die Öf­fent­lich­keit zugänglich/einsehbar ist?

  3. Im Für­thWi­ki gibt es vie­le Tref­fer zum Such­be­griff »Ari­sie­rung«, eben­so zum Stich­wort »Ent­eig­nung«. Über­dies gibt es dort ei­ni­ge ak­ti­ve Mit­ma­cher, die an der Für­ther Stadt­ge­schich­te for­schen. Viel­leicht schau­en Sie mal bei ei­ner un­se­rer näch­sten Ar­beits­sit­zun­gen vor­bei, wo­mög­lich läßt sich da was in Gang brin­gen?

  4. Noch ei­ne An­mer­kung zum The­ma »merk­wür­di­ger Um­gamg mit be­la­ste­ten Pro­mi­nen­ten«: Man kann sich vor­stel­len, daß die es im­mer noch (oder wie­der?) Leu­te gibt, die ih­re »hei­le Welt« nicht durch ir­ri­tie­ren­de Be­fun­de ge­stört se­hen wol­len, aber ei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rie wür­de ich dar­aus nicht ab­lei­ten wol­len.

    Die NS-Ver­gan­gen­heit des ehe­ma­li­gen Stadt­hei­mat­pfle­gers Dr. Adolf Schwamm­ber­ger bei­spiels­wei­se ist erst in jüng­ster Zeit re­cher­chiert und pu­bli­ziert wor­den, und an die­sem Ex­em­pel mag man er­ken­nen, wo das ei­gent­li­che Pro­blem liegt: Ak­ten sind mit­un­ter weit­ver­streut in ent­fern­ten Ar­chi­ven zu fin­den, und oft müs­sen nicht nur we­ni­ge Sei­ten, son­dern ein Wust er­hal­te­ner Do­ku­men­te durch­ge­ar­bei­tet wer­den. Das al­les vor Ort und zu Öff­nungs­zei­ten, die von Be­rufs­tä­ti­gen kaum oder nur im Ur­laub ein­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Will sa­gen, nur Leu­te mit be­harr­li­chem In­ter­es­se an der Sa­che und ho­her Zeit­sou­ve­rä­ni­tät (z.B. pen­sio­nier­te Leh­rer) könn­ten hier mit ei­ni­ger Aus­sicht auf Er­folg weit­erfor­schen, wo ein öf­fent­li­ches In­ter­es­se an der Auf­ar­bei­tung der Ge­schich­te – war­um auch im­mer – nicht zu er­ken­nen ist. Und na­tür­lich ein­schlä­gig in­ter­es­sier­te Stu­den­ten. Von da­her liegt das Pro­blem wohl nicht im ak­ti­ven Ver- oder Be­hin­dern von For­schung, son­dern eher am Man­gel von For­schern...

  5. Ute Schlicht sagt:

    ... da ich nicht zum Per­so­nen­kreis »pen­sio­nier­ter Leh­rer« ge­hö­re, ha­be ich (noch) ge­nü­gend zu tun. Trotz­dem: Dan­ke für Ihr An­ge­bot. Ich wer­de mich auf den von Ih­nen ge­nann­ten Sei­ten wei­ter­hin in­for­mie­ren.

    Ei­ne Ver­schwö­rung woll­te ich auch nicht an­deu­ten.

    Das Pro­blem der »weit ver­streu­ten« Schrift­stücke er­wähn­te der Herr im Do­ku­zen­trum auch – in die­sen Fäl­len er­kann­te er auch kein »Mau­ern«. Er be­dau­er­te, dass die Für­ther Fi­nanz­be­hör­den nicht sehr »ko­ope­ra­tiv« wä­ren. Wes­sen hei­le Welt durch neue Er­kennt­nis­se ins Wan­ken ge­rie­te ... das weiß man aber im­mer erst, wenn al­le De­tails ge­klärt sind. Des­halb wün­sche den »For­schern« vie­le neue Er­kennt­nis­se.

    Ich dan­ke Ih­nen für Ih­re aus­führ­li­che Ant­wort.

  6. Peter A. Lefrank sagt:

    Ich hal­te Ih­ren Wunsch, Frau Schlicht, für sehr an­ge­bracht, zum The­ma der »zwie­späl­ti­gen lo­kal­po­li­ti­schen Er­in­ne­rung« in Fürth mehr Er­hel­len­des zu lie­fern. Und das mit be­son­de­rem Be­zug zu den aku­ten und wie­der­hol­ten rechts­ra­di­ka­len Um­trie­ben in un­se­rer Stadt. Man den­ke an die Schän­dung des Ge­denk­orts Ru­dolf Be­n­a­rio & Ernst Gold­mann in die­sem Mo­nat.

    Ich glau­be al­ler­dings nicht dar­an, dass ein Man­gel an For­schern oder die Un­zu­gäng­lich­keit von Quel­len die vor­ran­gi­gen Ur­sa­chen für die schlep­pen­de Er­hel­lung sind. Ich den­ke schon, dass Fürth – wie na­tür­lich an­de­re Städ­te auch – sich lie­ber in ein schö­nes Licht rückt und da­für viel Geld aus­gibt, das dann im so­zia­len Be­reich fehlt. Stich­wort Lud­wig Er­hard Haus. Das macht ei­nen bes­se­ren Ein­druck als die Un­ta­ten von Eh­ren­bür­gern un­ver­blümt auf­zu­zei­gen.

    Ralph Sten­zel hat ja schon dar­auf hin­ge­wie­sen, dass doch ei­ni­ges ge­sche­hen ist in punk­to Er­hel­lung. Lei­der feh­len noch ent­spre­chen­de Schau­ta­feln an den Eh­ren­bü­sten un­se­rer di­ver­sen »Wür­den­trä­ger«. Ein auf­klä­re­ri­sches Er­eig­nis in die­sem Zu­sam­men­hang wird si­cher­lich der Vor­trag von Kam­ran Sa­li­mi zu Dr. Adolf Schwamm­ber­ger am 7. Sep­tem­ber um 19 Uhr im Stadt­mu­se­um Fürth sein.

  7. Ute Schlicht sagt:

    Sehr ge­ehr­ter Herr Le­frank,

    Ganz klar: Die Un­zu­gäng­lich­keit von Quel­len ist nur ein As­pekt in der »schlep­pen­den Er­hel­lung«.

    Die »ge­schön­ten« Bio­gra­phi­en se­he ich – wie Sie – als gro­ßes Pro­blem bei der Auf­ar­bei­tung der Ge­schich­te. Dass je­de Stadt das Le­ben ih­rer »gro­ßen Söh­ne« nach­träg­lich schönt, scheint ein Teil falsch ver­stan­de­ner Image­pfle­ge zu sein.

    Zu Schicke­danz fehlt je­doch fast im­mer, wenn ein Rück­blick auf die »Quelle«-Historie ver­öf­fent­licht wird, der Hin­weis auf den sehr frü­hen, mit Si­cher­heit nicht er­zwun­ge­nen, son­dern op­pur­tu­ni­sti­schen Ein­tritt in die NSDAP, der si­cher­lich zum Auf­stieg des Un­ter­neh­mens bei­getra­gen hat; die­sen Hin­weis kann man schon des­halb nicht un­ter­schla­gen; will man Er­hard wür­di­gen, müss­te auch der »Ro­sen­thal-Fall« er­zählt wer­den, denn hier hat Er­hard sei­nen Po­sten als Be­ra­ter ein­deu­tig »miss­braucht«; usw.

    Die re­gel­mä­ßi­ge Zer­stö­rung der Ge­denk­ta­fel an der Ufer­pro­me­na­de zeigt auch mir, dass die Auf­ar­bei­tung in ge­wis­sen Krei­sen un­er­wünscht ist., aber: Ge­denk­ta­feln sind »nur« die »rück­blicken­de« Sei­te der Auf­ar­bei­tung. Auf­ar­bei­tung von Un­recht und Ge­walt be­deu­tet vor al­lem ein deut­li­ches »Nie wie­der!«

    Da­zu ge­hört un­be­dingt: Ei­ne Auf­deckung der Me­tho­den, Me­cha­nis­men und Struk­tu­ren, die hin­ter je­der(!) Art von Hetz­kam­pa­gnen und men­schen­feind­li­chen/-ver­ach­ten­den Um­trie­ben ste­hen – wo­bei die po­li­ti­sche Aus­rich­tung sol­cher Het­ze zu­nächst ne­ben­säch­lich ist, fin­de ich, sie ist und bleibt von »rechts« und von »links« men­schen- und de­mo­kra­tie­feind­lich.

    Dass die Ar­beit der For­scher auch die­sen As­pekt be­rück­sich­tigt, wün­sche ich mir, und wün­sche die­ser Ar­beit noch ein­mal viel Er­folg.

  8. Mal was Grund­sätz­li­ches: Schwarm-Pro­jek­te wie die Wi­ki­pe­dia und das Für­thWi­ki ste­hen je­der­mann nicht nur zur Ver­fü­gung, son­dern auch zur in­halt­li­chen Be­ar­bei­tung und Fort­schrei­bung of­fen. Wenn bei­spiels­wei­se der ak­tu­ell noch et­was knap­pe Für­thWi­ki-Ar­ti­kel über Lud­wig Er­hard um den mir nicht be­kann­ten »Ro­sen­thal-Fall« er­gänzt wer­den wür­de (selbst­re­dend un­ter An­ga­be re­pu­ta­bler Quel­len), dann hät­te kei­ner was da­ge­gen und die cau­sa wä­re schwarz auf weiß do­ku­men­tiert und weit­hin ab­ruf­bar. Zwar noch nicht in ei­nem an­er­kann­ten Stan­dard-Werk, aber im­mer­hin, ein er­ster Schritt wä­re ge­macht.

    Nach­trag: Ich se­he so­eben, daß die Ro­sen­thal-Sa­che ja be­reits im be­sag­ten Ar­ti­kel Er­wäh­nung fin­det. Auf der da­zu­ge­hö­ri­gen Dis­kus­si­ons­sei­te gibt es ei­nen Schrift­wech­sel da­zu. So kann ge­mein­sa­me Ar­beit im Dien­ste der Wahr­heits­fin­dung aus­se­hen (und auch wei­ter­ge­hen).

  9. Ute Schlicht sagt:

    Dan­ke für die Hin­wei­se!

    Die Ro­sen­thal-Sa­che ha­be ich aus ei­nem Bei­trag im Fern­se­hen er­fah­ren. Soll­te ich die »Quel­le« wie­der­fin­den, er­gän­ze ich sie an pas­sen­der Stel­le.

  10. Peter A. Lefrank sagt:

    Ich fin­de es sehr er­freu­lich, dass Sie zu die­sem lei­di­gen The­ma ei­ne leb­haf­te Dis­kus­si­on an­zet­teln konn­ten, sehr ge­ehr­te Frau Schlicht. Auf­klä­rung tut ja auch Not. Na­tür­lich kön­nen Schwarm-Pro­jek­te wie Wi­ki­pe­dia und Fürt­Wi­ki beim Er­hel­len hel­fen. Al­ler­dings hiel­te ich es nach wie vor für rich­tig, wenn der Stadt­rat be­schlös­se, an den ein­schlä­gi­gen Hul­di­gungs­stät­ten nicht nur zu hul­di­gen son­dern auch auf die teil­wei­se höchst frag­wür­di­ge Ver­gan­gen­heit der Eh­ren­bür­ger hin­zu­wei­sen. Dann müss­te nie­mand in Wi­ki­pe­dia nach­for­schen son­dern je­de­frau und je­der­mann könn­te es öf­fent­lich se­hen.

  11. Vor­ab ei­ne Be­mer­kung zum „Er­hard-Ro­sen­thal Fall“. Auf der Sei­te „der-landbote.de“ ha­be ich schon 2013 ei­nen aus­führ­li­chen Bei­trag über Lud­wig Er­hard ver­öf­fent­licht, der nicht nur die­sen „Fall“ auf­greift, son­dern auch mit al­len er­for­der­li­chen Quel­len ver­se­hen ist. Er­gänzt wer­den müss­ten nur die Ko­sten, die die Stadt Fürth für das ge­plan­te Mu­se­um auf­wen­den muss –die sind jetzt hö­her. Für den „Fall Schicke­danz“ ver­wei­se ich auf ei­nen Bei­trag von Dietz­fel­bin­ger, Eck­art: „War­um brau­ne Flecken kein Ma­kel blie­ben – An­mer­kun­gen zum Fall Gu­stav Schicke­danz„ 2008“.

    Aber zu­rück zum Um­gang der Stadt Fürth mit ih­ren „gro­ßen Söh­nen und Töch­tern“ Der Um­gang der Stadt Fürth ist sym­pto­ma­tisch für das, was in der Nach­kriegs­ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“ ge­nannt wird:

    Als ei­nes der er­sten Ge­set­ze der jun­gen Bun­des­re­pu­blik wur­de am 31. De­zem­ber 1949 ein Straf­frei­heits­ge­setz ver­kün­det. Mit ihm wur­den die von den Spruch­kam­mern und Ge­rich­ten ver­häng­ten Frei­heits­stra­fen bis zu 6 Mo­na­ten und Geld­stra­fen bis zu 5.000 DM auf­ge­ho­ben. Bis Ja­nu­ar 1951 wur­den da­mit 792.176 Per­so­nen – die von den Spruch­kam­mern als so­ge­nann­te Min­der­be­la­ste­te und Mit­läu­fer ein­ge­stuft wa­ren – ent­la­stet. Das Ge­setz war vor al­lem auf Be­trei­ben der FDP, ei­nem Sam­mel­becken de­mo­kra­tisch ge­wen­de­ter Na­tio­nal­so­zia­li­sten und der DP, ei­ner Par­tei be­ken­nen­der Na­zis, mit Zu­stim­mung von CDU/CSU und SPD zu­stan­de ge­kom­men. „Erst­mals be­stä­tig­te sie [die Am­ne­stie, der Verf.] auf bun­des­staat­li­cher Ebe­ne je­ne Schluss­strich­men­ta­li­tät, die in Tei­len der deut­schen Nach­kriegs­ge­sell­schaft be­reits ab 1946/47 ent­stan­den und wei­ter im Wach­sen war.“ (Frei, Nor­bert: Ver­gan­gen­heits­po­li­tik, Mün­chen, 2003 S.50f) Mit dem so­ge­nann­ten 131er Ge­setz vom April 1951 konn­te ein gro­ßer Teil der 200.000 Funk­ti­ons­trä­ger des Drit­ten Rei­ches in den öf­fent­li­chen Dienst zu­rück­keh­ren und die Kar­rie­re fort­set­zen. 131er nann­te man in Deutsch­land Be­am­te, die trotz ih­rer Ar­beit als Be­am­te für den NS-Staat auch in der BRD als Be­am­te zu­ge­las­sen wur­den.

    Der Bun­des­tag be­schloss die Re­ge­lung da­zu am 10. April 1951 auf­grund des Ar­ti­kels 131 des Grund­ge­set­zes mit Zu­stim­mung al­ler Par­tei­en des Bun­des­ta­ges oh­ne Ge­gen­stim­men bei nur zwei Ent­hal­tun­gen. Sie be­sag­te, dass al­le Be­am­ten, die beim Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren nicht als Haupt­schul­di­ge oder Be­la­ste­te ein­ge­stuft wor­den wa­ren, wie­der ver­be­am­tet wer­den durf­ten. Mit die­sem Ge­setz und sei­nen lau­fen­den Er­gän­zun­gen wur­den Ge­sta­po­be­am­te, SS-Leu­te, Mi­li­tärs und NSDAP-Funk­tio­nä­re in den Staats­dienst zu­rück­ge­holt. Im Wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­um wa­ren bis zu 80% (s.a. Ar­ti­kel Er­hard) der lei­ten­den Be­am­ten ehe­ma­li­ge NSDAP-Mit­glie­der, im Au­ßen­mi­ni­ste­ri­um über 70 %. „…Die Ent­na­zi­fi­zie­rung des aus­wär­ti­gen Dien­stes war das Er­geb­nis ei­nes gi­gan­ti­schen Ent­la­stungs­wer­kes …“, ver­merkt ei­ne Stu­die aus dem Jahr 2010. Nicht an­ders ver­hielt es sich mit der Zu­sam­men­set­zung der Par­la­men­te. Kein Rich­ter wur­de we­gen sei­ner Schand­ur­tei­le je zur Re­chen­schaft ge­zo­gen. „Die Hit­ler den Staat ge­macht hat­ten – kaum zehn Jah­re spä­ter wa­ren sie, so­weit nicht in Pen­si­on, fast al­le wie­der in Amt und Wür­den“. (Frei a.o.a.O. S.99) Mit ei­nem wei­te­ren Straf­frei­heits­ge­setz von 1954 war für die mei­sten Deut­schen die Aus­ein­an­der­set­zung mit der NS-Ver­gan­gen­heit fak­tisch ab­ge­schlos­sen. Da­mit wur­den un­ter an­de­rem al­le, die ih­re von 1933 – 1945 be­gan­ge­nen Straf­ta­ten ver­schwie­gen oder ei­ner ver­bre­che­ri­schen Or­ga­ni­sa­ti­on wie der SS an­ge­hört hat­ten, am­ne­stiert. Nur Tot­schlags­ver­bre­chen wa­ren von die­ser Re­ge­lung aus­ge­nom­men.

    Ob­wohl das Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 10, das ei­ne un­nach­sich­ti­ge Be­stra­fung der Tä­ter for­der­te, for­mal wei­ter­hin galt, wur­de es in der Bun­des­re­pu­blik fak­tisch seit 1951 nicht wei­ter an­ge­wen­det. Als die Be­sat­zungs­mäch­te sich zu­rück­zo­gen, war nur ein Teil der­je­ni­gen NS-Mas­sen­ver­bre­chen straf­recht­lich ab­ge­ur­teilt wor­den, für die Al­lier­ten die Ge­richts­bar­keit an sich ge­zo­gen hat­ten. Be­reits vor­her hat­ten deut­sche Ge­rich­te – jetzt zu­neh­mend wie­der mit al­ten Ka­me­ra­den be­setzt – die Vor­ga­ben des Kon­troll­rats­ge­set­zes in der Re­gel nicht an­ge­wen­det. Sie stütz­ten sich al­lein auf die deut­schen Straf­ge­set­ze, die sich für die um­fas­sen­de Be­stra­fung na­tio­nal­so­zia­li­sti­scher Ver­bre­chen oft als un­ge­eig­net er­wie­sen und bei ver­spä­te­ter Tat­auf­klä­rung zur Ver­jäh­rung führ­ten.

    Der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Pe­ter Rei­chel stellt fest, 1949 hät­te die Mög­lich­keit be­stan­den, die im Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 10 ent­hal­te­nen völ­ker­recht­li­chen Tat­be­stän­de als Son­der­ge­set­ze zu über­neh­men und Son­der­ge­rich­te ein­zu­füh­ren: „Man ent­schied sich ge­gen die­sen ver­gan­gen­heits­po­li­tisch in­no­va­ti­ven, aber ge­wiss auch un­po­pu­lä­ren Weg und für das Prin­zip des Rück­wir­kungs­ver­bots (Art. 103 GG) und die [deut­sche, d. Verf.] Rechts­kon­ti­nui­tät, so be­denk­lich die Be­grün­dung auch er­scheint.“ Man nahm da­mit in Kauf, dass „vie­le Tä­ter nur we­gen Bei­hil­fe und man­che Ver­ge­hen gar nicht ge­ahn­det wer­den konn­ten.“ Von 1948 bis 1993 wur­den von der west­deut­schen Ju­stiz 105.688 Er­mitt­lungs­ver­fah­ren auf­grund von NS-Ver­bre­chen er­öff­net. 6.494 Per­so­nen, ge­ra­de mal 6,1%, wur­den rechts­kräf­tig ver­ur­teilt. Die Höchst­stra­fe wur­de in 178 Fäl­len ver­hängt. In der Mehr­zahl wur­den die An­ge­klag­ten auch bei Tö­tungs­de­lik­ten nicht als Tä­ter mit ei­ge­nem Tat­vor­satz ver­ur­teilt, son­dern nur der Bei­hil­fe für schul­dig be­fun­den.

    Al­le, die 1933 ge­ju­belt hat­ten, „als die Na­zis zu­erst die Kom­mu­ni­sten hol­ten“ (aus ei­ner selbst­kri­ti­schen Re­fle­xi­on Mar­tin Niem­öl­lers), si­cher­ten sich, un­ter­stützt von den west­li­chen Al­li­ier­ten, de­ren Haupt­feind jetzt wie­der die So­wjet-Uni­on war, die Deu­tungs­ho­heit über die jüng­ste Ver­gan­gen­heit. Ver­drän­gung der na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Ver­bre­chen, Mit­tä­ter­schaft und Zu­stim­mung ei­nes Groß­teils der Be­völ­ke­rung nutz­ten sie zur Kon­struk­ti­on ei­ge­ner Wi­der­stands­le­gen­den, die für die hi­sto­ri­sche Wahr­heit we­nig Raum lie­ßen. Pa­tho­lo­gi­sche Schuld­ver­drän­gung ge­paart mit Selbst­mit­leid fan­den brei­te Zu­stim­mung. So präg­ten in den 50er Jah­ren je­ne das po­li­ti­sche Kli­ma der Bun­des­re­pu­blik, die erst we­ni­ge Jah­re zu­vor – jetzt von al­len Schand­ta­ten am­ne­stiert – ge­mor­det, ge­raubt, ge­plün­dert und de­nun­ziert hat­ten. Die nie­der­säch­si­sche Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Ma­ria Mey­er-Se­ve­nich (SPD) brach­te es am 1. Ju­li 1951 auf den ge­mein­sa­men de­mo­kra­ti­schen Nen­ner: „Die Ent­na­zi­fi­zie­rung ist nichts an­de­res als ein Mit­tel zur Bol­sche­wi­sie­rung des west­deut­schen Rau­mes.“ Oder an­ders ge­sagt: Das Nach­kriegs­trau­ma war für die mei­sten West­deut­schen nicht et­wa Ausch­witz son­dern Sta­lin­grad.

    Mit dem Kampf­be­griff des To­ta­li­ta­ris­mus, in der Bun­des­re­pu­blik auf ein simp­les Rot = Braun ver­kürzt, wur­de mit dem ver­nich­te­ten Braun auch Rot, das die­sen Un­ter­gang der Na­zis maß­geb­lich her­bei­ge­führt hat­te, ent­sorgt. Die Bun­des­re­pu­blik, ideo­lo­gisch und ma­te­ri­ell zum an­ti­kom­mu­ni­sti­schen Vor­po­sten hoch­ge­rü­stet und als In­kar­na­ti­on gu­ter Herr­schaft ge­adelt, konn­te „da­mit das wich­tig­ste Re­qui­sit aus der brau­nen Ver­gan­gen­heit in ei­nen Ge­nug­tu­ung ver­spre­chen­den Neu­an­fang hin­über­ret­ten …Die To­ta­li­ta­ris­mus­theo­rie er­laub­te es, an ein und dem­sel­ben Na­gel die Feind­schaft ge­gen Rot über die er­zwun­ge­ne Di­stan­zie­rung von Braun zu hän­gen …“

    Die Fol­gen sind hin­rei­chend be­kannt:

    Das KPD-Ver­bot. 125.000 Er­mitt­lungs­ver­fah­ren und über 10.000 Ver­ur­tei­lun­gen bis 1968, „…Die Zahl der zwi­schen 1951 und 1968 ge­fäll­ten Ur­tei­le ge­gen Kom­mu­ni­sten lag fast sie­ben­mal so hoch, wie die ge­gen NS-Tä­ter – ob­wohl die Na­zis Mil­lio­nen Men­schen er­mor­det hat­ten. (Ri­goll, Do­mi­nik: Staats­schutz in West­deutsch­land, Göt­tin­gen, 2013, S.465 ff).

    Die Grund­sät­ze zur Fra­ge der ver­fas­sungs­feind­li­chen Kräf­te im öf­fent­li­chen Dienst – dem so­ge­nann­ten Ra­di­ka­len­er­lass -, den die Re­gie­rungs­chefs der Bun­des­län­der und Bun­des­kanz­ler Wil­ly Brandt am 28. Ja­nu­ar 1972 auf Vor­schlag der In­nen­mi­ni­ster­kon­fe­renz ver­ab­schie­de­ten. Bis zur Ab­schaf­fung der Re­gel­an­fra­ge 1991, „… wur­den et­wa 3,5 Mil­lio­nen Be­wer­be­rin­nen und Mit­glie­der des öf­fent­li­chen Dien­stes vom Ver­fas­sungs­schutz auf ih­re po­li­ti­sche Zu­ver­läs­sig­keit durch­leuch­tet. Der Ver­fas­sungs­schutz gab Ne­ga­tiv­aus­künf­te für 35.000 Per­so­nen her­aus. In der Fol­ge kam es zu 11.000 of­fi­zi­el­len Be­rufs­ver­bots­ver­fah­ren, 2.200 Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, 1.250 Ab­leh­nun­gen von Be­wer­bun­gen und 265 Ent­las­sun­gen…“.

    Es ge­hört zu den Trep­pen­wit­zen der Ge­schich­te, dass aus­ge­rech­net Klaus Kin­kel FDP (von 1979 ‑1982 Prä­si­dent des von Na­zi-Kriegs­ver­bre­chern ge­grün­de­ten und ver­seuch­ten Bun­des­nach­rich­ten­dien­stes), for­der­te: „Ich baue auf die deut­sche Ju­stiz. Es muss ge­lin­gen, das SED-Sy­stem zu de­le­gi­ti­mie­ren.“ Sei­ne For­de­run­gen rich­te­ten sich an ei­ne Ju­stiz, die sich bei der Ver­fol­gung der Kom­mu­ni­sten be­währt hat­te, und rei­hen­wei­se Na­zi­tä­ter ent­schul­det hat­te. Ei­ner von ih­nen war Staats­an­walt Dr. Münz­berg. Der hat­te 1967 dem SS-Ober­sturm­füh­rer Ar­nold Strip­pel, der in Ham­burg im April 1944 20 jü­di­sche Kin­der zwi­schen 5 und 15 Jah­ren er­hängt hat­te, be­schei­nigt: „…Die Er­mitt­lun­gen ha­ben nicht mit der er­for­der­li­chen Si­cher­heit er­ge­ben, dass sich die Kin­der über Ge­bühr lan­ge quä­len muss­ten, be­vor sie star­ben … Ih­nen ist al­so über die Ver­nich­tung ih­res Le­bens hin­aus kein wei­te­res Übel zu­ge­fügt wor­den ...“. Münz­berg hat­te das Ver­fah­ren ein­ge­stellt und fand nach dem An­schluss der DDR ei­ne Wei­ter­ver­wen­dung für den Auf­bau ei­ner rechts­staat­li­chen Ju­stiz im neu­en Bun­des­land Meck­len­burg-Vor­pom­mern.

    Ver­läss­li­che Schät­zun­gen spre­chen von et­wa ei­ner Mil­li­on ehe­ma­li­ger Staats­be­dien­ste­ter und Wis­sen­schaft­ler in der DDR, die über War­te­schlei­fe, Ab­wick­lung und Kün­di­gung ent­las­sen wur­den. Ih­nen wur­de ei­ne be­son­de­re Loya­li­tät zur DDR vor­ge­wor­fen. Des­halb könn­ten sie im ver­ei­nig­ten Deutsch­land nicht hin­rei­chend ver­fas­sungs­treu sein, es er­man­ge­le ih­nen an per­sön­li­cher Eig­nung.

    Ab­ge­se­hen von ei­ner Min­der­heit von Hi­sto­ri­kern sind wir von ei­ner ernst­haf­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit un­se­rer Ver­gan­gen­heit nicht nur in Fürth noch weit ent­fernt, auch wenn uns die gän­gi­ge Be­trof­fen­heits­ly­rik et­was an­de­res sug­ge­rie­ren soll.

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