Si­tua­ti­ons­be­richt aus der Pflicht­schu­le

27. März 2011 | von | Kategorie: Vermischtes

An der In­nen­sei­te ei­ner Tür zum Leh­rer­zim­mer ei­ner Für­ther Grund- und Mit­tel­schu­le hing fol­gen­de Fund­sa­che:

Si­tua­ti­ons­be­richt:

Je­de Lehr­kraft un­se­rer Schu­le hat täg­lich die Auf­ga­be zu be­wäl­ti­gen, ei­ne Wan­der­grup­pe mit Spit­zen­sport­lern und Be­hin­der­ten bei Ne­bel durch un­weg­sa­mes Ge­län­de in nord-süd­li­cher Rich­tung zu füh­ren und zwar so, dass al­le bei be­ster Lau­ne und mög­lichst gleich­zei­tig an drei ver­schie­de­nen Ziel­or­ten an­kom­men.

An­schlie­ßend muss je­der Teil­neh­mer ab­so­lut da­von über­zeugt sein kön­nen, dass die­se Wan­de­rung nur we­gen ihm selbst und sei­nen per­sön­li­chen In­ter­es­sen statt­ge­fun­den hat.

Die­ses State­ment aus der Pflicht­schu­le be­schreibt ganz gut die schi­zo­phre­ne Si­tua­ti­on, in der sich so­wohl Lehr­kör­per als auch Kin­der be­fin­den.

Zeichnung von Hucky Schermann

Zeich­nung von Hucky Scher­mann

Nach dem baye­ri­schen Sy­stem fin­det ge­ra­de in den Klas­sen 3 und 4 ein un­glaub­li­cher Se­lek­ti­ons­pro­zess statt. Letz­ten En­des blei­ben da­bei ge­ra­de die Schwäch­sten auf der Strecke, denn viel Hil­fe kön­nen sie nicht er­war­ten. Ech­te, ef­fek­ti­ve und an­dau­ern­de För­de­rung kann bei den be­stehen­den Stun­den­zu­wei­sun­gen nicht statt­fin­den.

Der größ­te Hohn ist mo­men­tan für mich, dass in den Klas­sen 3 und 4 das Fach Re­li­gi­on mit drei Wo­chen­stun­den aus­ge­wie­sen ist. Da­bei muss man se­hen, dass z.B. der Sach­un­ter­richt in Stu­fe 3 auch mit drei Wo­chen­stun­den ge­rech­net wird.

Ne­ben stun­den­plan­tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Pro­ble­men wie der kon­fes­sio­nel­len Grup­pen­bil­dun­gen gibt es dann noch die Ethi­ker – ein Sam­mel­su­ri­um von Kon­fes­si­ons­lo­sen und Mos­lems. Nichts ist ge­gen Stun­den zu sa­gen, in de­nen die Kin­der mal aus­schnau­fen kön­nen. Wenn man dann aber sieht, dass Kunst­er­zie­hung nur mit ei­ner Wo­chen­stun­de ab­läuft, langt man sich dann doch an den Kopf.

Für mich ist es un­ver­ständ­lich, dass sich von El­tern­sei­te und ih­ren Ver­bän­den hier kei­ner­lei Pro­test ent­wickelt. Aber viel­leicht den­ken die Ver­ant­wort­li­chen nur ganz na­iv an fol­gen­de Sät­ze aus der Berg­pre­digt: »Seid nicht be­sorgt für eu­er Le­ben, was ihr es­sen und was ihr trin­ken sollt, noch für eu­ren Leib, was ihr an­zie­hen sollt. Ist nicht das Le­ben mehr als die Spei­se und der Leib mehr als die Klei­dung? Seht hin auf die Vö­gel des Him­mels, dass sie nicht sä­en noch ern­ten, noch in Scheu­nen sam­meln, und eu­er himm­li­scher Va­ter er­nährt sie doch.«

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2 Kommentare zu »Si­tua­ti­ons­be­richt aus der Pflicht­schu­le«:

  1. Matthias Kosubek sagt:

    Sehr ge­ehr­ter Hucky Scher­mann,

    sehr ge­lun­gen wie sie An­fangs auf das Pro­blem in un­se­rem Bil­dungs­sy­stem ein­ge­hen. Doch frag­te ich mich beim le­sen, ob man das Pro­blem wirk­lich am Re­li­gi­ons­un­ter­richt fest ma­chen kann? Sind die Pro­ble­me, wel­che das Bil­dungs­sy­stem hat nicht an ganz an­de­ren Din­gen fest zu ma­chen? Zu nen­nen wä­re hier­bei für mich die Schichtspe­zi­fi­sche So­zia­li­sa­ti­on in der Fa­mi­lie oder die Se­gre­ga­ti­on im Bil­dungs­sy­stem...

    Wie­so soll­ten die El­tern in Bay­ern ge­gen Re­li­gi­ons­un­ter­richt auf die Bar­ri­ka­den ge­hen? Ist es nicht noch so, das ge­ra­de hier die »Tra­di­ti­on« ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le spielt? Ich bin zwar eben­falls der Mei­nung, ei­ne Stun­de in­ten­si­ves Be­schäf­ti­gen mit den Fra­gen des Le­bens und der Re­li­gi­on kön­nen mehr Qua­li­tät ha­ben, als drei Stun­den »Aus­ru­hen«. Trotz­dem liest es sich fast so, als wür­de der Re­li­gi­ons­un­ter­richt als Über­flüs­sig er­klärt wer­den und hier wi­der­spre­che ich ger­ne. Das ei­ne ge­rech­te­re Stun­den­ver­tei­lung si­cher nö­tig ist – klar! Aber für mich sind die Pro­ble­me im Bil­dungs­sy­stem si­cher gra­vie­ren­de­re...

  2. Sehr ge­ehr­ter Herr Ko­sub­ek,

    Ih­ren Kom­men­tar hab ich da­mals über­se­hen. Des­halb erst heu­te ei­ne Ant­wort.

    Si­cher ha­ben Sie recht, dass es im Bil­dungs­be­reich we­sent­li­che­re Din­ge zu än­dern gibt als die­se un­mög­li­che Stun­den­ta­fel. Selt­sam ist aber den­noch, dass bei die­sen omi­nö­sen 3 Re­li­gi­ons­stun­den in der Wo­che kei­ner­lei Pro­test statt­fin­det – denn das lie­ße sich sehr leicht än­dern...

    Wenn man schon im Klei­nen nichts in Gang bringt, wie soll es dann im Gro­ßen ge­sche­hen?

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