In Krieg und Frieden – Eine Zeitzeugin berichtet

25. März 2018 | von | Kategorie: Aktuelles

In seiner verdienstvollen Reihe von Erinnerungsbänden veröffentlicht der Zeitgut Verlag seit nunmehr 20 Jahren Berichte aus der Feder von Zeitzeugen, die nicht den Anspruch besonderer Prominenz erheben. Aus dem eigenen Erleben entstehen so lebendige und individuelle Beiträge zur All­tags­ge­schich­te, die sich in ihrem erzählenden Stil an ein breiteres Publikum wenden. Ihr Vorteil ist der unmittelbare Zugang zur Zeit­ge­schich­te Deutschlands, der dem Leser jenseits reinen Schul­buch­wis­sens gerade durch die besondere Nähe zum zwar begrenzten, dafür aber sehr authentischen Gegenstand Erlebnisse und Erfahrungen in sehr unmittelbarer und gut verständlicher Form vermittelt. Unter dem Titel »Vom Dritten Reich zur Nach­kriegs­zeit. Kindheit und Jugend im Schatten des Reichs­ar­beits­dien­stes 1935-1955« berichtet Ingrid Volkmann auch von Ihrer Kindheit in Fürth.

Ingrid Volkmann bei einem Ausflug an die Regnitz  zu Pfingsten 1949 (Foto: Familienarchiv)

Ingrid Volkmann bei einem Ausflug an die Regnitz zu Pfingsten 1949 (Foto: Familienarchiv)

Die Autorin bindet das eigene Er­le­ben aus schlesischer Kindheit während des Krieges und Nachkriegsjugend in der neuen Fürther Heimat mit einem umfassenderen zeit- und familiengeschichtlichen Umfeld zusammen. Das Leitmotiv bestimmt dabei neben dem eigenen Erleben die Biografie des Vaters als Mitarbeiter der Deutschen Arbeitsfront im Offiziersrang in der NS-Zeit. Wie bei vielen solchen Nachschriften vor 1945 besteht freilich eine der we­sent­li­chen Schwierigkeiten darin, dass eigenes Erinnern an über­lie­fe­rungs­be­ding­te Gren­zen stößt. Quellen aus dem fa­mi­liä­ren Nachlass sind häufig verloren gegangen, während Nach­er­zäh­lun­gen der Eltern wegen deren unmittelbarer Betroffenheit mit Vor­be­hal­ten zu begegnen ist. Das gilt insbesondere dann, wenn – wie hier – der Platz des Vaters im NS-Staat er­klä­rungs­be­dürf­tig ist. Seine eigenen Ansichten darü­ber wurden deshalb von ihm äußerst zurückhaltend erzählt, wenn er sich über­haupt dazu öffnete. Und weil generell auch von den Nachgeborenen in den meisten Fällen aus verständlicher Rück­sicht­nah­me auf die eigene Fa­mi­lien­ge­schich­te das Gespräch nicht allzu nach­boh­rend geführt wurde, bleibt häufig mehr ungesagt als aufgeklärt. Selbst­kri­tisch konzediert das auch die Autorin, nur belässt sie es nicht dabei, sondern bohrt gleich einer Zeithistorikerin tiefer in der noch vorhandenen Fa­mi­lien­über­lie­fe­rung wie auch in öffentlich zugänglichen Quellen. Das enge Verhältnis zum Vater lässt sie wohl mit gewissem Verständnis an das Auf­zu­klä­ren­de herangehen, aber gerade auch mit Blick auf die Weitergabe an die eigenen Kinder und Enkel doch durchaus kritisch und sehr eingehend nach Aufhellung suchen.

Verabschiedung des Vaters am Nürnbgerger Rangierbahnhof 1940 (Foto: Familienarchiv)

Verabschiedung des Vaters am Nürnbgerger Rangierbahnhof 1940 (Foto: Familienarchiv)

Der Vater, ein Altparteigenosse von 1928, schließt sich schon unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 dem Reichs­ar­beits­dienst (RAD) an und steigt binnen kurzem in dessen Führernachwuchs auf. Im Ge­burts­jahr der Tochter 1936 übernimmt er be­reits ein selbständig geführtes Ar­beits­dienst­la­ger in der Rhön zur wirt­schaft­li­chen Wei­ter­ent­wick­lung des zurück­ge­blie­be­nen Raumes. Für die junge Familie bedingt dies noch in Frie­dens­zeiten ein an­stren­gen­des Nomadenleben, eine Herausforderung, die sich unter Kriegs­be­din­gun­gen noch erheblich verschärfen sollte. Nach den Recherchen der Tochter, die bis in die technischen Details im Berufsleben des Vaters reichen, begegnet dieser aber schon 1938/39 dem besonders rabiaten Antisemitismus im Gau Franken mit erkennbarer Zurückhaltung und bezahlt dafür bis Kriegsende mit seinem Be­för­de­rungs­stopp. Aus der selbständigen Lagerführung in der Rhön wird er heraus­ge­löst und nach eigenem Empfinden strafversetzt in den Innendienst der RAD-Verwaltung, wo er besser unter Kontrolle zu sein scheint. Damit verbunden ist die Übersiedlung in die Industriestadt Fürth, wo die Familie bis in die fünfziger Jahre in der Nürnberger Straße eine großzügige Stadtwohnung bezieht, die vermutlich kurz vorher von den jüdischen Vorbesitzern geräumt wurde. Die Erinnerungen der Tochter an diese Fürther Frühzeit sind freilich altersbedingt dunkel. Nur die ständigen Abwesenheiten des Vaters seit Kriegs­be­ginn in frontnahen Ein­satz­ge­bie­ten bleiben im Gedächtnis haften, sind sie doch sogar mit gelegentlichen Besuchen von Mutter und Tochter verbunden: bei den infrastrukturellen Vorbereitungen des Feldzuges gegen die Sowjetunion in Ost­po­len, beim Bunkerbau in Süd­frank­reich zur dann doch gescheiterten Abwehr einer alliierten Landung, schließlich beim Bau­dienst im sog. Ge­ne­ral­gou­ver­ne­ment in der Hohen Tatra.

Klasse 3d der Mädchenoberrealschule (heute Grund- und Mittelschule Schwabacher Straße) von 1948, Autorin in der dritten Reihe, sechste von links (Foto: Familienarchiv)

Klasse 3d der Mädchenoberrealschule (heute Grund- und Mittelschule Schwabacher Straße) von 1948, Autorin in der dritten Reihe, sechste von links (Foto: Familienarchiv)

Mutter und Tochter verbleiben im Krieg nur die erste Zeit in der Fürther Wohnung. Sobald die Städte in West­deutsch­land zu Zielen des alliierten Bombenkrieges werden, kehren sie zu den Großeltern in die am we­nig­sten von Kriegseinwirkungen betroffene alte Heimat in Niederschlesien zurück. So wird die idyllische Stadt Jauer zur eigentlichen Stätte kindlicher Ge­bor­gen­heit. Seit Mitte der achtziger Jahre wird die Autorin in der nun­mehr zu Polen gehörenden ehemaligen Heimat intensiv auf »Spurensuche« gehen und bei den in­zwi­schen sehr entspannten deutsch-polnischen Be­zie­hun­gen viele ihrer kind­li­chen Erinnerungen aufwärmen können. Dabei ist ihr und ihrer Familie das harte Schick­sal der Vertreibung nicht erspart geblieben. Nur be­geg­net sie bei ihren späteren Besuchen den dort lebenden Polen anders als die erste Generation der Vertriebenen mit großer historischer und persönlicher Auf­ge­schlos­sen­heit und erfährt dafür entsprechendes Ent­ge­gen­kom­men.

Die inzwischen Neunjährige ist freilich mittlerweile alt genug, um die Brutalitäten des Jahres 1945 bei Kriegsende und Flucht mit vollem Bewusstsein mitzuerleben. Der Vater wird aus dem letzten Einsatzraum in Tirol ebenso an seinen Fürther Wohnsitz entlassen, wie die hochschwangere Mutter gemeinsam mit Großmutter und Tochter aus dem jetzt frontnahen Jauer eine Reisegenehmigung dorthin erhält. Die Zusammenführung der Familie ist zu diesem Zeitpunkt freilich schon nicht mehr möglich. Der Kontakt zum Vater ist ab­ge­rissen und die Verkehrsverhältnisse lassen Anfang 1945 keine reibungslose Durch­rei­se aus Schlesien durch Böhmen nach Bayern mehr zu. Die vor der Roten Armee flüchtenden Schlesier können sich zwar noch für einige Wochen in den nördlichen Sudetengebieten in Sicherheit bringen, wo unter einigen Belastungen auch das Brüderchen zur Welt kommt. Seit Anfang Mai macht die tschechische Auf­stands­be­we­gung dann aber den weiteren Verbleib der Deutschen im Lande un­mög­lich. Da es nach Westen vorerst nicht weitergeht, bleibt nur der Versuch einer Rückkehr in das noch russisch besetzte Schlesien.

Ingrid Volkmann an ihrem Konfirmationstag im Jahre 1950 (Foto: Familienarchiv)

Ingrid Volkmann an ihrem Konfirmationstag im Jahre 1950 (Foto: Familienarchiv)

Dort hat freilich bereits die Verdrängung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße begonnen. Die Stadt Görlitz wird zum mas­sen­haf­ten Staupunkt zwischen nach Westen flüchtenden und nach Osten zurückwollenden Schlesiern. Dramatische Ernährungsverhältnisse in der völlig überfüllten Brückenstadt an der Neiße, in der auch die Familie der Autorin kurzzeitig nochmals Aufnahme gefunden hat, gipfeln in einer Hungerkrise. Das fordert trotz der notdürftigen Versorgung der Kinder durch die Russen schwere Opfer, darunter die Großmutter und den Bruder im Babyalter.

Im Sommer 1945 unternehmen Mutter und Tochter einen zweiten, diesmal erfolgreichen Anlauf zur Fa­mi­lien­zu­sam­men­füh­rung in Fürth durch die Sowjetisch Besetzte Zone. Sie erreichen zwar unter erheblichen Schwie­rig­kei­ten das baye­ri­sche Not­auf­nah­me­la­ger Hof-Moschendorf in der US-Zone. Hier fordern aber phy­si­sche und psychische Über­an­stren­gung bei der Mutter ihren dau­er­haf­ten Tribut. Wegen Hungertyphus muss sie ins Kran­ken­haus, kann aber nur ein­ge­schränkt behandelt werden. Die Folge ist ihr nerv­li­cher Zusammenbruch, der sie von nun an zeitlebens in psychiatrische Behandlung, häufig unter anstaltsmäßiger Betreuung zwingt. Wenigstens ist die Be­nach­rich­ti­gung des Vaters in Fürth gelungen, so dass die Tochter von ihm dorthin nachgeholt werden kann. Als ehemaliger Funktionär einer NS-Orga­ni­sa­tion muss er sich freilich härteren Ver­gel­tungs­maß­nah­men stellen. Die guten Möbel aus der Fürther Wohnung müssen zur Versorgung von Bom­ben­ge­schä­dig­ten und Flüchtlingen abgegeben werden, nur der Bücherschrank ist zum Abtransport zu schwer und verbleibt eine Rückzugszone der Tochter als Leseratte. Das ist umso notwendiger, als aufgrund der Wohn­raum­pro­ble­me in deutschen Städten größere Wohnungen mit zu­sätz­li­chen Un­ter­mie­tern belegt werden. Wie im Falle anderer NS-Organisationen schließen sich auch die ehemaligen RAD-Mitglieder zu so­ge­nann­ten »Notgemeinschaften« zusammen, um die Selbsthilfe zu or­ga­ni­sie­ren. Das erscheint dem Vater umso dringlicher, als er als »Nazi« zu zwangs­wei­sen Auf­räum­ar­bei­ten ver­pflich­tet ist und auch danach nur als Hilfsarbeiter eingestellt wird.

In der Wohnung Nürnberger Straße 88 über dem Laden (früher Leihbücherei) um 1950 (Foto: Familienarchiv)

In der Wohnung Nürnberger Straße 88 über dem Laden (früher Leihbücherei) um 1950 (Foto: Familienarchiv)

Damit einher geht ein langwieriger Prozess der Ent­na­zi­fi­zie­rung, aus dessen Un­ter­la­gen sich die Tochter später ein ein­ge­hen­de­res Bild über die Ver­gan­gen­heit ihres Vaters machen kann. Als national ge­sinn­ter Student mit geringer finanzieller Un­ter­stüt­zung durch seine Familie war der Vater an den mehrheitlich weit rechts orien­tie­rten Universitäten Jena und Halle schon 1928 dem na­tio­nal­so­zia­li­sti­schen Stu­den­ten­bund und der SA bei­ge­tre­ten und damit gleichzeitig Parteigenosse ge­wor­den. Wegen der frühen Par­tei­mit­glied­schaft nach 1933 mit dem Goldenen Parteiabzeichen ausgezeichnet, war seine Hoffnung zunächst illusorisch, nach 1945 lediglich als »Mitläufer« gelten zu können. Das Parteimitglied von 1928 bis 1945 wurde vielmehr zunächst als »Haupt­schul­di­ger« eingestuft und erst nach seinem Einspruch mit Blick auf seine geringe politisch-gesellschaftliche Gefährlichkeit als nunmehriger Hilfsarbeiter schließlich im Frühjahr 1948 zum »Minderbelasteten«, kurz danach zum »Mitläufer« herabgestuft. Wie bei einer Mehrheit seiner Generation wurde der Sieg der Alliierten daher nicht als Befreiung, sondern als nationale und persönliche Niederlage empfunden. Selbst Auswanderungspläne blieben unter diesen Umständen in der Kleinfamilie nicht aus. Immerhin war der alleinerziehende Vater bei gelegentlichen Fahrten vorbei am Nürnberger Justizpalast ehrlich genug, die dort vor Gericht stehenden NS-Führer der Tochter gegenüber verantwortlich für Krieg und Niederlage zu machen.

Die Schwierigkeiten des Vaters schlagen in der Fürther Zeit auch bis in den Alltag der Tochter durch. Zwar kann sie ab Herbst 1945 wieder am Volksschulunterricht teilnehmen, der in der Altstadt in der ehemaligen jüdischen Realschule statt­fin­det. Das Schicksal der Fürther Juden ist in dieser Zeit freilich kein Thema in der Stadt; der ebenfalls als Schüler in dieser Real­schule gewesene Henry A. Kissinger wird erst im Zuge seiner amerikanischen Karriere zum Thema und schließlich Ehrenbürger. Um den äußerst knappen Küchenzettel aufzubessern, sind Vater und Tochter wie die meisten Fürther auf das »Hamstern« in der ländlichen Umgebung angewiesen. Das junge Mädchen ist tagsüber als »Schlüsselkind« meist auf sich selbst angewiesen, weil der al­lein­er­zie­hen­de Vater an seiner Arbeitsstelle gebunden ist. Die Verpflegung bessert sich für die Schülerin ab 1947 wenigstens ei­ni­ger­ma­ßen auf, als sie wegen der geringen Ein­künf­te unentgeltlich an der sechs­tä­gi­gen Schulspeisung in Bayern teilnehmen kann. Die fortdauernden Kontakte in die Rhön ermöglichen zudem regelmäßige Ferienaufenthalte auf einem Bau­ern­hof zum »Aufpäppeln«. 1946 gelingt der Eintritt in die Mäd­chen­ober­real­schule, wo sie durch Lei­stungs­nach­weise vom Schul­geld befreit ist. Der Lehrplan ist dabei noch traditionell an der Vorbereitung der Schülerinnen auf künftige Frauenberufe orientiert.

Im Fürther Stadtpark während der Gartenschau 1951 (Foto: Familienarchiv)

Im Fürther Stadtpark während der Gartenschau 1951
(Foto: Familienarchiv)

Mit dem Abschluss der Entnazifizierung und der Währungsreform gestalten sich ab Sommer 1948 auch die familiären Ver­hält­nis­se schrittweise günstiger. Nach einigen Zwischenberufen findet der Vater mit seinen logistischen Kenntnissen aus dem Krieg Aufnahme in den »German Labor Service«, einem halbmilitärischen Hilfs­dienst der US Army an ihrem größten bayerischen Standort in Fürth. Dem folgt 1957 wie bei vielen aus dieser Per­so­nen­grup­pe die Übernahme in die Bun­des­wehr, im Falle des Vaters ins Materialamt in St. Augustin bei Bonn. Eine zweite Ehe trennt jetzt freilich die kleine Familie; die neue Berufstätigkeit des Vaters beendet Anfang der fünfziger Jahre schließlich auch die ge­mein­sa­me Zeit in Fürth; die Tochter wird die letzten Jahre ihrer Oberschulzeit in einem Internat in Bad Neuenahr ver­brin­gen. Nach dem Abitur beginnt eine neue Phase auf dem Weg zur Pädagogin. Das wird später endlich auch Mutter und Tochter wieder näher zusammenführen in ein Pflegeheim am Wohnort der Tochter und ihrer Familie. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte.

 
Ingrid Volkmann: Vom Dritten Reich zur Nachkriegszeit. Kindheit und Jugend im Schatten des Reichsarbeitsdienstes 1935-1955. 426 Seiten, Fotos, Dokumente, Klappenbroschur. Berlin: Zeitgut Verlag 2017, ISBN 978-3-86614-271-8, EUR 16,90 [= Reihe Zeitgut, Bd. 85]

 
Dr. Bruno Thoß ist Militärhistoriker im Ruhestand.

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Ein Kommentar zu »In Krieg und Frieden – Eine Zeitzeugin berichtet«:

  1. Angesichts seiner zahlreichen Fürth-Bezüge habe ich über dieses Buch soeben einen eigenen Artikel im FürthWiki angelegt.

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