»Fürth ist mir ziemlich egal«

5. Juli 2016 | von | Kategorie: Der besondere Beitrag

Kürzlich erreichte Henry Kissinger das 93. Le­bens­jahr, brav gratulierten Fürther Nachrichten und die Stadt­zeitung. In diesem Jahr sind auch zwei Veröffentlichungen zu Kissinger er­schie­nen, die unterschiedlicher nicht sein könnten; im Folgenden einige Schlaglichter auf unseren Ehrenbürger und die beiden Bücher.

Kissinger 1973 (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henry_A._Kissinger,_U.S._Secretary_of_State,_1973-1977.jpg">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Kissinger 1973
(Foto & Lizenz: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Niall Ferguson gilt als »der vielleicht einflussreichste und gewiss wortgewaltigste Historiker unserer Tage« (DIE ZEIT). Kissinger betraute Ferguson im Jahre 2004 mit seiner Biographie. Die beiden lernten sich auf einer Party kennen, wo Kissinger dessen Buch zum Ersten Weltkrieg lobte. In seinem Buch The Pity of War (dt. 2001: Der falsche Krieg) stellt Ferguson neben anderen fraglichen Thesen die von nahezu niemanden sonst (weder vorher noch nachher) vertretene Theorie auf, dass nicht Deutsch­land, sondern im Wesentlichen Großbritannien und dessen Außenminister Edward Grey für die Eskalation im Sommer 1914 und damit für den Ersten Weltkrieg verantwortlich seien. Offen­sicht­lich gefiel es Kissinger, dass ein prominenter Wis­sen­schaft­ler – völlig unbelastet vom internationalen For­schungs­kon­sens – absurde Thesen in die Welt setzt, und hielt ihn vermutlich gerade deswegen für den geeigneten Biographen.
 
Tod der Satire

Dass hier von Ferguson einiges unkonventionell interpretiert werden muss und soll, war klar. Eine Ahnung davon gibt ein geflügeltes Wort über Kissinger, das dem amerikanischen Satiriker Tom Lehrer zugeschrieben wird: »Politische Satire wurde obsolet, als Henry Kissinger den Friedensnobelpreis erhielt.«
 
Schon in der Einleitung stellt Ferguson klar, wohin der Zug fahren soll. Ferguson bescheidet der kritischen Berichterstattung über Kissinger einen »häufig« hysterischen Tonfall, der »manchmal« in »offenkundigen Irrsinn« umschlägt. Solche Schriften kämen von »Anglophoben, paranoiden Antikommunisten, geistig verwirrten Phan­tasten und Linkspopulisten.« – Alles klar, die Lektüre der einzig objektiven Darstellung kann beginnen.
 
In der Einleitung werden noch einige hübsche Bonmots Kissingers zum Besten gegeben, in Fürth dürfte etwa folgendes auf große Sympathie stoßen: »Das Ungesetzliche erledigen wir sofort, das Verfassungswidrige dauert etwas länger.« Ganz nett ist auch: »Um sich einer Sache ganz sicher zu sein, muss man entweder alles oder gar nichts über sie wissen.« Etwas weniger opportun dürfte heute ein Ausspruch aus den 1970er Jahren sein: »Für mich sind Frauen nur ein Zeitvertreib, ein Hobby.«

Heimat I

Kissinger in Fürth (Foto: Alexander Mayer)

Kissinger in Fürth (Foto: Alexander Mayer)

Das erste Kapitel ist hoffnungsfroh mit »Heimat« über­schrie­ben, doch schon die Unterüberschrift holt den Fürther Leser mit einem Kissinger-Zitat auf den Boden der Tatsachen zurück: »Fürth ist mir ziemlich egal.« Kissinger sagte dies sechs Jahre, nachdem er Eh­ren­bür­ger der Stadt Fürth geworden war. Im zweiten Abschnitt des Kapitels »Heimat« wird nun zunächst die sattsam bekannte »Erstickend-in-ihrer-Engigkeit-und-Öde«-Charakterisierung Fürths genüsslich zitiert, um dann im Fließtext zu beginnen: »Fürth fehlt es an Charme.« Danach folgt eine durchaus gekonnte, kurzgefasste Darstellung der Geschichte Fürths, wenn auch mit kleinen Detailfehlern, die aber auch hiesigen angeblichen »Standardwerken« anhaften und von daher kein ernsthafter Punkt der Kritik sein können. Ein kleines Tränchen der Rührung entkam mir, als Fer­gu­son schreibt, dass in der »Geismann-Halle« mehr als 15.000 Personen Platz hatten. Dass Ferguson ein paar Fotos aus Fürth ohne korrekte Lizenz- oder Urheberbezeichnung in seinem Buch verwendet, soll dagegen nicht mein Problem sein.

Flucht nach »Fürth am Hudson«

Auch der Abriss der Zustände in Deutschland und Fürth in der Nazizeit und die Darstellung der Flucht der Kissingers in Kapitel 2 ist gut lesbar und gelungen, auch wenn immer wieder Zitate wie solche zu finden sind: »Fürth ist nur ein langweiliges Städtchen, und das Ausmaß seiner Bedeutungslosigkeit unter dem Himmel wurde mir bewusst…« etc. In Kapitel 3, sinnig »Fürth am Hudson« genannt, wird es dann für den Fürth- und Nicht-Kissinger-Fan langsam langweilig und ich denke darüber nach, ob ich mir die restlichen 1000 Seiten antun soll, ohne zum wirklich Interessanten, zum Wirken Kissingers seit der Ernennung zum Sicherheitsberater Nixons zu kommen (das Buch endet mit 1968). Abgesehen davon: die Einleitung erweckt den Eindruck, dass hier eine Apologie oder gar eine Apotheose Henry Kissingers ausgebreitet werden soll, wie sie – wenn auch in deutlich kleinkarierterem Maßstab – von Gregor Schöllgen für Gustav Schickedanz vorgelegt wurde.

»Kissingers langer Schatten«

Die Versuchung der Alternative ist zu groß, um zu widerstehen. Ich lege Ferguson zur Seite und greife zum ebenfalls 2016 in deutscher Sprache erschienenen Buch »Kissingers langer Schatten« von Greg Grandin. Grandin ist Historiker an der New York University und Verfasser zahlreicher, mehrfach ausgezeichneter Bücher vor allem zur neueren Geschichte Lateinamerikas.

In seiner Einleitung hatte Ferguson immerhin noch die Einschätzung zum Besten gegeben, dass die Ernennung Kissingers zum Sicherheitsberater Nixons einem »faustischen Pakt« gleichkomme, nur dass die Rolle des Mephisto Nixon zukomme. Greg Grandin scheint eine andere Meinung zur Rollenverteilung zu haben. Kissinger sei der einflussreichste Stratege und Architekt des imperialen Amerikas von heute. Kissinger »Schatten« und Vermächtnis bewirkten noch heute, dass die einzige verbliebene Supermacht oft auf falsche Lösungen setzte, auf Lösungen mit Gewalt und korrupten Regimen.

Clausewitz aus Fürth?

Warum Kissinger in den 50er Jahren als Amerikas Clausewitz galt, ist schwer zu beantworten, denn er war ein Verfechter einer eher simplen Doktrin: Um »das Maximum an Glaubwürdigkeit einer Drohung zu erzielen, erscheint der begrenzte Atomkrieg ein geeigneteres Abschreckungsmittel als der konventionelle Krieg«, die Vereinigten Staaten müssten »nach der diplomatischen Seite bemüht sein, die Atmosphäre des Schreckens, die jetzt den Gebrauch von Atomwaffen umgibt, zu beseitigen.« Man folgert: kein Clausewitz, aber beste ideologische Voraussetzungen für ein hohes Amt in der US-Außenpolitik.

Aufstieg

Präsident Nixon und Kissinger 1973 im Oval Office (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nixon_and_Kissinger_-_Flickr_-_The_Central_Intelligence_Agency.jpg">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Präsident Nixon und Kissinger 1973 im Oval Office
(Foto & Lizenz: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Dennoch war es erstaunlich, in welch kurzer Zeit Kissinger zu einem der mächtigsten Männer der Welt wurde, findet zumindest Grandin. Er schildert dies so: Ende 1968 lieferten sich der Demokrat Hubert Humphrey und der Republikaner Richard Nixon ein Kopf-an-Kopf Rennen um den Einzug in das Weiße Haus, das zentrale Wahlkampfthema war der Vietnam­krieg. Beide Kandidaten versicherten, die größte Chancen auf eine Lösung zu bieten. In jener Zeit liefen informelle Gespräche zwischen Washington und Hanoi (Hauptstadt des kommunistischen Nordvietnam) in Paris, jeglicher Fortschritt dort kam Humphrey zugute, da er seinerzeit Vizepräsident unter Lyndon B. Johnson war. Kissinger nutzte sein Netzwerk, nicht zuletzt über ehemalige Studenten, um an In­for­ma­tio­nen über die Verhandlungen zu gelangen, die er an Nixon weitergab. Als sich in Paris eine Einigung abzeichnete, gab Nixon Südvietnam zu verstehen, dass mit ihm bessere Bedingungen zu haben seien. Es verweigerte daraufhin eine möglichen Waffenstillstand, damit hatte Humphrey keinen greifbaren Erfolg in der Hand, Nixon gewann die Wahl und bedankte sich bei Kissinger mit dessen Ernennung zum Nationalen Sicherheitsberater. So zumindest Grandin, und man muss davon ausgehen, dass dies zumindest einen Teil der Gründe ausmachte.

Der noch amtierende Präsident Johnson erfuhr durch abgehörte Gespräche, was Nixons Leute den Südvietnamesen versprochen hatte. Johnson schwieg jedoch, da er meinte, Nixons geheime Machenschaften seien zu explosiv, »Das ist Verrat, das würde die Welt erschüttern« erklärte er. Greg Grandin fasst zusammen: »Dass Kissinger sich an einer Intrige beteiligte, die den Krieg für fünf sinnlose Jahre – bzw. sieben, wenn man die Kämpfe zwischen dem Friedensabkommen von Paris 1973 und dem Fall Saigons 1975 dazu zählt – verlängerte, ist unbestreitbar.«

Politik und Bombenteppiche

Bomben und Politik I (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Boeing_B-52_dropping_bombs.jpg">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Bomben und Politik I
(Foto & Lizenz: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Unmittelbar nach Amtsantritt leiteten Nixon und Kissinger ihre erste illegale Aktion im Bereich der Außen­politik ein: die Bombardierung des neutralen Kambodscha ohne Zustimmung des Kongresses. Um die 3800 Angriffe mit 108.000 Tonnen Bomben geheim zu halten, wurden die Bomber zunächst mit Ziel auf Süd­vietnam losgeschickt, im Flug aber nach Kam­bod­scha umdirigiert. Warum Nixon und Kissinger glaubten, sie müssten einen geheimen, illegalen Krieg gegen ein bitterarmes Land von Reisbauern anzetteln? Erstens sollten die Friedensgespräche, die Nixon mit Unter­stützung Kissingers hatte scheitern lassen, über den Druck der Angriffe wieder aufgenommen werden. Zweitens sollten Basen und Nachschubwege für den Vietcong zerstört werden, denn Hanoi schmuggelte Truppen und Waffen über Kambodscha nach Süd­vietnam an den Vietcong.

Beide Ziele wurden verfehlt und Kambodscha destabilisiert, als mittelbare Folge der Angriffe kam es zunächst zu einem Militärputsch und 1975 zur Machtübernahme der kommunistischen Roten Khmer, die das Land in eine Art Agrarkommunismus verwandeln wollten und dabei 1,7 bis 2,2 Millionen ihrer Landsleute ermordeten. Ähnlich verhielten sich Nixon und Kissinger gegen das ebenfalls neutrale Laos. Insgesamt wurden mehr Bomben alleine auf Kambodscha bzw. alleine auf Laos abgeworfen als im Zweiten Weltkrieg auf Japan und Deutschland zu­sam­men. In Laos warfen die Amerikaner 2,5 Millionen Bomben ab.

Friedensnobelpreis

Politik und Bomben II (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F-4B_VF-111_dropping_bombs_on_Vietnam.jpg">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Politik und Bomben II
(Foto & Lizenz: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Der weitere Gang der Geschichte ist bekannt. Nachdem Kissinger geholfen hatte, den Krieg zu ver­län­gern, um Nixon zur Präsidentschaft zu verhelfen, wirkte Kissinger im Rahmen der Friedensgespräche solange auf eine weitere Verlängerung des Krieges hin, bis er eine gesichtswahrende Einigung erzielen konnte, um Nixon zu seiner Wiederwahl zu verhelfen. Als es 1972 nach massiven Flächenbombardierungen Nordvietnams tatsächlich zur Einigung kam, notierte Arthur Schlesinger, Historiker und Berater der Prä­si­den­ten Kennedy und Johnson, in sein Tagebuch: »Am traurigsten ist, dass wir die Einigung 1969 hätten haben können, wenn Nixonger [Nixon und Kissinger] damals bereit gewesen wären, Zugeständnisse zu machen; und 20.000 Amerikaner und Gott weiß wie viele Vietnamesen, die heute tot sind, wären noch am Leben.«

Nicht wenige vermuteten damals, dass Nixon und Kissinger davon ausgingen, dass der unterzeichnete Vertrag umgehend gebrochen würde, was dann eine militärische Reaktion zur Folge gehabt hätte. Tatsächlich wollte Kissinger zuschlagen, als Nordvietnam begann, Richtung Süden vorzurücken. Als ihm der neue Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Richardson vorhielt, dass die strategische Wirkung von massiven Bombardments erfahrungsgemäß gering seien, antwortete Kissinger: »Darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir psychologische Ver­gel­tungs­maß­nah­men ergreifen müssen.« Nun, durch Watergate kam alles anders, Nixon und Kissinger wurden handlungsunfähig, zum Glück für Vietnam und die Menschheit. Der vietnamesische Politiker Lê Đức Thọ und Kissinger erhielten 1973 für den Friedensvertrag den Friedensnobelpreis, den Lê Đức Thọ jedoch – im Gegensatz zu Kissinger – kon­se­quen­ter­weise ablehnte.

Krieg als Lösung rehabilitiert

Nach der Darstellung des Vietnamkrieges hakt Greg Grandin alle Wirkungsbereiche Kissinger weltweit ab, wobei der Faustische Pakt offenbar wirklich nichts an Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausließ. Er fasst das Reaktionsmuster so zusammen: »In gewisser Wiese hat Kissinger mit der Dritten Welt insgesamt das Gleiche getan wie mit Kambodscha: Er institutionalisierte eine sich selbst bewahrheitende Logik der Intervention. Aktion führte zu Reaktion, Reaktion verlangte mehr Aktion, … seine globale Diplomatie [hatte] nach Vietnam die internationale Ordnung so erschüttert, dass die radikale Version der Neokonservativen von einem andauernden Krieg als sachdienliche Option zur Lösung vieler internationaler Probleme erschien.« – Neben eigenen Interventionen nennt Grandin zudem die stillschweigende Zustimmung zu Interventionen anderer Staaten und Kissingers Beteiligung an der Vertuschung von Menschenrechtsverletzungen vor allem in Lateinamerika, die Unterstützung des chilenischen Diktators Pinochets und des Schahs von Persien, die stillschweigende Billigung der völkerrechtswidrigen Invasion Osttimors durch Indonesien 1975 und die Militärhilfe an Pakistan, als es in Bangladesh massiv gegen die Zivilbevölkerung vorging etc. etc.

Grandin glaubt nun, dass »Kissingers langer Schatten« weiter wirkt: »Kissinger hatte entscheidenden Anteil daran, dass sich die Maßstäbe wandelten«, wobei er vor allem die Umgehung des Kongresses für geheime Kriege und verdeckte Operationen meint. Und, was heute besonders interessieren mag: »Kissinger verstand sich besonders gut darauf, die aufstrebende Neue Rechte durch abgeworfene Bombentonnage und die Anzahl getöteter Südostasiaten zu beeindrucken und zu beschwichtigen.« Wobei verdeckte Operationen und politischer Opportunismus nicht unbedingt Kissingers wichtigster Beitrag zum amerikanischen Militarismus war. Vor allem verweist Grandin auf Kissingers Geschichtsphilosophie, der zufolge Staatsmänner auf Krisen reagieren müssen und sich nicht mit den Ursachen beschäftigen sollten, um die Nation groß zu halten. Grandin zieht hier eine Linie zu den Aktionen der USA in jüngerer Vergangenheit, das Echo Kissingers Doktrin sei unverkennbar: Macht ist Schwäche, solange man nicht bereit ist, sie einzusetzen.

Unbefristeter Krieg als Legitimation

Heute berufe sich Kissinger »auf den endlosen, unbefristeten Krieg der Gegenwart, um das zu rechtfertigen, was er vor fast fünfzig Jahren in Kambodscha und Chile (und andernorts) getan hat. Aber das, was er vor fast fünfzig Jahren getan hat, schuf die Voraussetzungen für die endlosen Kriege der Gegenwart.« Kissinger habe, indem er einen solchen Angriff »anordnete und ungeschoren davonkam«, eine breite Palette politischer Argumente zur Rechtfertigung von Kriegshandlungen bereitgestellt. Kissinger verlor in seiner Laufbahn niemals »seinen un­ver­gleich­lichen Wert – insbesondere, wenn es darum ging, Kriege zur rechtfertigen.«

»Deutschlands Bester«

Treffen von Willy Brandt und Nixon im Weißen Haus, ganz rechts Kisssinger (Foto & Lizenz: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brandt-Nixon_meeting_White_House_1973.JPG">Wikimedia Commons, gemeinfrei</a>)

Treffen von Willy Brandt und Nixon im Weißen Haus, ganz rechts Kisssinger (Foto & Lizenz: Wikimedia Commons, gemeinfrei)

– so lautete der Titel einer Reportage von Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung (SZ) im September 2014. Anlässlich der Benennung einer Professur an der Bon­ner Universität nach Kissinger stellte unter anderem die SZ im September 2014 einige Fragen und Zweifel zum Namensgeber in den Raum, die zum Teil oben schon genannt sind: »Intellektuelle erhalten nicht oft die Gelegenheit, über Leichen zu gehen, aber als es sich nun bot, wusste sie der Politikwissenschaftler aus Harvard weidlich zu nutzen.« Die SZ zitiert zudem aus einem schon vom Magazin »Der Spiegel« ver­öf­fent­lichten Tonbandprotokoll eines Gespräches über Willy Brandt, der für den Geschmack des Duos Nixon/ Kissinger Anfang 1973 nach einer Stimm­band­ope­ra­tion zu schnell gesundete. Nixon: »Sie meinen, dass er unglücklicherweise bei guter Gesundheit ist.« Kissinger: »Leider wird er uns erhalten bleiben, yeah.« Nixon: »Er ist ein Trottel.« Kissinger: »Er ist ein Trottel …« Nixon: »Er ist ein Trottel …« Kissinger: »… und er ist gefährlich.« Nixon: »Tja, leider ist er gefährlich.«

Es gibt noch viel weitergehende Aussprüche Kissingers, in denen z.B. in einem äußerst prekären Zusammenhang von seiner Seite Gaskammern zur Sprache kamen und die von der New York Times veröffentlicht wurden, woraufhin sich Kissinger ausnahmsweise zu einer Entschuldigung veranlasst sah. Dieses unsägliche Zitat erspare ich mir hier.

Willy Brandts Sohn Matthias, der auch schon zu Veranstaltungen mit Kissinger gebeten wurde, meinte zu solchen Anliegen: »Wenn irgendwelche Muftis eine Ehrung von Herrn Kissinger vornehmen müssen und morgens darauf sorgenfrei in den Spiegel schauen, dann ist das alleine deren Sache. Ich möchte damit nichts zu tun haben.«

Wohl gesprochen. Es war schon die Rede vom faustischen Pakt, den Kissinger und Nixon eingingen. Ich frage mich allerdings: Wo war da Faust?

Heimat II

Mit gesträubten Nackenhaaren legt man die Lektüre zur Seite. Ich sehe immerhin noch einen Bezug zur Heimat. Kissinger schieb über seine Jugend in Fürth: »Ich interessierte mich nicht für die internationalen Beziehungen. Ich interessiere mich für den Tabellenplatz der Fußballmannschaft meines Wohnorts« (lassen wir hier die Frage beiseite, warum er Fürth nicht nennt …). Wie in Jugendjahren der Tabellenplatz der Fußballmannschaft, so war für ihn als zunächst theoretischer und dann als praktischer Außenpolitiker der Tabellenplatz seiner Nation auf der Weltbühne wichtig. Und bei der Wahl der Mittel, diesen Tabellenplatz zu erhalten, war er nicht zimperlich. Man könnte auch sagen, ihm war jedes Mittel recht.

Der Autor Christopher Hitchens, dessen Die Akte Kissinger ich hier nicht auch noch darlegen will, oder mancher frühere Mitarbeiter Kissingers forderten in der Vergangenheit, den Friedensnobelpreisträger als Kriegsverbrecher vor Gericht zu stellen. Ich denke, Kissinger ist 93 Jahre alt und wenn wir Glück haben, besucht er uns nicht mehr. Mir persönlich reicht diese Hoffnung.

 
 
Literatur:

– Niall Ferguson: Kissinger. Der Idealist, 1923-1968, Propyläen, Berlin 2016, ISBN 978-3-549-07474-9. 1120 Seiten.

– Greg Grandin: Kissingers langer Schatten. Amerikas umstrittenster Staatsmann und sein Erbe. C.H.Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-68857-7. 296 Seiten.

– Willi Winkler: Deutschlands Bester. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 217 vom 20./21. September 2014, Seite 3.

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Ein Kommentar zu »»Fürth ist mir ziemlich egal««:

  1. miguel sagt:

    danke für diesen artikel. du bist sehr mutig und einer der wenigen, die wirklich aufarbeiten-übrigens ist da auch ein verein honoriger fürther mit killinger als ehrenmitglied. schönen gruss!

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