Anmerkungen zum Doku­mentarfilm »Liga Terezin« im Babylon-Kino

10. Februar 2016 | von | Kategorie: Vermischtes

Film & Fernsehen (Grafik: Irma Stolz)

Am Mittwoch, dem 3. Februar, wurde im Babylon-Kino der Dokumentarfilm »Liga Terezin« gezeigt, mit einer Podiumsdiskussion im Anschluss, an der ich als Über­setzer teilgenommen habe. In der Ausgabe der Fürther Nachrichten vom 8. Februar hat Alexander Pfaehler über die Veranstaltung berichtet: »Fußball-Liga im KZ – Fanprojekt holte Dokumentarfilm ins Fürther Babylon-Kino«. Der Artikel ist leider teilweise irreführend, auch fehlt eine Information über die interessante ausführliche Podiums­dis­kus­sion. Aus diesem Grund, aber auch wegen der erschreckenden Aktualität des Themas Rassismus und Antisemitismus, meine nachfolgenden Ausführungen.

Ich denke, wir können stolz auf unsere Fanclubs Horidos 1000 und Stradevia 907, das Fanprojekt Fürth und Siegfried Imholz sein. Sie haben in Kooperation mit dem Babylon-Kino den Dokumentarfilm »Liga Terezin« und seine beiden israelischen Filmemacher, Oded Breda und Mike Schwartz, nach Fürth zur Aufführung und an­schließen­den Diskussion geholt. Außerdem haben sie zur »Liga Terezin« eine bemerkenswerte Broschüre erarbeitet und zur Veranstaltung verteilt.

Es ging in der Diskussion im Wesentlichen um drei Themenkreise, um den Film selbst, um die lokalpolitische Erinnerung an den Nationalsozialismus in der Stadt Fürth und um den Gegenwartsbezug des Films zu Rassismus und Antisemitismus. Zum ersten Punkt schreibt Herr Pfaehler in seinem Artikel in den Fürther Nachrichten, dass »in vielen Konzentrationslagern Fußball gespielt wurde.« Nein! Fußball gespielt wurde in Theresienstadt und zwar ausschließlich zur Herstellung des Propagandafilms »Liga Terezin«. Die »Darsteller« wurden bereits wenige Monate später ermordet. Theresienstadt wurde zum »Vorzeige-Ghetto« gemacht, um »nach außen das Gesicht zu wahren«, wie Adolf Eichmann sagte. Weiter steht in dem Artikel nichts darüber, dass ausführlich diskutiert wurde, wie effektiv und perfide die Nazipropaganda das Mittel der Täuschung nutzte. Die Betroffenen, die »wohn­sitz­wech­seln­den« Juden, wurden getäuscht, indem man sie zu Heimkaufverträgen für ein »Altersghetto« zwang, in dem sie angeblich vor der Deportation sicher seien.

Die Öffentlichkeit wurde nicht minder erfolgreich getäuscht. Zu diesem Zweck wurde das Lager auf Drängen des Auswärtigen Amtes und des Deutschen Roten Kreuzes im Juni 1944 einer Verschönerung unterzogen. Damit gelang es der SS, den Besuch des Internationalen Roten Kreuzes zu nutzen, um die zunehmenden Berichte im Ausland über die Massenmorde an den Juden zu entkräften. Teil der Verschönerung war der Transport von 4500 Häftlingen in die Gaskammern von Auschwitz, um der »Enge im Lager entgegenzuwirken.«

Besonders bedauerlich finde ich, dass in dem Artikel nichts über den zweiten Themenkreis steht, über die Erinnerung an den Nationalsozialismus in unserer Stadt Fürth, obwohl eingehend über die Zwiespältigkeit im Umgang mit der Erinnerungspolitik unserer Stadt gesprochen wurde. Einerseits werde sich im Allgemeinen klar vom Nationalsozialismus distanziert und beispielsweise an den jährlichen Gedenkveranstaltungen an die Reichspogromnacht teilgenommen. Andererseits seien Leute wie der Quelle-Gründer Gustav Schickedanz, der 1932 in die NSDAP eintrat und für sie im Stadtrat saß, Ehrenbürger unsere Stadt. Auch auf den Umgang mit Ludwig Erhard wurde verwiesen. Nach ihm werde nun das neue Zentrum direkt am Rathaus benannt. Dass Erhard aber während des Nationalsozialismus eine aktive Rolle spielte und danach die Rückerstattung jüdischen Vermögens verhinderte, werde öffentlich kaum diskutiert.

In Bezug auf den dritten Themenkreis, den Gegenwartsbezug des Films zu Rassismus und Antisemitismus und der damit verbundenen teilweise fragwürdigen staatlichen Gedenk- und Erinnerungskultur wurde besprochen, dass Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und religiöser Fanatismus reaktionäre Antworten sind, in einer Welt, die immer verrückter werde. Zugleich könne damit die Welt einfach erklärt werden.

Für eine wirklich gute Information zum Thema »Vorzeige-Ghetto« Theresienstadt und zum Film »Liga Terezin« verweise ich auf die oben genannte hervorragende Broschüre »Liga Terezin«. Die Fanclubs Horidos 1000 und Stradevia 907, das Fanprojekt Fürth und Siegfried Imholz sind bestimmt gern bereit, sie zur Verfügung zu stellen.

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Ein Kommentar zu »Anmerkungen zum Doku­mentarfilm »Liga Terezin« im Babylon-Kino«:

  1. Peter A.Lefrank sagt:

    Zum Artikel in der Ausgabe vom 8. Februar 2016 von Alexander Pfaehler »Fußball-Liga im KZ – Fan­pro­jekt holt Dokumentarfilm ins Babylon-Kino« hatte ich außer meinem Artikel hier in der Fürther Frei­heit auch einen Leserbrief an die Fürther Nachrichten geschickt. Die FN werden diesen Leserbrief nicht veröffentlichen. Herr Pfaehler hat mir aber eine ausführliche Antwort an meine persönliche Adres­se gesendet. Mit seinem Einverständnis wird hier die daraus folgende Email-Korrespondenz in vollem Wortlaut wiedergegeben:

     
    Sehr geehrter Herr Lefrank,

    vielen Dank für Ihren Leserbrief zu meinem Artikel über die Veranstaltung des Fürther Fanprojektes und der beiden Fürther Ultra-Gruppen. Ich freue mich, wenn sich Leser kritisch mit meinen Texten auseinandersetzen. Allerdings ist Ihre Kritik in einigen Punkten sachlich falsch. Ich würde mich deshalb auch freuen, wenn Sie dies auf der Internetplattform »Fürther Freiheit« korrigieren würden, auf der Sie Ihren Beitrag bereits veröffentlicht haben.

    So ist mein Satz, dass »in vielen Konzentrationslagern Fußball gespielt wurde«, richtig. Gespielt wurde unter anderem in den KZs Sachsenhausen, Neuengamme und sogar Auschwitz. Für einen Überblick dazu empfehle ich Ihnen z.B. folgende Links:

    http://www.zeit.de/online/2006/40/fussball_kz oder
    http://www.11freunde.de/artikel/fussball-konzentrationslagern

    Was Theresienstadt in diesem Punkt von den anderen Konzentrationslagern unterschied, war, dass es hier eine eigene Liga gab. Das steht aber auch genau so in meinem Text. Sie schreiben weiterhin: »Fußball gespielt wurde in Theresienstadt und zwar ausschließlich zur Herstellung des Pro­pa­gan­da­films ‚Liga Terezin‘.« Auch hier liegen Sie falsch. Die Liga existierte über einen Zeitraum von drei Jahren, nicht ausschließlich für die Herstellung des Propagandafilms (der übrigens auch nicht »Liga Terezin« heißt, das ist der Name der israelischen Dokumentation, die im Babylon gezeigt wurde – der Propagandafilm hieß »Theresienstadt« oder alternativ »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt«). Dass die Liga auch unabhängig von den Dreharbeiten für den Propagandafilm existierte, lässt sich auch in der von Ihnen empfohlenen Broschüre zum Film nachlesen. In welchem Kontext dieses »Fuß­ball spie­len« stattfand – das damit Normalität vorgetäuscht werden konnte, die es in dem brutalen Alltag nicht gab, darauf gehe ich in dem Artikel sehr ausführlich ein.

    Zur Frage der Gewichtung: Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich eine so komplexe Thematik in einem Zeitungsartikel von 150 Zeilen niemals vollständig abbilden lässt. Das heißt, als Journalist muss ich versuchen, eine Auswahl treffen. Als Sportredakteur – der Artikel war eigentlich für die Sportseite geplant – habe ich mich deshalb auf die aus diesen Gesichtspunkten besonders interessanten As­pek­te konzentriert: die Liga Terezin, die Entstehungsgeschichte des Films, warum Fußball für die Nazis als Propagandamittel so wichtig war, warum sich heute Fußballfans gegen das Vergessen engagieren und der Rassismus und Antisemitismus in den Stadien heute.

    Die ansonsten sehr interessante Podiumsdiskussion hat dazu aber nur einige wenige An­knüpfungs­punk­te geboten (die ich aber z.B. in Form von Zitaten von Oded Breda in den Artikel habe einfließen lassen, sie fehlt also mitnichten vollständig – und auch das Thema der Täuschung spreche ich in mei­nem Text durchaus an). Ich hätte sicherlich auch noch erwähnen können, dass z.B. die Er­in­ne­rungs­po­li­tik der Stadt Fürth thematisiert wurde. Allerdings halte ich persönlich es für unbefriedigend, wenn viel­schich­ti­ge Themen wie dieses, in ein, zwei Sätzen abgehandelt werden, nur damit der Chro­ni­sten­pflicht genüge getan wurde. Zumal das auch zu weit weg vom sportlichen Kontext geführt hätte. Hätte ich alles, was an diesem Abend besprochen wurde, in meinem Artikel erwähnt, hätte er eine ganze Seite gefüllt. Und das ist, bei aller Bedeutung, die diesem Thema zukommt, schlicht nicht möglich. Ich kann gut verstehen, wenn Sie andere Aspekte, die in meinem Artikel zu kurz gekommen sind, für wich­ti­ger halten als die sportliche Seite der Geschichte. Aber ich hoffe, dass Sie nun zumindest besser nach­voll­zie­hen können, warum ich den Schwerpunkt meines Textes so gewählt habe.

    Mit freundlichen Grüßen
    Alexander Pfaehler
    NÜRNBERGER NACHRICHTEN
    Sportredakteur in der Springer-Redaktion

     
    Sehr geehrter Herr Pfaehler,

    ich bedanke mich für Ihren freundlichen Kommentar und die Richtigstellung einiger meiner offenbar falschen Anmerkungen. Ich habe es sehr begrüßt, dass Sie einen so ausführlichen Artikel zur Ver­an­stal­tung im Babylon verfasst haben, da angesichts von Pegida und AfD das Thema Rassismus und Antisemitismus wieder von erschreckender Aktualität ist. Ich stimme Ihnen zu, dass über diesen Zusammenhang bei der Podiumsdiskussion zu wenig gesprochen wurde. Ich verstehe auch, dass Sie, mit Ihrem Hintergrund, die sportliche Seite der Geschichte besonders bearbeitet haben.

    Ich halte es aber dennoch für sehr notwendig, dass gerade in der Stadt Fürth die zwiespältige lokal­po­li­ti­sche Erinnerung an den Nationalsozialismus nie unerwähnt bleibt!

    Mit freundlichen Grüßen,
    Peter A. Lefrank

    PS: Ich schlage vor, dass ich unsere Korrespondenz hier als Kommentar zu meinem Artikel in der »Fürther Freiheit« veröffentliche. Ich meine, dass eine Korrektur von meiner Seite nur schlechter werden kann, als das was Sie selbst geschrieben haben.

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