Fürther wollen Flücht­lin­gen helfen

25. September 2014 | von | Kategorie: Politik

Wie das Uno-Flüchtlingskommissariat UNHCR mitteilt, sind weltweit gerade über 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Demnach hat die Zahl der Flüchtlinge den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht. Die ersten Geflüchteten kommen nun auch in Fürth an: Im ehemaligen »Höffner«-Areal sind derzeit rund drei­hundert Menschen untergebracht. Die desaströse Informationspolitik der bayerischen Regierung erhitzt derweil die Gemüter der Bürger, niemand will rechtzeitig informiert worden sein. Auch Rechte nutzen die Gunst der Stunde und versuchen mit rassistischen Thesen Stimmung zu machen. Die Fürther zeigen sich jedoch zu einem großen Teil solidarisch mit den Flüchtlingen und wollen helfen.

Franz Ganster von der Caritas (li.) und Mario John (Stradevia) sammeln Spenden (Foto: Michael Fischer)

Franz Ganster von der Caritas (li.) und Mario John (Stradevia) sammeln Spenden (Foto: Michael Fischer)

Sozialreferentin Elisabeth Reichert und Sozialarbeiter Franz Ganster von der Caritas sind jeden Tag viel unter­wegs. Sei es, um in den Unterkünften der Flücht­linge vorbeizuschauen oder sich mit Vertretern aller Sicherheitsbehörden zu koordinieren. Was gerade in Fürth passiert, kann man durchaus als Aus­nah­me­zu­stand bezeichnen. Die weltweiten Krisen­herde wach­sen stetig, jeden Tag machen sich unzählige Men­schen auf, um ihre Heimat zu verlassen. Sie flie­hen beispielsweise vor den mörderischen Henkern der Terrororganisation »Islamischer Staat« (IS), oder aus der Ukraine.

Jeder Regierungsbezirk muss Flüchtlinge aufnehmen. Laut Aussagen von Ganster und Reichert machen sich es die Regierungsangestellten dabei sehr einfach. Vom einen auf den anderen Tag kommen Flücht­linge in Fürth an und müssen untergebracht werden. Nach Aussagen von Elisabeth Reichert erfährt die Stadt nur sehr kurzfristig davon, es bleibt kaum Zeit, die ärztlichen Untersuchungen zu koordinieren. Betriebsärztinnen mussten alle anstehenden Termine absagen, um eine Erstuntersuchung durchführen zu können. Franz Ganster, der seit 23 Jahren in der Sozialarbeit tätig ist, soll sich um über dreihundert Flüchtlinge kümmern und diese sozial­pä­da­gog­isch betreuen. Eine Mammutaufgabe, die niemand bewältigen kann. Deswegen fordert der Fürther Stadtrat über alle Parteigrenzen hinweg drei Sozialpädagogen für die Flüchtlinge im alten »Höffner«-Areal. Das wäre immerhin ein Sozialarbeiter auf einhundert Personen.

Große Unterstützung durch »Solidaritätsfest«

Diese Zahlen stoßen auch im Nebenzimmer der Ronhofer Gaststätte Weigel auf Unverständnis. Dort haben sich am Mittwochabend rund achtzig Anwohner zu einer Bürgerinformation versammelt. Verteilt wurden die Ein­la­dun­gen nur an direkte Anwohner der neuen Flüchtlingsunterkunft, man wolle »rassistischen Gruppen« keine Chance zur Stimmungsmache geben. Franz Ganster bedankt sich für das große Engagement der vielen Ehrenamtlichen, für die vielen Kleider- und Sachspenden. Von der breiten Unterstützung sei er »absolut überwältigt« und »positiv Überrascht«. Die anwesenden Bürger schildern ihre ersten Begegnungen mit den Asylsuchenden, die durchweg positiv verlaufen sind, wollen allerdings genau wissen, wie man sich verständigen solle, welche Sprachen die neuen Nachbarn sprechen. Laut Ganster kommen die Leute »aus allen Teilen der Welt«, Englisch helfe oft weiter, wenn nicht, gibt es auch ehrenamtliche Übersetzer, die zum Teil selbst mal Flüchtlinge waren. »Diese Leute sollen froh sein, dass sie leben, die brauchen gar nicht so viel! Die haben genug Geld, wenn sie hierher kommen, wieso sollen wir was tun?«, sagt ein älterer Herr. Auch solche Stimmen gibt es. Gabriele Chen-Weidmann vom Nordöstlichen Vorstadtverein fungiert als Moderatorin und versucht zu besänftigen. Franz Ganster meint: »Jeder Mensch hat das Recht, dahinzugehen, wo es ihm am besten geht«. Eine weitere Anwohnerin, die schon mehrmals in Kriegsgebieten als Helferin eingesetzt war, antwortet: »Es ist egal, ob jemand Geld hat oder hatte, wenn jemand flieht, dann weil er ums nackte Überleben kämpft!«

Während im Ronhof über die notwendige Unterstützung beratschlagt wird und sich viele als Unterstützer zur Verfügung stellen, laufen die Vorbereitungen für ein Solidaritätsfest auf Hochtouren. Vor wenigen Tagen hat sich in Fürth ein Koordinierungskreis gegründet, um sowohl humanitäre, als auch politische Unterstützung zu leisten. Laut einer Pressemitteilung gehören diesem Zusammenschluss neben vielen Einzelpersonen, die Fürther Ultragruppierungen Stradevia, Horidos und Entourage, die Antifaschistische Linke Fürth, das Sozialforum und das Bündnis gegen Rechts an. Für den kommenden Samstag planen sie von 13-16 Uhr ein Solidaritätsfest, direkt vor dem alten »Höffner«-Areal in der Seeackerstraße. Dort soll es »neben einem Kicker- und Street­ball­tur­nier auch Infostände, musikalische Unterhaltung und Verpflegung« geben. Die Organisatoren wollen den Flücht­lin­gen und Anwohnern zeigen, dass »eine Willkommenskultur abseits politischer Versprechungen möglich und notwendig ist.« Ebenso wird die bayerische Landesregierung kritisiert, die »Pflichten gegenüber den geflüchteten Menschen eklatant vernachlässigt«. Schon am ersten Tag, als die Flüchtlinge ankamen, waren Helfer der Gruppen vor Ort und leisten seitdem täglich ehrenamtliche Arbeit.

Hetze von Rechtsaußen

Über soziale Netzwerke organisieren sich derweil die Flüchtlingsgegner. Eine Facebook-Seite wirbt mit dem Spruch: »Kinder, Eigentum und Heimat schützen. Nein zum Heim!«, welcher von der neonazistischen NPD stammt. Die Seite konnte innerhalb weniger Wochen rund 850 virtuelle Unterstützer sammeln. Viele davon kommen aus Fürth, beteiligen sich aber an keiner Diskussion auf der Seite. Auch etliche Neonazis aus den Reihen des verbotenen »Freien Netzes Süd« (FNS) treten als Unterstützer auf, genauso wie hohe Funktionäre der rechtspopulistischen Partei »Die Freiheit«, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Screenshot der Facebook-Seite »Nein zum Heim«

Screenshot der Facebook-Seite »Nein zum Heim«

Neben zahlreichen kritischen Kommentaren, forderten viele von den Machern der Seite, mit ihren For­de­run­gen an die Öffentlichkeit zu gehen. Daraufhin wurde ein Bild veröffentlicht, auf dem sieben »Fakten« ge­nannt werden. Diese beinhalteten aber lediglich Vor­ur­tei­le wie »Frauen werden als entmenschlichte Sex­ob­jek­te wahrgenommen« oder »Vermüllung ganzer Straßenzüge«. Ein Nutzer kommentierte: »Nur weil ihr oft genug Fakten auf das Flugblatt schreibt, heißt das noch lange nicht, dass das auch Fakten sind«. »Diese ‚Fakten‘ halten keiner wissenschaftlicher Überprüfung stand!«, ergänzte ein anderer. Auf der Facebook-Seite werden neben Links der Lokalpresse auch Artikel rechter und rassistischer Internetblogs veröffentlicht. Vielfach wurde auch gefordert, dass die Betreiber sich zu erkennen geben und ein Impressum angeben. Dieser Aufforderung kamen sie bis heute nicht nach, eine Interviewanfrage wurde abgelehnt. Neuer Plan ist, mit Lautsprecherfahrten und Flugblätterverteilungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Eine solche habe es aber bis dato aber nicht gegeben, berichten Anwohner. Allerdings wurden Flugblätter der neonazistischen Kleinstpartei »Der dritte Weg« verteilt, die in rassistischer Manier gegen Flüchtlinge hetzt. Diese noch recht junge Partei ist aus den Aktivisten des »Freien Netzes Süd« hervorgegangen, die nach dem Verbot ihrer Kameradschaft im »Dritten Weg« eine neue politische Heimat gefunden haben.

Wie die Thematik am Fürther Ronhof weitergeht, bleibt abzuwarten. Ruth Brenner, Sprecherin vom Fürther Bünd­nis gegen Rechts, sagt: »Die betriebene Flüchtlings- und Asylpolitik ist absolut unmenschlich und rassistisch, wird seit Jahrzehnten so betrieben und spielt den Rechten in die Hände«. Auf der Facebook-Seite der »Asylgegener« wird von »Raub«, »Vermüllung« und »importiertem Rassismus« gesprochen. Behauptungen, die ein Sicherheitsmann nicht bestätigen kann: »Hier ist alles total ruhig und friedlich, es gab noch nie Probleme«. Seit Tagen sitzt er an der Pforte der neuen Flüchtlingsunterkunft, der Job gefalle ihm, er kommt mit vielen ins Gespräch. Seinen Namen möchte er aber trotzdem nicht in der Zeitung lesen. In der Printausgabe der »Fürther Nachrichten« vom 25.09.2014 wird bekanntgegeben, dass Spenden nun jeden Mittwoch von 14-16 Uhr am Hintereingang des alten Möbelhauses »Höffner« (See­acker­straße 45) abgegeben werden können. Wenn diese Unterstützung nicht nachlässt, wird Fürth weiter eine tolerante Stadt bleiben, so wie es sich auch Gabriele Chen-Weidmann vom Nordöstlichen Vorstadtverein wünscht.

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4 Kommentare zu »Fürther wollen Flücht­lin­gen helfen«:

  1. claudia hdnr sagt:

    Fürth ist und bleibt eine tolerante und offene Stadt! Weiter so!

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