Ansteigen der Energie­preise: Ein Gespräch

1. April 2013 | von | Kategorie: Wirtschaft

Prof. Dr. Hämpel & Castro Gonzales (Grafik: Alfred Schermann)

Da der lokale Stromversorger infra bei der dies­jährigen Abrechnung der Strompreise bei ihm eine über 20-prozentige Erhöhung im Abschlag vor­ge­nom­men hat, möchte unser Autor Castro Gon­za­les (rechts) Einzelheiten in einem Gespräch mit dem Energie­fachmann Prof. Dr. Hämpel (links) erfahren.

Castro Gonzales: Prof. Hämpel, wenn ich die neuste Strom­ab­rech­nung ansehe und mit dem letzten Jahr vergleiche, erschrecke ich zutiefst: Der erhöhte Ab­schlag mit 20-prozentiger Erhöhung ist offensichtlich für dieses Kalenderjahr kalkuliert und lässt Böses ahnen.

Prof. Dr. Hämpel: Nun ja, da haben Sie nach meiner Durchsicht etwas zu schnell überschlagen: Ein Teil der Erhöhung liegt offensichtlich daran, dass statt einer 12-monatigen Abbuchung bei dieser Abrechnung ein 11-monatiger Abschlag für 2013 angesetzt wird. Da können Sie also fast 10 % bei Ihrer Berechnung vernach­lässigen.

G: Nun ja, da kann man kurz aufatmen. Aber 10 % mehr sind auch nicht von schlechten Eltern. Wenn ich nun in ein Strompreis-Vergleichsportal reingehe, dann werden Ersparnisse von teils über 200 € im Jahr versprochen.

Prof. H.: Gemach. Wieder zu schnell reagiert: Sie dürfen natürlich nicht den teuren Basistarif der infra eingeben, sondern vielleicht den günstigsten mit Preisbindung bis Ende 2014.

G: Aber da muss ich mich doch länger verpflichten, beim Anbieter zu bleiben.

Prof. H.: Solche Verpflichtungen und andere Klauseln gibt es bei den anderen Anbietern auch. Insgesamt können die aber immer noch um die 50 bis 100 € bei ihrem Verbrauchswert besser anbieten, wenn sie die gleichen Konditionen ansetzen.

G: Kalkuliert die infra dann mit höheren Gewinnerwartungen?

Prof. H.: Nicht unbedingt. Laut Geschäftsbericht ist eine Umsatzrendite von 10 % im Gesamtgeschäft angesetzt. Nur ist es halt so, dass z.B. 2011 beim Gesamtumsatz einmal das Defizit im Verkehrsbereich von über 8,5 Millionen € und das Defizit der Bäder von über 2,5 Millionen Euro aufgefangen werden muss. Diese Probleme haben andere Anbieter nicht! Sie betreiben z.B. auch keine Parkhäuser, warten nicht die öffentlichen Uhren, die Brunnen oder die Straßenbeleuchtung. Inwieweit solche Nebengeschäfte sich tragen, kann aus dem Geschäfts­bericht nicht gesehen werden. Es ist aber zu vermuten, dass von Seiten der infra den städtischen Bedürfnissen recht kulant entgegengekommen wird, da ja der Oberbürgermeister Chef des Aufsichtsrates ist.

G: Kann man dann von weiteren Preissteigerungen in den nächsten Jahren ausgehen?

Prof. H.: Egal wie die konjunkturelle Entwicklung in Europa und global abläuft: Die Energieträger werden sich im fossilen, als auch im regenerativen Bereich weiter verteuern. Wir sind da im Teufelskreis von gefordertem Wachstum und Verknappung der Ressourcen.

G: Moment, gerade beim regenerativen Bereich können Sie doch nicht von Verknappung reden: Die Ressourcen sind doch erneuerbar!

Prof. H.: Ressourcen können aber von vorneherein zu knapp sein. Beispiel: Biogas und Biotreibstoff. Hier liegt doch eindeutig eine Preis-Konkurrenz von Energie- und Nahrungsmittelproduktion vor. Beides wird ja im industriellen Maßstab betrieben und verändert sowohl global, aber auch lokal die Landschaften. Die Verlierer sind sowieso zuerst immer die, welche sich die geforderten Preise nicht mehr leisten können.

G.: O.K. Aber Sonne und Wind und die stattfindende technologische Energieernte zeigen doch starke Auf­wärts­trends. Und die Produktion geht ja immer preiswerter vor sich.

Prof. H.: Wenn sie sich die Erläuterungen zu ihrer Stromrechnung ansehen, erkennen sie sicher, dass über ein Drittel an Abgaben besteht, die zum großen Teil diesen Ausbau fördern und die Netzsicherheit erhalten sollen. Der Hohn ist natürlich, dass die sogenannte Ökosteuer von vorneherein zur Absicherung von Rentenzahlungen eingeführt wurde. Aber gut für die infra ist, dass diese Abgaben jeder Anbieter zu zahlen hat.

G.: Aber an der Strombörse ist der Preis doch eingeknickt.

Prof. H.: Davon profitieren eher die freien Anbieter. (Übrigens auch Sie können z.B. im Internet die Angebote bei der Strombörse in Leipzig ansehen.) Aber der Verbraucher zahlt über die dafür steigenden Abgaben nach EEG die Zeche. Sie müssen sich nur mal die Veröffentlichungen der Bundesnetzagentur ansehen und sie werden merken, wie kompliziert das Abrechnungssystem (mit vielen Ausnahmeregeln) ist. Um da durchzublicken muss man schon juristische Kenntnisse haben. Und ähnlich wie im Finanzbereich braucht man gute Computeranlagen um hier alle Vorteile für sich auszunutzen.

Solange der Verbraucher und das Gewerbe eine sichere Energieversorgung rund um die Uhr fordert, werden schon allein auf Grund der nötigen Infrastruktur der Netze und der mangelnden Speichersysteme riesige Neu­inve­sti­tionen nötig sein. Und alle werden diese Investitionen nur tätigen, solange Gewinnaussichten vorhanden sind oder der Staat – ähnlich wie damals beim Bau der Atomkraftwerke – diese Investitionen massiv unterstützt.

G.: Aber die infra legt doch Wert auf die Feststellung, dass man auch daran arbeitet, die lokale Energieerzeugung auszubauen um somit unabhängiger zu werden.

Prof. H.: Weder bei der Strom- noch bei der Gasversorgung wird man sich im großen Maße unabhängig von Außenlieferungen machen können. Die Gemeinde Fürth stellt sich ja als Solarstadt dar. Die Produktion fürs Netz ist zu gewissen Zeiten zwar nicht zu vernachlässigen, führte aber neben immensen Kosten für die Neuinstallation der Netzregelung eben auch zur Erhöhung der EEG-Umlage. Für diese nötigen Einspeisungen von außen arbeitet die infra übrigens im Verbund mit anderen kommunalen Versorgern in der Regnitz-Strom-Verwertung. Beim ehemaligen und abgerissenen Kraftwerk Franken 2 ist noch der dafür notwendige Knotenpunkt der Hoch­spannungsleitungen vorhanden.

G.: Und wie ist es mit dem grünen Strom für Fürth, der ja jetzt schon zu hundert Prozent bestehen soll?

Prof. H.: Das ist natürlich Augenwischerei: Es besteht ein längerfristiger Vertrag über mit Wasserkraft erzeugten Strom aus Norwegen. Dieser Strom kann aber nur rechnerisch und virtuell betrachtet werden, da er durch den langen Übertragungsweg gar nicht bei uns ankommen würde. Im Strommix der Übertragungsnetze wird also z.B. auch Kohlestrom aus Sachsen oder Atomstrom aus Tschechien bei uns ankommen.

G.: Aber der Ausbau von Windkraftanlagen bei uns im Landkreis wird doch hoffentlich dazu führen, dass dieser Mix sich verändert.

Prof. H.: Jein. Wir haben hier keine Speichermöglichkeit von überschüssigem Strom aus guten Zeiten. Das Pumpspeicherwerk Happurg wird erst 2016 vielleicht wieder in Betrieb gehen und es ist von der Kapazität her nicht geeignet, z.B. 14 Tage windschwache Zeit zu überbrücken. Lokale Reserveanlagen sind auch kaum vorhanden. Biogasanlagen mit zugebautem Speicher wären möglich, hätten aber für den Betreiber zu lange Still­standszeiten, welche die Anlage nicht mehr wirtschaftlich machen.

Das Gleiche gilt ja für geplante oder bestehende Gaskraftwerke. Zum Beispiel will die Eon das Gaskraftwerk Franken 1 in Gebersdorf mangels Auslastung schließen. Auch das hochmoderne Gaskraftwerk in Irsching bei Ingolstadt steht zur Disposition. Als vorgehaltene Reserve für wind- und sonnenschwache Zeiten lohnen sich solche Anlagen für den Betreiber nur, wenn von anderer Seite dafür bezahlt wird – und das ist letzten Endes wieder der Verbraucher oder Steuerzahler. Ich gehe davon aus, dass hier in nächster Zeit – nach den Wahlen – die bayerische Regierung von Seiten des Staates einen Haushaltstitel für Reserve- und Vorhalteenergie ein­richten wird. Der freie Markt kann hier nämlich nicht funktionieren.

G.: Das sind also nicht die besten finanziellen Aussichten.

Prof. H.: Sagen wir es mal so: Genauso wie beim Problem der Renten oder der Gesundheitsversorgung, war es beim Thema Energie falsch, zu versprechen, dass es zu keiner weiteren Kostensteigerung kommen wird. Es geht ja nicht nur um die Edelenergie Strom, sondern auch um Heizung,Verkehr und Produktion. Bei der Energie­versorgung haben wir wenigstens die große Möglichkeit, den Verbrauch einzuschränken oder effizienter zu gestalten. Damit haben wir die Chance, wenigstens einen Teil der kommenden Kostensteigerungen auf­zu­fangen.

G.: Es ist bestimmt wert, einige Überlegungen in diese Richtung anzustellen. Auf alle Fälle danke ich Ihnen für dieses Gespräch und mir schwirrt schon jetzt der Kopf, wenn ich an meine nun folgenden Internetrecherchen zum Thema denke.

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3 Kommentare zu »Ansteigen der Energie­preise: Ein Gespräch«:

  1. Siegfried Tiefel sagt:

    Klasse, endlich mal eine differenzierte Darstellung mit hohem Sachverstand. Man kann sich nur wundern, wo der herkommt. Auf jeden Fall ein gelungener Kontrast zu vielen Verlautbarungen von Stadt und Infra.

  2. GünniS sagt:

    @ Siegfried Tiefel: Und welche Verlautbarungen wären das genau? Ich kann in dem Artikel keine großen Neuigkeiten mit »Aha-Effekt« erkennen.

  3. Boris Schneider sagt:

    Eines ist halt nicht zu ändern: Die Strompreise werden ständig steigen. Als Konsument kann man sich halt nur die günstigste Alternative heraussuchen. Das war damals so, ist heute so und wird auch in Zukunft so bleiben. Das Interview finde ich aber gut, weil es sehr informativ ist und Sachen aufklärt!

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