Große Kunst aus Fürth und Berlin

2. Dezember 2011 | von | Kategorie: Kultur

Wenn eine Nürnberger Galerie einen so bekannten und großartigen Künstler wie den Berliner Johannes Grützke ausstellen darf, kann sie sich schon sehr glücklich schätzen. Dass die Galerie Atzenhofer jetzt aber gleichzeitig auch eines der wichtigsten und beeindruckendsten Talente der Fürther Kunstszene, den brillanten Maler Christoph Haupt präsentieren darf, lässt die Ausstellung zu einem derart herausragenden Ereignis werden, dass man jedem Kunstinteressierten dringend zu einem Besuch raten muss.

Christoph Haupt: Ich denke, also bin ich eine Motte

Christoph Haupt: Ich denke, also bin ich eine Motte

Der 74-jährige Johannes Grützke ist mit dem 50-jährigen Christoph Haupt befreundet. Die beiden hat­ten sich an der Nürnberger Kunstakademie kennen­gelernt, wo Johannes Grützke von 1992 bis 2002 als Professor freie Malerei unterrichtete und Christoph Haupt als Dozent Aktzeichenkurse gab. Seither treffen sie sich immer mal wieder in Fürth oder Berlin zum Gedankenaustausch und zum Dichten, die große Leidenschaft neben der Malerei. Aus dieser Zusam­menarbeit entstanden mehrere reich illustrierte Ge­dicht- und Kurzgeschichtenbände.

Das neueste gemeinsame Werk namens »Bongs Stall« erscheint im Frühjahr 2012. Es befasst sich in 15 Geschichten, Gedichten und in zahlreichen Linol­schnitten mit kuriosen Menschen und Situationen aus dem Reich der Mitte. Eine Lesung mit den beiden Künstlern wird am 11. Dezember in der Galerie Atzen­hofer stattfinden. Da Grützke und Haupt gemein­sam China bereist haben, können sie zu dem Thema unendlich viele unterhaltsame Anekdoten zum Besten geben.

Christoph Haupt: Die gelbe Ente

Christoph Haupt: Die gelbe Ente

Die Ausstellung zeigt aber in erster Linie nicht die Bilder aus dem neuen Buch, sondern einen breiten Querschnitt aus dem Werk der Künstler. Was die Themen und Herangehensweise an ihre Arbeit anbelangt, verbindet die beiden Einiges. Im Mittelpunkt Ihrer Gemälde, Zeichnungen und Grafiken steht eindeutig der Mensch. Die Freude am Erzählen einer Geschichte kommt auch in den Bildern ganz klar zum Ausdruck. Hinter jedem Gemälde Haupts steht eine Episode, ein bestimmtes Erlebnis oder eine Beobachtung. Seit Christoph Haupt vor ca. 10 Jahren zu einem Künstleraustausch nach Shenzhen reiste und seine Begeisterung für das Land entdeckte, verbringt er regelmäßig vor allem die Wintermonate in Asien, was man in seinen Arbeiten sofort erkennt.

In China fand der Maler die perfekte Inspiration und ca. eine halbe Milliarde Musen in Form junger Chinesinnen. Seiher gilt Asien im ganzen und dem weiblichen Teil der Bevölkerung im Besonderen sein größtes Interesse. Dieser Passion haben wir wunderbare Bilder in einem ganz eigenen Stil zu verdanken. Ein Mal- und Zeichenstil, in dem ein unbedarfter Betrachter vielleicht eine Art Karikatur der dargestellten Bevölkerungsgruppe ent­decken könnte: Riesen-Köpfe mit winzigen Sehschlitzen, insektenhafte, lange dürre Gliedmaßen. Tatsächlich war das Karikieren aber nicht Haupts Anliegen, er verstärkte lediglich die von ihm verehrten Formen der Asiatinnen in den für seinen Geschmack wesentlichen Punkten.

Christoph Haupt: Karl Friedrich Schinkel und Peter Wagner bei Stralau

Christoph Haupt: Karl Friedrich Schinkel und Peter Wagner bei Stralau

Seine weiblichen Wesen können nie schmalgliedrig und zierlich genug sein, die Gesichter niemals zu asiatisch ge­prägt. Haupt malt die komprimierte Form der chinesischen Schönheit, ein Konzentrat sozusagen und eine ganz eigene Form der Paradies-Wesen aus dem Reich der Mitte.

Da also der absolut überwiegende Teil von Haupts Werken Asiatinnen in den verschiedensten Lebenssituationen zeigt, kann man in der aktuellen Ausstellung von einer kleinen Sensation sprechen. Gleich zwei Bilder zeigen nicht nur keine Chinesen, sie zeigen auch keine Frauen. Neben einem E.T.A. Hofmann-Portrait, das aus dem Privatdomizil des Künstlers stammt, gibt es auch eine völlig neue, wunderbar romantische Darstellung mit zwei Jagdhorn-Bläsern nebst Steuermann auf einem Schiff bei Stralau, angelehnt an ein historisches Gemälde.

Naturmotive sind bei Haupt wie auch bei Johannes Grützke die ganz große Ausnahme. Umso mehr freut es uns, dass wir auch von Johannes Grützke zwei absolute Raritäten, nämlich Landschaftsgemälde zeigen dürfen. Die Bilder entstanden auf einem Bauernhof in Groß Briesen (Brandenburg) und in Paris, wo der Maler mit seiner Frau, einer französischen Kunsthistorikerin, und seinen beiden Kindern oft die Ferien verbringt. Die Gemälde sind dem Motiv nach keine typischen Grützkes, der lässig verwegene Pinselstrich ist aber ein ganz charakteristisches Erkennungsmerkmal.

Johannes Grützke: Die Erlebnisgeiger und Klavier und Gesang

Johannes Grützke: Die Erlebnisgeiger und Klavier und Gesang

Johannes Grützke hat in seinem Künstlerleben längst alles erreicht, wovon die meisten Künstler nur träumen können. Er hatte immer ein sehr gutes Auskommen allein durch seine künstlerische Begabung. Zum einen war Grützke tätig als Bühnenbildner und Berater für verschiedene Theater- und Schauspielhäuser, zum anderen arbeitete er als Dozent und Kunstprofessor an verschiedenen Universitäten, unter anderem in Nürnberg. Und ganz nebenbei revolutionierte er den Kunstbegriff durch seine Malerei, der er sich immer mit riesiger Schaffenskraft widmete. Anfang der 70er Jahre gründete er zusammen mit Malerkollegen die »Schule der neuen Prächtigkeit«, eine Stilrichtung, der wir es verdanken, dass die gegenständliche, realistische Malerei wieder das ihr gebührende Ansehen erhielt.

Besondere Glanzlichter dieser Ausstellung sind ein originelles Selbstportrait Grützkes, das nur einen Aus-schnitt aus dem Gesicht des Künstlers zeigt sowie der liegende Kopf von Beatrice, die als Modell in Grützkes Atelier eine andere große Begabung des Künstlers sicher kennenlernen durfte. Hätte Grützke sich nicht der Malerei verschrieben, hätte er mit großem Erfolg auch Entertainer, Komiker oder Schauspieler werden können. Menschen in seiner Umgebung werden immer auf sehr vergnügliche, manchmal auch auf groteske Weise unterhalten. Als Musiker tritt er ab und zu mit den »Erlebnisgeigern« auf, die er in riesigen Plakatmotiven verewigt hat. Eine Geschichte steckt auch hinter den meisten der Radierungen und Lithographien. Das Motiv »Mehr Gips« stellt beispielsweise dar, wie Goethe die Totenmaske abgenommen wird.

Johannes Grützke: Beatrice - liegender Kopf

Johannes Grützke: Beatrice - liegender Kopf

Wer die Ehre hat, ihn in seinem riesigen Berliner Atelier besuchen zu dürfen, lernt zumindest einen kleinen Teil des privaten, sehr liebenswerten Johan­nes Grützke kennen. Er kocht für seine Gäste gerne auf traditionell türkische Art Mokka. Allerdings verwen­det er nicht das typische kleine Messingtöpfchen mit langem Holzstil, sondern einen mittelgroßen alten Kochtopf, so dass die Menge Kaffee für mehrere Gäste und Kaffeerunden gut ausreicht. Verfeinert wird das leckere Getränk dann oftmals noch mit einem sehr exklusiven Schnaps, was auch den steifsten Besu­cher, der vielleicht angesichts der vielen beeindrucken­den Kunstwerke und ihres berühmten Erschaffers in Schüchternheit verfallen könnte, auflockert. Beim Lauschen einer neuen, vom Verfasser vorgetragenen Geschichte mit Blick auf riesige Gemälde und einer Tasse türkischen Edelmokkas spürt man die Wundersamkeit und Schönheit der Schaffensmöglichkeiten und der glückstiftenden Gedankenwelt des großartigen Künstlers. So ein Nachmittag mit Grützke und seiner Kunst ist ein lustiges und unterhaltsames Ereignis, das man am liebsten immer wieder erleben möchte.

Johannes Grützke: Richard Wagner bei seinen Müttern

Johannes Grützke: Richard Wagner bei seinen Müttern

Was bei Grützke der türkische Mokka ist, findet sich bei Haupt in einer ebenfalls sehr exklusiven Teezeremo­nie wieder. Grüner Tee, Pu Errh und verschiedene exklusive Mitbringsel von seinen Reisen werden nicht einfach gekocht und getrunken. Sie werden rituell zubereitet in einer schwer zu durchschauenden Ab­folge von Auf- und Abgüssen. Anschließend werden sie in winzigen Tässchen serviert, die dann stunden­lang ausgetrunken und wieder aufgefüllt werden. Auch hier ringsum wandfüllende Gemälde mit sehr lebendi­gen asiatischen Damen in vergoldeten Rahmen, die der Künstler selbst fertigt. Dazu werden zahlreiche fabelhafte, kuriose, abstruse und skurrile Geschichten gereicht.

Wenn Sie sich ebenfalls von den beiden unterhalten lassen möchten und eine Portion Christoph Haupt und einen Hauch privaten Johannes Grützke kennenlernen wollen, reservieren Sie sich einen Platz in der Galerie Atzenhofer am 8. Dezember um 19.00 Uhr für die Lesung aus dem neuen Buch »Bongs Stall«!

 
Johannes Grützke, Christoph Haupt – Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafik, Dichtung

Ausstellungsdauer:
26. November 2011 bis 11. Februar 2012
Mittwoch bis Sonntag von 13.00 bis 18.00 Uhr
oder nach telefonischer Vereinbarung

Galerie Atzenhofer
Weißgerbergasse 17
Weinmarkt 10 (ab 2017)
90403 Nürnberg
Telefon: 0152 – 33 86 80 66
post@galerieatzenhofer.de
www.galerieatzenhofer.de

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4 Kommentare zu »Große Kunst aus Fürth und Berlin«:

  1. Philipp Steffen sagt:

    Atzenhof ist eine Nürnberger Galerie? :)

  2. Nicht jeder, der Atzenhofer heißt, ist in Atzenhof geboren oder zur Wohnsitzname dortselbst verpflich­tet. Auch kann man als Fürther ohne weiteres in Nürnberg Hamburger verzehren oder Wiener essen!

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