Hornschuch 21 – (Fast) eine Lebensgeschichte

24. Dezember 2010 | von | Kategorie: Der besondere Beitrag

Dies ist die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner. Sie erzählt von Kontinuität und Vergänglichkeit und davon, dass letztendlich nichts so beständig ist wie die Veränderung.

Hornschuchpromenade 21, um 1990 (Foto: Archiv Doc Bendit)

Hornschuchpromenade 21, um 1990 (Foto: Archiv Doc Bendit)

Hornschuchpromenade 21. Viergeschossiges Neure­naissance-Mietshaus, Sandstein, mit reicher, flächiger Gliederung, Erker an der abgeschrägten Ecke, 1888 von Egerer und Richter; städtebauliches Pendant zu Jakobinenstr. 6.

Bürgerliches Mietshaus mit zwei Wohnungen je Ge­schoß und Stuckdecken, erbaut im Auftrag des Bau­mei­sters Max Meyer durch das Civilbaubüro Egerer und Richter. Im Erdgeschoß Gaststätte.

So trocken und nüchtern der Blick aus Sicht des »Habel«, der Bibel des bayerischen Denkmal­schutzes. Kein Wort von armen Dienstmägden, stolzen Po­li­zi­sten, tanzenden Bomben, ratternden Straßen­bahnen, oder Maxe Grundigs Mercedes. Diese kleinen, mehr oder weniger wichtigen Begebenheiten sollen hier erzählt werden.

 
Wie alles begann

Frau M. auf dem sprichwörtlichen »Brauereigaul« in den 1930er Jahren (Foto: Archiv Doc Bendit)

Frau M. auf dem sprichwörtlichen »Brauereigaul«
in den 1930er Jahren (Foto: Archiv Doc Bendit)

Es ist Sommer 1938, eine junge Frau, wir wollen sie hier Frau M. nennen, folgt dem Ruf ihrer Schwester, vom ländlichen Oberfranken in die Stadt zu ziehen; man erhofft sich eine gute Anstellung. Die Schwester arbeitet zu dieser Zeit in der Luisenapotheke, Frau M., die vorher schon auf Bauernhöfen, in Wäschereien und einer Brauerei gearbeitet hat, findet sich nun als Aushilfe in der Gaststätte »Zur Promenade« in der Hornschuchpromenade 21 wieder. Mit der Stelle ist praktischerweise auch eine Unterkunft im Haus zu haben, eine zugige Kammer ganz oben unter dem Dach. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite nahe der Bahnunterführung steht zu diesem Zeitpunkt noch ein altes Zollgebäude, in dem eine Polizeiwache unter­gebracht ist. Die Polizisten suchen die nahegelegene Promenade oft und gern nach Feierabend auf, auch Herr S., welcher ebenfalls gleich über der Wirtschaft wohnt. So lernt man sich nach und nach kennen und findet Gefallen aneinander, schließlich folgt die Heirat. Eine gewisse Portion Pragmatismus war sicherlich auch im Spiel, ist Herr S. doch alleinerziehender Vater von zwei Söhnen, seine erste Frau war früh verstorben. Auch Frau M. hat bereits einen Sohn und wird durch diese Bindung ein lebenslanges Auskommen haben. 1943 wird ein gemeinsamer Sohn geboren.

 
Bombennächte und Stunde Null

Ehemalige Polizeistation an der Jakobinenstraße (Foto: Stadtplanungsamt Fürth)

Ehemalige Polizeistation an der Jakobinenstraße
(Foto: Stadtplanungsamt Fürth)

Frau M.’s Haltung zum Nationalsozialismus reichte ihren Erzählungen nach vermutlich von teilnahmslos bis wohlwollend, so wie bei den meisten Deutschen jener Zeit. Auch vom Krieg bekam sie in den ersten Jahren nicht viel mit, lediglich der Truppenaufmarsch in der nahen Nürnberger Straße zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 ist ihr in heller Erinnerung geblieben. Mit Beginn der Luftangriffe auf deutsche Städte durch die Alliierten änderte sich auch die trügerische Ruhe an der »Heimatfront« schlagartig: Bekannt durch Rüstungsfabriken und an einer Eisen­bahnhauptstrecke gelegen, war auch Fürth wiederholt Ziel der Bomberverbände. Punktgenaues Bombar­dieren war damals wie heute ein Wunsch­traum und so streuten die hauptsächlich auf die Gleisanlagen abgeworfenen Bomben oftmals weit in die Süd- und Oststadt. Auch in der Hornschuchpromenade gab es einige Volltreffer. Frau M., ihre Kinder und die anderen Hausbewohner verbrachten in diesen wortwörtlich dunklen Stunden manchmal mehr Zeit im Keller des Hauses als in der Wohnung. Bei einem Tagangriff schlug eine Bombe im Dach des Hauses ein, prallte jedoch am Dachstuhl ab und landete vor dem Haus auf der Straße ohne zu explodieren. Durch eine offene Kohlenluke konnten die im Keller zusammengekauerten Bewohner beobachten, wie sich der Blindgänger nach Auftreffen auf der Straße drehte wie ein Kreisel und schließlich vor dem Haus liegenblieb. Ein lebensrettender Umstand und auch der Grund dafür, die Kinder zeitweise ins sicherere Oberfranken zu den Großeltern zu bringen – Kinderlandverschickung privat organisiert.

Einmal, so erzählt Frau M. beharrlich, sei sie mit ihren Kindern auf dem Weg vom oberfränkischen Exil nach Fürth in Bamberg hängengeblieben, weil ein Zug kriegsbedingt ausfiel. Und da es keine weitere Beförderungs­möglichkeit gab wurde die restliche Strecke zu Fuß entlang des Ludwigskanal zurückgelegt, ein Kind fest an der Hand, das andere im Kinderwagen. Eine Geschichte die man kaum glauben mag, sind es doch von Bamberg nach Fürth gute 60 Kilometer.

Nach Kriegsende, zur Stunde Null, war auch in Fürth nichts mehr wie vorher: Die meisten Fensterscheiben in Frau M.’s Wohnung waren zerborsten und mit Kartonagen ausgebessert worden. Der Mann von Frau M. war in Kriegsgefangenschaft geraten, ein Zimmer musste an Kriegsflüchtlinge aus den verlorenen deutschen Ostgebieten abgegeben werden und zu Essen gab es in der schlimmsten Phase manchmal nur einen Würfel Zucker pro Nase und Tag.

Allerdings waren die chaotischen Verhältnisse vor allem für die Kinder auch eine Zeit der großen Abenteuer, wie sie wohl keine Generation vorher und hoffentlich keine Generation nachher wieder erleben wird. Praktisch hinter jedem Busch ließ sich zurückgelassenes Kriegsgerät entdecken und wurde ausführlich begutachtet. So spielten auch die Söhne von Frau M. mit Fundmunition, gingen mit Säbeln aufeinander los oder stellten Duelle mit gefundenen Pistolen nach, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein die davon ausging. Dies aber immer mit der nötigen Menge Glück und stets ohne das Wissen von Frau M. Nahe der Zähstraße konnte man sich in einem abgestürzten Flugzeug als Pilot üben und am Espan wurde ein Bombentrichter als Velodrom genutzt. Die bereits erwachsenen Söhne von Herrn S. halten indes von ihrer kaum älteren neuen Stiefmutter nicht allzu viel und ergreifen alsbald die Flucht aus der gemeinsamen Wohnung.

Nach zeitweiser Internierung durch die Amerikaner kommt der Familienvater im Herbst 1945 wieder nach Hause, unwissentlich bereits die tödliche Lungentuberkulose in sich tragend. Die Ärzte erkennen die Gefahr nicht, ein Wunder, dass niemand innerhalb der Familie mit der hochansteckenden Krankheit infiziert wird. Als Polizist darf Herr S. nicht mehr arbeiten, so schlägt er sich mehr schlecht als recht als Wäschereihelfer in einem Betrieb am Schießplatz durch. Die scharfen Laugendämpfe geben dem schwerkranken Mann schließlich den Rest, sodass er 1951 im Alter von nur 59 Jahren stirbt. Frau M. wird in der Folgezeit nicht mehr heiraten.

Im Haus wird nach dem Krieg kräftig umgebaut, man will modern sein, alles Alte ist verpönt. Eine Denkweise, mit der oft noch mehr zerstört wird als der Krieg es sowieso schon geschafft hat. Der sogenannten »Resopalwelle« fallen als erstes die Prunkstücke aus der Erbauungszeit des Hauses zum Opfer. Ein von zwei Marmorfiguren flankierter Brunnen im Hausflur sowie ein grüner, mit reichen Ornamenten verzierter Kachelofen im Schlafzimmer von Frau M.’s Wohnung werden zertrümmert, Wandbilder werden übermalt, das Ecktürmchen auf dem Dach wegen Baufälligkeit abgetragen.

 
Episoden von der Straba

Straba mit Villa Engelhardt (Foto: Stadtarchiv Fürth)

Straba mit Villa Engelhardt (Foto: Stadtarchiv Fürth)

Direkt vor dem Haus liegt die Haltestelle Jakobinen­straße der Nürnberg-Fürther Straßenbahn, die Züge rattern auf der alten Ludwigsbahntrasse hin und her, die 1er und die 21er Linie haben Hochkonjunktur und verleiten die Buben von Frau M. zu allerlei Streichen. So ist es ein Heidenspaß, die Fahrgäste auf den damals noch offenen Plattformen während der Fahrt mit Dreck zu bewerfen, nach Anhalten der Bahn im hinteren Waggon die Notbremse zu drücken oder Schießpulver aus Fundmunition auf die Schienen zu streuen, was zu einem herrlichen Zischen und Knattern führte, sobald die Bahn darüber fuhr. Derlei Schalk blieb den Straßenbahn­schaffnern natürlich nicht verborgen, so dass manche Bahn nach verlassen der Haltestelle abrupt wieder stehenblieb und ein Beamter mit Knüppel wie der Wind aus einem der Wagen sprang um die Übeltäter zu stellen. Jedoch hatten die Schaffner meist keine genaue Ortskenntnis und die Buben waren längst durch das noch unbebaute Grundstück Hornschuchpromenade 19 entwischt.

An dessen Ende stand inmitten der Häuserschlucht ein kleines, verwunschenes Haus, das sog. »Zinken­häusla« (benannt nach den Bewohnern Zink), und dieses hatte einen Durchgang zu Nürnberger Str. 80 (Gaststätte Drei Rosen). So konnte man unauffällig verschwinden, um den Block laufen und das ganze Gesche­hen dann als »neutraler« Beobachter verfolgen. Auch das nahegelegene Bahngelände mit der Rangieranlage und der Altmetallfirma Schoder war geradezu magisch anziehend, und nicht selten kam es dort auch zu Bränden ungeklärter Ursache. Aber das ist eine andere Geschíchte…

 
Die goldenen 60er Jahre

Mit zunehmendem Alter der Söhne wuchsen auch die Konflikte. Man vergnügte sich in den damals noch zahl­reichen Wirtschaften der Umgebung (z.B. Weyrauther, Kohlenhof, Elitestuben, Goldener Anker, Wegerle, Bayerischer Hof, Passauer Hof, Drei Rosen, Keglerheim um nur einige zu nennen). Streit war mittlerweile an der Tages­ordnung, irgendwann wurde es zu viel, und die Söhne ergriffen die Flucht. Einer von beiden wohnte sogar ein Jahr lang in einer angepachteten Gartenparzelle, um den dauernden Konflikten aus dem Weg zu gehen.

An der Jakobinenstraße fährt regelmäßig Max Grundig von seiner Firma an der Kurgartenstraße zum Privat­wohnsitz nach Dambach. Der damals wie heute übergroße Mercedes 600 sorgt stets für Aufsehen. Ebenfalls aufsehenerregend ist der Auftritt des damaligen Gaswerksdirektors, welcher auch in der Promenade wohnt und mit einem weißen Cadillac mit roten Ledersitzen vorfährt. US-Straßenkreuzer sind zu dieser Zeit zwar keine Seltenheit, werden aber zumeist von Amerikanern bewegt.

Auch Frau M. genießt den aufkeimenden Wohlstand. Mit neuen Bekanntschaften und finanziell abgesichert lässt es sich leben und sogar reisen – gerade zu dieser Zeit eine nicht alltägliche Lebenssituation. Allen in Erinnerung geblieben ist ein rühriger Schornsteinfegermeister aus der Kurgartenstraße, welcher aus Zuneigung sogar für neue Möbel sorgte (Diese hielten bis zum Auszug knapp 50 Jahre später!).

Bad mit Ofen, Juli 2010 (Foto: Doc Bendit)

Bad mit Ofen, Juli 2010 (Foto: Doc Bendit)

Schräg gegenüber steht in den Sechziger Jahren unter der Adresse Königswarterstraße 80 noch die wundervolle Villa des bekannten Fürther Maschinenfabrikanten Engelhardt. Im Dachgeschoß dieses bemerkenswerten Hauses war lt. Frau M. sogar ein Dampfbad mit Glaskuppel installiert. Die besten Jahre hat das Haus zu diesem Zeitpunkt sicher lange hinter sich, der Garten ist verwildert, der Sandstein schwarz und bröselig. Ein Sohn von Frau M. ersucht die Stadt Fürth um Erlaubnis auf dem ungenutzten Grundstück der Villa eine Wellblechgarage für seinen VW Käfer errichten zu dürfen. Die Antwort der Stadt: das gehe nicht, da die Garage das Stadtbild verunziere. Kurze Zeit später wird die Villa abgerissen. Zeit­genössische Abbruchbegründungen lauteten in etwa so: für sich alleine liebens- und erhaltenswert, aber Gesamtwirkungen im Wege. Klar, man wollte klotzen, nicht kleckern, vor allem mit Beton, da war so eine pittoreske Schönheit nur Ballast. Sicherlich hat wohl auch der liebe Herr Schickedanz im Hintergrund an der Entscheidung mitgewirkt, wollte er doch auf diesem Gelände ein Mitarbeiterinnen­wohnheim für seine Quelle errichten. Nebenan ent­stand in der Folgezeit ein Sparkassenwürfel. Diese Monstrosi­täten inmitten der homogenen, im Stil des späten Historismus errichteten Bebauung, wirken bis heute wie Fremdkörper und mehr als abstoßend.

Im Volksmund setzte sich für das Wohnheim schnell die Bezeichnung »Nuttenaquarium« durch, auf die Herkunft dieses Wortes mag sich jeder selbst einen Reim machen. In der Hornschuchpromenade ist man indes von einem Dampfbad so weit entfernt wie die Russen vom Mond. Erst 1973 wird endlich ein eigenes Bad mit Wanne in der Wohnung installiert. Vorher ist Waschen nur an einem kleinen Metallausguss in der Küche möglich, gebadet wurde einmal in der Woche im großen Waschzuber der im Innenhof gelegenen Waschküche. Alternativ gab es noch das Städtische Brause- und Wannenbad in der Frauenstraße oder gleich das Flußbad. Weitere Umbauten erfolgen im Bad nicht mehr, noch im Jahr 2010 wird zum Baden der Holzofen befeuert.

 
Als U-Bahn und Spubu nach Fürth kamen

»Schienenersatzverkehr« für die Straba, 1981-1982 (Foto: Archiv Doc Bendit)

»Schienenersatzverkehr« für die Straba, 1981-1982
(Foto: Archiv Doc Bendit)

1981 fährt die Straßenbahn dann zum letzten Mal von Fürth nach Nürnberg. Bereits wenige Tage nach der Abschiedsfahrt der Straßenbahn werden die Schienen unbrauchbar gemacht, man will die alte Technik so schnell wie möglich loswerden. Das Karree zwischen Hornschuchpromenade, Jakobinenstraße und Geb­hardstraße verwandelt sich in der Folgezeit in eine einzige große Baustelle für die näherrückende U-Bahn. Busse übernehmen zwischenzeitlich den Schie­nenersatzverkehr zwischen der Stadtgrenze und dem Fürther Hauptbahnhof, an der Stelle des früheren Ludwigsbahnhaltepunkts ensteht der als »Verteiler­geschoss« fungierende »Platz der Opfer des Fa­schismus«.

Ein kurzes Kapitel in der jüngeren Fürther Verkehrs­geschichte soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben. Es handelte sich dabei um ein technikgläubiges Projekt namens »Spurbus«. Ein fahrerloses Gefährt, welches mittels Induktion selbstständig seinen Weg über eine im Boden eingelassene Leiterschleife finden sollte. Dieser, von den Fürthern schlicht »Spubu« genannte Selbstläufer, drehte während der U-Bahnbauphase Jakobinenstraße – Hauptbahnhof testweise seine Runden, genauer gesagt zwischen Jakobinenstraße und Fürther Freiheit. Die Enkel von Frau M. beobachteten ungläubig vom Wohnzimmerfenster aus das selbstdrehende Lenkrad und den untätig danebensitzenden Fahrer. Dieser musste aus Sicherheitsgründen weiterhin an Bord bleiben, somit war die erhoffte Kosteneinsparung wohl dahin und das ganze Projekt verschwand in der Folgezeit still und heimlich in der Schublade. Teile des Führungsbandes sind bis heute noch hier und da im Boden zu finden.

 
Von der Promenade zur Dynastie – Veränderungen stehen an

Ende der 1980er Jahre steht das Haus dann zum Verkauf. Die Eigentümerin, eine Schwägerin von Frau M. und »Hausfrau«, ist verstorben, die Nachkommen sind in alle Winde zerstreut. Ein Interesse an der Immobilie, die zu dieser Zeit einen erheblichen Reparaturstau aufweist besteht nicht, und so folgt schließlich der Verkauf. Sorgen, was passieren wird mit Haus, Wohnung und Miete sind indes unbegründet, der neue Eigentümer, ein Chinese, gibt sich freundlich und sichert ein lebenslanges Wohnrecht zu, die Wohnung kann bleiben wie sie ist, bis auf kleinere, dringend nötige Renovierungen. Das WC wird endlich vom Hausflur in die Wohnung verlegt, Isolierglasfenster ersetzen die alten undichten Doppelrahmen, ein Gasofen nimmt den Platz des alten Kohlenofens im Wohnzimmer ein und eine Sprechanlage wird installiert. Später werden leider auch noch die innenliegenden Fenster zum Hausflur verkleidet, somit wirkt der ursprünglich helle, wie ein Laubengang wirkende Wohnungsflur nun dunkel und ungemütlich.

Auch im sozialen Umfeld gibt es Veränderungen. Bis in die Siebziger Jahre waren die Mieter durchweg deutscher Herkunft, nun zieht plötzlich ein Italiener ein. In der von Spießigkeit geprägten Atmosphäre gleicht das einem mittleren Skandal. Die Mehrheit der Hausbewohner sind aber nach Frau M.’s Auffassung noch »ordentliche Leute«. Im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte wird sich das Verhältnis komplett umkehren und Frau M. wird zwischen Chinesen, Vietnamesen und Afrikanern zum Außenseiter in der Wohngemeinschaft…

Geschleifter Frisörladen 1991 (Foto: Archiv Doc Bendit)

Geschleifter Frisörladen 1991 (Foto: Archiv Doc Bendit)

1991 tut sich was im Erdgeschoss: Ein China-Restaurant soll die alte »Promenade« ersetzen, jedoch reicht die Fläche nicht aus. Was folgt, ist ein rigoroser Umbau, um Platz zu schaffen wird der gesamte Hausflur nach links verschoben, der Frisörladen wird aufgelöst, der Innenhof mit den Wirtshaustoiletten wird zur Küche. Schwülstiges China-Design mit hözernen Löwen, Drachen und Kor­moranen ersetzt fortan die alte Wirtshauseinrichtung mit ihrer gemütlichen Rundumbank. Im Keller sollen die neuen Toiletten installiert werden. Das hat zur Folge, dass Frau M. ihr Kellerabteil auflösen muss. Hört sich unspektakulär an, hat es aber in sich, denn in Frau M.’s Keller befindet sich noch eine stattliche Kohlenhalde aus der Zeit, als der Kohleofen im Wohnzimmer für Wärme sorgte. Ein Bekannter aus früheren Zeiten hatte irgendwann in einer Blitzaktion eine enorme Menge Eierbriketts aus dubioser Quelle beschafft und durch eine Fensterluke in Frau M.’s Keller geschüttet. In der Folge konnte man die Kellertür nur noch einen Spalt breit öffnen um sich hineinzuquetschen. Irgendwie fand sich aber dann doch noch rechtzeitig ein Käufer für den fossilen Brennstoff.

Doch zurück zum Restaurant: Das Konzept sollte dem neuen Eigentümer Recht geben, Chinarestaurants sind Anfang der Neunziger in Fürth noch Mangel­ware, uns so brummt der Laden über viele Jahre. Anfangs sogar so gut, dass es eine zeitlang einen Gartenbetrieb in der Grünanlage zwischen Hornschuchpromenade und Königswarterstraße gibt. Auch die skeptische Frau M. erliegt schließlich dem neuartigen Stil und testet die Fernostküche. In der Folgezeit wird sie stets das Gericht Nr. 25 »Schweinefleisch mit Kostbarkeiten« bestellen (»Des kann ma‘ scho essn«). Der Frisör findet eine neue Bleibe in der Nürnberger Straße.

 
Der unmögliche Herr Süß

Ehemaliger Kiosk, Hornschuchpromenade 20 1/2 (Foto: Archiv Doc Bendit)

Ehemaliger Kiosk, Hornschuchpromenade 20 1/2
(Foto: Archiv Doc Bendit)

Direkt vor dem Haus existierte bis in die 1990er Jahre ein kleiner Laden. Dieses ovale, mit hellgrünen Stein­platten verkleidete Häuschen stand dort seit 1953, vorher befand sich bereits ein kleinerer, ebenfalls ovaler und mit tausenden Mosaikfliesen verkleideter Kiosk an gleicher Stelle. Bei diesem Vorgängerbau handelte es sich um das ehemalige Kartenhäuschen des Ludwigsbahnhaltepunkts »Fürth Ost«. Dieses wurde nach Abriss des links von der Jakobinenstraße gelegenen Bahnhofs per Rollen auf die andere Straßen­seite verschoben. Soviel zur Geschichte des Kiosks selbst, wir wollen uns nun dem langjährigen Pächter des Ladens, Herrn Süß zuwenden. Herr Süß bot in seinem Obstladen auch allerlei andere Lebensmittel an, unter anderem auch das bei den Enkeln von Frau M. beliebte Wasser­stangen-Eis. Dieses gab es in den Geschmacksrichtungen rot, grün, weiß und Cola und kostete 30 Pfennig pro Stange. Frau M. hingegen pflegte zu Herrn Süß eine innige Feindschaft und ließ sich im Laden nicht blicken, höchstens im Notfall wenn ganz dringend etwas gebraucht wurde. Ob es am Namen lag, an den Preisen oder an der Tatsache, dass Herr Süß beim Fehlen von Kundschaft meist vor seinem Laden saß und zu Frau M. hinaufblickte, wir wissen es nicht genau. Letzteres ist wahrscheinlich, da Frau M. dann immer die Wohnzimmervorhänge zuzog und laut fluchte: »etz glotzt der scho widder raaf…». Was mag sich wohl der Herr Süß dabei gedacht haben? Vielleicht: »Etz glotzt dey scho widder runder». Irgendwann, es muss kurz vor der Jahrtausendwende gewesen sein, war der Kiosk dann auf einmal verschwunden.

 
Der Alltag und das plötzliche Ende

Frau M. , Anfang 2000 in ihrer Küche (Foto: Doc Bendit)

Frau M. , Anfang 2000 in ihrer Küche
(Foto: Doc Bendit)

Bis Ende der 1990er Jahre geht alles seinen gewohnten Gang, Frau M. kocht an hohen Feiertagen für die Familie, das kleine Wohn­zimmer wird regelmäßig zum Schauplatz von bizarren Geburtstags-, Faschings-, Weihnachts- und Silvesterfeiern. Bei Letzteren läuft stets das bekannte »Dinner-for-One« im Fernsehen. Frau M. lauscht dann, obwohl genau wissend was passiert, jedes Jahr aufmerksam der Sendung. Wer in diesen 20 Minuten durch gedankenloses Sprechen stört, oder noch schlimmer, durchs Bild läuft, erntet böse Blicke und mehr. All diese Rituale sind fest in des Autors Hirn eingebrannt, Institutionen sozusagen, die von Geburt an immer gleich abliefen und eigentlich in alle Ewigkeit so weiterlaufen mussten. Die Demontage der heilen Welt aus Kindertagen begann ganz langsam, schleichend, fast unbemerkt.

Seit den 2000er Jahren wird es zunehmend ruhiger um Frau M. Das Laufen wird beschwerlich, die Ausflüge zum sonntäglichen Mittagessen nehmen ebenso ab wie der regelmäßige Kirchgang, die Familientreffen oder die Gartenbesuche in der nahen Südstadt. Die einstmals vielgelobte Kochkunst beschränkt sich nun nurmehr auf das Auftauen von Fertiggerichten, vorbei die Zeiten von Sauerbraten und Heinerle-Weihnachtsgebäck. Die meisten Geschwister sind bereits verstorben, die beiden Söhne, ebenfalls im Rentenalter, und deren Angehörige kümmern sich Wechsel um Haushalt, Einkauf und andere nötige Dinge des Alltags.

Auch dem Restaurant im Erdgeschoss geht es nicht mehr so gut. Nach mehrmaligem Namens- und Genrewechsel scheint Anfang 2010 entgültig Schluss zu sein. Konkurrenz gibt es mittlerweile an allen Ecken und Enden, und die immer schon schlechten Parkmöglichkeiten lassen zunehmend die Gäste wegbleiben. Der Eigentümer will die Gaststätte nun als Büroraum vermieten. Wahrscheinlich ist aber eher, wie schon dutzendweise anderswo geschehen, der Umbau zu Wohnzwecken – gewohnt wird schließlich immer.

Doch zurück zu Frau M: im Mai 2010, nach genau 70 Jahren (der Mietvertrag datiert vom 01.05.1940), geht dann alles ganz schnell. Ohne große Vorgeschichte geht es Frau M. plötzlich schlecht, ein Kranken­hausaufenthalt ist nötig, danach leichte Besserung, Frau M. darf wieder nach Hause. Eine Woche später erneut ins Krankenhaus, dann Reha – Laufen lernen. Zwischendurch reift die schwerwiegende Erkenntnis: es geht nicht mehr in der völlig veralteten Wohnung, die Angehörigen können nicht mehr helfen, eine Pflegeunterkunft scheint die beste Alternative. Ein harter Schlag, vor allem für Frau M., die es vor dem Altersheim graust, und die immer daheim in ihrer Promenade sterben wollte. Nun, es war ihr nicht vergönnt, nicht einmal ein geordneter Abschied von Haus und Wohnung war in der Kürze der Zeit möglich.

Stuck und Schutt, Ende eines Lebensabschnitts, August 2010 (Foto: Doc Bendit)

Stuck und Schutt, Ende eines Lebensabschnitts,
August 2010 (Foto: Doc Bendit)

In der Folgezeit wird die Wohnung aufgelöst, Möbel und Hausrat werden so gut es geht an Hilfsorganisationen und andere Interes­sierte verteilt, einige wenige Stücke wandern in den Hausrat des Autors und was gar keine Abnehmer findet, landet schließlich auf dem Sperrmüll. Nein, keine Angst, der kuriose Badeofen hat natürlich überlebt und tut nun Dienst für ein Bad auf der Tenne südlich von Nürnberg. Eine alte Nussbaumvitrine im Stil des Gelsenkirchener Barock darf weiterhin ihren Dienst als Akten­schrank verrichten, einige Bücher, darunter ein »Regensburger Kochbuch« von 1911 blieben ebenfalls erhalten und die alte Nähmaschine von Pfaff (Modell »K«) wird zum neuen Blickfang – und Staubfänger.

Im Pflegeheim gefällt es Frau M. wider Erwarten zunächst gut, man trifft auf längst verstorben geglaubte Nachbarn, Pflegekräfte entpuppen sich als Nachkommen von ehemaligen Bekannten, verblasste Erinnerungen werden plötzlich wieder lebendig. Die anfängliche Euphorie weicht jedoch schnell der Ernüchterung, das lange Alleinleben von Frau M. wird zunehmend zum Problem: Die Integration in die Heimgemeinschaft fällt ihr schwer, den Mitbe­wohnern steht Sie kritisch gegenüber und von den Pflege­kräften kann es ihr kaum einer recht machen. Hier tritt nun auch wieder die andere Seite von Frau M. in Erscheinung, die zeitlebens eben nicht nur nett und bescheiden, sondern auch neidisch, missgünstig und hinterlisitg war. But the story still goes on – im November konnte Frau M. bei klarem Verstand ihren sechsundneunzigsten Geburtstag feiern und in ihr heiß ersehntes Einzelzimmer umziehen !

Und das Haus? Ach ja, das steht mal wieder zum Verkauf, vielleicht war die Zeit für die »Scheidung« zwischen Frau M. und der Promenade einfach reif…

 
Der Autor ist ein Enkel von Frau M. und hielt die lange Verweildauer seiner Oma an einem Ort für etwas Besonderes, bis er letztens in den Fürther Nachrichten folgende Anzeige lesen musste: »…gratulieren wir unserer lieben Oma zu neunzig Jahren Wasserstrass«.

 
Quellen:

Gerd Walther: Beiderseits der Ludwigsbahn, städtebilder verlag, 1989
Heinrich Habel: Denkmäler in Bayern, Stadt Fürth, Lipp-Verlag 1993
Fürther Geschichtswerkstatt: Eisenbahnstadt Fürth, städtebilder verlag, 2007
Stadt Fürth: U-Bahnhof Hardhöhe, Stadt Fürth, 2007
Wikipedia – Die freie Enzyklopädie
FürthWiki – Das Online-Nachschlagewerk über Fürth

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9 Kommentare zu »Hornschuch 21 – (Fast) eine Lebensgeschichte«:

  1. Geschichte, die das Leben schreibt.

    Als Nürnberger, den es vor 38 Jahren gezwungenermaßen aus berufllichen Gründen nach Fürth verschlagen hat, berührt mich dieser Artikel irgendwie recht positiv.

    Es sind hier Begebenheiten angesprochen, welche man – sowohl in städtebaulicher Sicht als auch aus der Perspektive einer vergangenen Kindheit – ähnlich in meinem Gäu (Mögeldorf) erleben konnte…

    Für mich eine neuzeitliche Weihnachtsgeschichte (ohne süßliche Krippenromantik – aber mit bullerndem Badeofen) – einfach gut geschrieben und bebildert … wer ist Doc Bendit ?

  2. Der Doc Bendit ist derjenige, der bei mir drüben als »Grabenkenner« in Erscheinung tritt und dort unter diesem beziehungsreichen Pseudonym schon an vielen Stellen schlaue Kommentare bei­gesteuert hat. So viel – glaube ich – darf man getrost verraten…

  3. Doc Bendit sagt:

    Der Doc ist unter Anderem auch da stark vertreten. So, genug geleakt jetzt !
    Vielen Dank für das nette Feedback !!

  4. Steini sagt:

    Wie bei (Groß-) Muttern.
    Die Wohnung als Konstante für mehrere Generationen.
    Welch schöner Kontrast zur verlogenen »heilen« Werbewelt.

    Ich wünsche Fr. M. viel Spaß bei Ihrem »Dinner-for-One«.

  5. Heidi sagt:

    Eine schöne Geschichte – das Ende ist nicht so schön aber so geht es wohl allen, die alt werden.

    Wer wohnt heute schon noch so lange in der gleichen Wohnung?

    Zwei Herren hier sind mir auch schon mal bekannt – jedenfalls aus dem Netz.

    Die Hornschuchpromenade ist ein wunderbares Areal. Und ich freue mich gerade, dass ich diese Seite entdeckt habe (eigentlich wollte ich wissen, was mit den Säulen des Hauptbahnhofs passiert ist).

    Viele Grüße und noch viele entspannte »Dinner for One« für Frau M.

  6. Doc Bendit sagt:

    hallo Heidi,

    danke für die netten Worte. Zu den Säulen kann ich folgendes berichten: die erste und somit älteste Säulenreihe wurde samt Zubehör ins DB-Museum verbracht und dort eingelagert. Dies geschah aber nicht aus dem Bewusstsein der Bahn für ihre Geschichte heraus, sondern nach Protesten engagierter Bürger (welche sich übrigens auch bei der Fürther Freiheit rumtreiben). Die zweite und dritte Säulen­reihe jüngeren Datums gingen an die Stadt Fürth (vermutlich zum Bauhof ?). Was damit in Zukunft passieren soll, weiß wohl niemand so genau. Zumindest im DB-Museum ist an eine Aus- bzw. Auf­stellung erstmal nicht gedacht.

    Diese Info haben wir vor Ort vom Demontage-Bautrupp erhalten, da wir einige von den ursprünglich zur Verschrottung freigegebenen Säulen selbst sichern wollten. Was natürlich jetzt nicht heißt, dass die Säulen damit dauerhaft gerettet sind. Die sog. »Einlagerung« hat nicht selten zur Konsequenz, dass die eingelagerten Objeke irgendwann sang- und klanglos bei Ausmistaktionen oder Platz­mangel doch noch verschwinden, siehe nur das von der Stadt Fürth »eingelagerte« Geismann-Bräu­stüberl, von dem bis auf zwei Sandsteinbögen und ein Ziergitter im Laufe der Zeit nix mehr aufzufinden war…..

  7. Erik Sulzer sagt:

    Hallo,

    ich bin der Nachbar von Frau »M« und durch Zufall auf die Seite hier gestossen und war wirklich überrascht. Eine sehr informative Geschichte, und ich bin froh etwas mehr über »unser« Haus zu erfahren. Auch bin ich dankbar für die alten Bilder.

    Ich freue mich dass es Frau »M« soweit gut geht, man hat sich oft seine Gedanken gemacht, da sie in letzter Zeit ihre Wohnung immer weniger bis gar nicht mehr verlassen hat. Ich habe sie als nette sehr freundliche wenn auch recht neugierige :-) alte Dame kennengelernt. Ein kurzes Schwätzchen im Hausflur war immer drin.

    Die Story des Hauses geht weiter. Ein neuer Besitzer ist da, es stehen einige Renovierungsarbeiten an. Bis jetzt hört es sich nicht schlecht an was er vor hat. Es wird auf jedenfall nichts mehr »verbastelt« oder ruiniert. Er will das alte erhalten.

    Als Abschluss noch einen Gruß an Frau »M« und ihre Familie.

  8. Doc Bendit sagt:

    hallo Herr Sulzer,

    danke für die Info ! Gruß habe ich weitergegeben, Frau M hat sich gefreut.

  9. Doc Bendit sagt:

    Im Juli 2013 ist Frau M friedlich eingeschlafen.

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