Fürth wird Durchschnitt – ob das reicht?

29. November 2010 | von | Kategorie: Verkehr

Die Preise für den öffentlichen Nahverkehr in Fürth steigen bis zum Jahr 2015 um bis zu 61 Prozent und die Kurzstrecke im gesamten Stadt­gebiet wird abgeschafft (Quelle: Fürther Nachrichten). Infra-Chef Parthei­müller meint, damit passe sich Fürth dem bundesweiten Durchschnittsniveau bei den Fahr­preisen an. Die Frage ist, ob Durchschnitt in Zukunft reichen wird.

VAG-Preise in Schieflage? (Foto: Ralph Stenzel)

VAG-Preise in Schieflage? (Foto: Ralph Stenzel)

Gehen wir einmal ein paar Jahre zurück. Eingeführt wurde der Kurzstreckentarif im gesamten Stadtgebiet Fürths im Zuge des U-Bahn-Baus. Die Überlegung war damals richtig: Um zu verhindern, dass die Leute ihre Kaufkraft massenweise per U-Bahn nach Nürn­berg fahren, machen wir den Verkehr innerhalb Fürths billiger. Trotz dieser richtigen Maßnahme muss man unter dem Strich heute feststellen, dass die Stadt seitdem jedes Jahr durch die U-Bahn ca. sechs Millionen Euro Verlust einfährt – dafür, dass die Menschen bequemer zum Arbeiten, Feiern und Ein­kaufen abwandern dürfen.

 
Kaufkraft wandert weiter ab

Es ist halt so einfach, nach Nürnberg zu fahren – darin liegt eines der Kernprobleme des Fürther Einzelhandels und das unterscheidet diese Stadt vom »Bundesdurchschnitt«. Dieses Problem soll nun verschärft werden durch die Abschaffung des innerstädtischen Kurzstreckentarifs. Die Mehrbelastung ist beträchtlich: Ein Einzelticket für die Kurzstrecke kostet derzeit 1,60 Euro, ab 2015 sollen es 2,10 Euro sein. Als Zwischenschritt wird ab 2012 ein »Fürth-Tarif« eingeführt werden mit immerhin 1,90 Euro pro Fahrt.

Um sich im Wettbewerb mit der übergroßen Nachbarstadt zu behaupten, müsste man eigentlich das Gegenteil tun: Den Menschen möglichst billige und einfache Lösungen anbieten, wie sie innerhalb Fürths ihr Geld ausgeben können. Denn kostet die Reise von Stadeln an die Nürnberger Lorenzkirche genauso viel wie zum Rathaus, ist erst recht klar, wo die Reise hingeht. Da wird auch das Einkaufszentrum »Neue Mitte« nicht viel helfen, zumal dessen Konzept zu wünschen übrig lässt.

 
Frauen, Azubis und Renter zahlen – Autofahrer nicht

Dass gleichzeitig mit der Tariferhöhung das längst überfällige Sozialticket angekündigt wird, ist sicher kein Zufall, ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Erhöhung eine gewaltige soziale Schieflage hat. Mehr zahlen werden diejenigen, die mit Bussen und U-Bahn fahren: Frauen, RentnerInnen, Azubis, StudentInnen und alle anderen, die sich kein Auto leisten können. Wer es sich leisten kann, fährt weiter Auto.

Die Tariferhöhung soll der Stadt jedes Jahr 2,5 Millionen Euro mehr einbringen – das ist angesichts von 12,4 Millionen Euro jährlicher Verluste gar nicht mal so viel. Ob es das wert ist, sich endgültig zur Satellitenstadt Nürnbergs zu degradieren?

 
Ein mutiges Konzept fehlt

Eine wirkliche Verbesserung der Bilanz könnte nur ein groß angelegtes, mutiges Verkehrskonzept für Fürth bringen, das zehntausende Menschen zum Umsteigen auf Busse und Bahnen bewegen würde. Die Eckpunkte wären: Schnellere und bequemere Verbindungen aus den Vororten, optimierter Fahrplan, autofreie Innenstadt, Fahrradmitnahme, günstige Tarife. Statt ein solches Konzept zu erarbeiten, erhöhen Bürgermeister und Infra-Chef einfach die Preise. Eine in der Tat »durchschnittliche« Lösung.

 
Der Autor bloggt selbst unter philippsteffen.wordpress.com.

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6 Kommentare zu »Fürth wird Durchschnitt – ob das reicht?«:

  1. FürtherBier sagt:

    Der erste Absatz stellt das Defizit in meinen Augen zu nah in Zusammenhang mit den niedrigen Fahrpreisen. Damit jedoch würde man nicht das Pferd von hinten aufzäumen, sondern gleich den ganzen Stall!

    Schuld an diesem Defizit ist vor allem auch die Fehlentscheidung zu Gunsten der für Fürth völlig überflüssigen, viel zu teuren und in der Fläche zu schwachen U-Bahn. Da möge mir keiner mit dem Quatsch kommen, dass die Verbindung nach Nürnberg doch so alternativlos prächtig ist: Gerade auf dieser Strecke zwischen Fürth Hbf und Plärrer war auch die Straßenbahn (als Hochbahn) nur margi­nal langsamer. Der sonstige Rest millionenteurer U-Bahn kompensiert nicht, was am Südarm der Straßenbahn Richtung Flößaustraße verloren ging und Richtung Hard auch mit der Straßenbahn zu leisten gewesen wäre und ja schon geplant war.

    In diesem Sinne stimme ich dem letzten Absatz zu: Was fehlt ist ein innovatives Verkehrskonzept. Ob für die nötigen Straßen-/Stadtbahnkonzepte aber nicht ihrerseits das Geld fehlt – die U-Bahn lässt grüßen – das ist die andere Frage.

    Einen Gefallen tut sich Fürth mit der Tariferhöhung definitiv nicht, sie konterkariert die Bemühungen um die vielbeklagten Defizite als »Einkaufsstadt«, so wie die vorschnelle und überflüssige Zustim­mung zum Ausbau des Frankenschnellwegs die Bemühungen gegen den S-Bahn-Verschwenk konterkarieren.

  2. @FürtherBier
    Bin mir nicht sicher, ob ich die Metaopher mit dem Pferd und dem Stall richtig verstanden habe. Natürlich steht das Einzelhandelsproblem in Zusammenhang mit den Fahrpreisen. Wobei es natürlich zahlreiche weitere Faktoren gibt.

    Die U-Bahn war sicher nicht der schlauste Schritt. Dennoch möchte ich persönlich heute nicht mehr auf sie verzichten. Was wie gesagt fehlt, ist eine bequeme, zuverlässige Verbindung der Vororte mit der Innenstadt. Und damit meine ich bestimmt keinen Bus.

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