Franken, schnell weg!

15. Oktober 2010 | von | Kategorie: Verkehr

Der Fürther Bau­ausschuss hat seine Zustimmung zum angeblich kreuzungsfreien Ausbau des Fran­ken­schnellwegs auf dem Gebiet der Nachbarstadt Nürnberg beschlos­sen. Nicht nur weil mit dieser Millionen­investition in eine Stadt­autobahn in Zeiten leerer Kassen eine Lücke in der A 73 geschlossen wird, die auch mehr Verkehr durch Fürth hindurch pumpen wird, ein guter Anlass einen Blick über die Stadtgrenze, in die Planungen dieses Vorhabens zu werfen.

Der Franken­schnellweg als solcher ist ein Relikt dunkelster Zeiten der Verkehrs­planung. Er geht zurück auf die Überlegungen des »Jansen-Plans« und damit auf ein Konzept das so alt ist, dass der Straßenverkehr noch lange zu einem beträchtlichen Teil aus Kutschen bestand und man auch Jahre später noch freudig hupte und winkte, wenn einem auf schwach genutzten Fernverbindungen ein entgegenkommendes Fahrzeug begegnete. So kann man den damaligen Planern kaum vorwerfen, gewusst zu haben welche Geister sie da riefen – Vom Schutz vor Lärm und Abgasen war damals auch noch lange nicht mehrheitsfähig die Rede.

Plakat des Bündnisses gegen den Frankenschnellweg Nürnberg (Grafik: Gerd Bauer)

Plakat des Bündnisses gegen den Franken­schnellweg Nürnberg (Grafik: Gerd Bauer)

Umgesetzt wurde das heutige Provisorium erst Jahrzehnte später, zu einer Zeit als der Traum von der »autogerechten Stadt« anderswo längst zum Albtraum geworden war. Doch wie beim Umbruch von Totalabriss auf Denkmalschutz so scheint es: In unserer Städte­achse braucht jede positive Weiterentwicklung immer etwas länger. Ob es heute noch mehrheitsfähig wäre, die idyllische Kulisse des alten Ludwigskanals gegen eine aggressive Blechlawine einzu­tauschen muss dahingestellt bleiben. Damals, erst durchsetzbar unter dem Etikett provisorische Baustellenumfahrung für den Bau der U1, wurden jedenfalls Fakten geschaffen, die uns bis heute schwer belasten.

Geschaffen hat man mit diesem Straßenbauvorhaben die Staus zur Zeit des Berufsverkehrs im Bereich »An den Rampen«. Die an und für sich schon der Beweis dafür sind, dass eine Straße als Bypass für die um die Städteachse herumführende Autobahnspinne quer durch die Innenstadtbereiche hindurch so einfach nicht funktionie­ren kann. Stattdessen hat es gerade die CSU geschafft, die als Partei ihren Abschied vom Wahn der autogerechten Stadt wohl bis heute noch nicht so ganz bewerkstelligt hat, diesen fatalen verkehrs­politischen Fehler früherer Zeiten als solchen nicht nur nicht einzugestehen, sondern das Heil in noch größeren, noch teureren Ausbauten der Verkehrsader zu suchen. Und der Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly war rückgratlos genug, sich seine – wohl auch ohne diese Positionierung sichere – Wiederwahl zusätzlich damit gegenüber der CSU abzusichern, dass er die Nürnberger SPD, bis dato entschiedener Gegner der giganto­manischen Pläne, entgegen früherer Wahlversprechen eine 180-Grad-Wende zu Gunsten des Projekts einschlagen ließ.

Soviel zu den geschichtlichen Hintergründen, doch wie schaut dieses Monster konkret aus?

Zunächst ist zu sagen: Ja, eine kreuzungsfreie Röhre unter der Erde wird es geben. Diese wird voll Lkw-tauglich und mangels Maut und einiger Kilometer gewonnener Strecke wird jedes mobile Navi die Blechlawine von der A 3 und A 6 herunter und auf dem Frankenschnellweg an unserer Innenstadt vorbeilotsen. Dass dieser sehr simple Zusammenhang, den die Stadt Nürnberg als Opium fürs Volk wohl selbst über die Stadtgrenze hinweg verkauft, in dem ominösen Verkehrsgutachten nicht auftaucht, wirft mehr ein vielsagendes Licht auf die Prognosefälle und Messdaten des Gutachtens als auf die tatsächlichen zu erwartenden Verkehrsverhältnisse. Denn: »Wer Straßen baut, wird Verkehr ernten!«

Wohl weit mehr als die 400 Millionen Euro, auf die sich der fast monatlich steigende Wert bislang erhöht hat, lässt sich Nürnberg diese Investitionen in den Lkw-Transit kosten. Und die 80-Prozent-Förderung, von der der Fürther Stadtbaurat Krauße vor dem Bauausschuss phantasiert und OB Dr. Jung zu der Mahnung hinreißt, man müsse angesichts der Olympischen Winterspiele in Oberbayern doch glücklich sein, wenn überhaupt Geld in die Region fließe? In Nürnberg ist eine derartige Zahl höchstens als Gerücht geläufig, eine feste Förderzusage des Freistaates gibt es bisher nicht, schon gar nicht in dieser Höhe. Selbst die Münchner haben für ihren Tunnel nur 60 % bekommen, dieser Wert ist wohl als realistischeres Maximum anzunehmen.

Manche der anliegenden Stadtteile wurden mit Lärmschutz­zusagen »gekauft«: Die Stadt Nürnberg hat propagiert, diesen Lärmschutz könnten sie nur haben, wenn der gesamte Frankenschnellweg gebaut würde, weil es sonst keine Förderung gäbe. Logisch suboptimal nur, dass der Eigenanteil am Gesamtprojekt ein x-faches dessen bedeutet, was die Stadt zu investieren hätte, wenn sie nur den Lärmschutz zu 100 % selbst zahlen müsste. Dass die Zu- und Abbringer leistungsfähiger werden und deswegen die Stadtteile erneut schwer belasten werden, das sagt man lieber nicht so laut. Und untersucht das lieber auch im Verkehrsgutachten nicht so genau. Wie diese Verkehrsmasse, die dann reibungsloser als heute über die Rampen fließt, am hoffnungslos vollgestauten Plärrer und Frauentorgraben bewältigt werden soll, darauf hat niemand eine sinnvolle Antwort.

Der Frankenschnellweg löst keine alten Probleme, sondern er schafft neue. Und das in Hülle und Fülle. Jetzt da die Pläne im Zuge des Planfeststellungsverfahrens fertig vorliegen und sich jede Bürgerin und jeder Bürger ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe machen kann, wird es höchste Zeit für einen Widerstand gegen diesen fränkischen Schwabenstreich. Ein Bündnis formiert sich, bestehend aus den Grünen, der ÖDP, dem Bund Naturschutz, mehreren Bürgervereinen und anderen.

Makaber, dass die in Sachen S-Bahn-Schwenk so für den Umweltschutz und gegen Geldverschwendung engagierten Fürther das – abgesehen von den Grünen – bei einem Straßenbauprojekt so gänzlich anders sehen bzw. nicht so genau nehmen. Da hat der Fürther Stadtrat sich nicht nur einen Bärendienst gegenüber den Anwohnern am Frankenschnellweg erwiesen, indem er diesem Projekt seinen Segen gegeben hat, ließ er sich auch ohne Not ein gutes Stück umwelt- und verkehrspolitische Glaubwürdigkeit abkaufen.

 
Der Autor engagiert sich persönlich im Bündnis gegen den Franken­schnellweg. Dieses bietet u. a. unter www.frankenschnellweg-stoppen.de eine Sammeleinwendung an, die Betroffenen die Möglichkeit gibt, gegen den Frankenschnellweg zu unterschreiben – wie er meint auch für Fürther mit Wohnung am Frankenschnellweg eine gute Sache.

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16 Kommentare zu »Franken, schnell weg!«:

  1. Gregor sagt:

    Gibt es Alternativvorschläge oder sollte man alles wie bisher belassen?

  2. Klaus Heller sagt:

    Hier wird ähnlich wie bei Stuttgart 21 versucht mit banalen Aussagen Stimmung zu machen. Wo ist Beispielsweise ein Quellennachweis zu diesem »ominösen Gutachten«? Die Sache mit der Maut ist auch nicht ganz richtig. So ist der Frankenschnellweg ab Stadtgrenze (Doos) mautpflichtig. Die bemän­gelten Stauungen finden bereits heute statt, es verbliebe vielleicht eine Ist-Situation, allerdings würde der Durchgangsverkehr schneller aus der Stadt geleitet und wirkt somit entlastend.

    Zu bemerken ist, bei einem Planfeststellungsverfahren kann man nicht nur einen Blick drauf werfen, sondern auch Einsprüche und Bedenken geltend machen, wenn der Bau die Interessen des Bürgers tangiert. Hiervon sollten besonders Anlieger zahlreich gebrauch machen.

    Die Sammeleinwendung bietet hier schon mehr Informationen über eventuelle Bedenken.

    Aber bitte beide Seiten betrachten: Ausbau Frankenschnellweg

    Also sachlich bleiben. Nur so kann sich jeder eine qualifizierte Meinung bilden.

  3. Doc Bendit sagt:

    Erstaunlich ist, trotz der Einlassung von Klaus Heller, der Umstand, dass sich die Fürther Oberen hier so eindeutig dafür aussprechen obwohl sie keinerlei Nutzen, ja sogar eher Nachteile haben werden. Denn dass der Ausbau mehr Verkehr anzieht steht wohl außer Frage. Warum hat man sich hier den Nürnbergern gegenüber regelrecht angebiedert ? Das werden sich zumindest die Anwohner vom Espan, von Poppenreuth, Ronhof, Kronach, Steinach, Teilen Stadelns und Herboldshof schon fragen.

  4. Klaus Heller sagt:

    Und die sollten ihren Einspruch geltend machen. Für die gibt es keine neuen Lärmschutzwände.

  5. Am besten einfach dagegen sein, weil es vermeintliche neue Probleme schafft (wobei ich diesen Text sowieso nicht ernst nehme, da keinerlei Quellen, egal für welche Zahlen oder gegen welche Zahlen geworben wird, hier enthalten sind). Machen wir doch die A73 ab Erlangen/Fürth dicht, schneiden wir Nürnberg und vor allem Fürth ab und… wir haben keine Probleme mehr. Es lebe die »autofreie« Stadt ;)

    Bei Stuttgart 21 haben die Leute wenigstens noch ein paar stichfeste Argumente gegen den Bau (wobei ich auch dort die Aufregung bzw. das »Herumgetue« langsam lächerlich finde) – beim kreuzungsfreien Umbau des Frankenschnellweg habe ich bisher eher geheule von Menschen gehört, die um dringende Beachtung der Leute an den betroffenen Stellen kämpfen, selbst also nicht mal davon tangiert werden… und auch sonst eher vorauseilend den Untergang des Abendlandes, ‘nee ‘tschuldigung, den Untergang von Nürnberg und vor allem Fürth herbeibeschwören, weil es kann ja nicht besser werden bei der Katastrophe Frankenschnellweg ab Stadtgrenze bis nach den Rampen. Es wird ja ernsthaft nur schlechter, weil ja alle keinerlei Ahnung haben, sämtliche Gutachten von vorne bis hinten erstunken und erlogen sind, ergo das ganze Vorhaben ist eigentlich Teufelswerk.

    Übrigens: Objektive Einmischung, Vorschläge für eine Verbesserung etc. sind ja erwünscht und ich denke, hätte man bei Stuttgart 21 von Anfang an darauf gesetzt (zu viele Emotionen sind keine Argumentation wert) wäre da einiges anders gelaufen. Und auch die Politik hat dort sicher Fehler gemacht.

    Aber wenn jetzt in Nürnberg ein ähnliches Spiel ablaufen wird, statt also auf die Bremse zu treten von den Gegner und die Keule von »Keine Veränderungen, tut nichts, es gibt wichtigeres« herausgeholt wird (oder eben mit anderen Argumenten, die keinen Deut besser sind), fange ich ernsthaft an, die Denkfähigkeit eines Teils der Gesellschaft heutzutage hinterfragen zu müssen – wobei das gelogen ist, ich tue es schon, es geht einfach nicht anders.

    Und nein, der ÖPNV kann nicht die ganze Zeit als die Lösung für ALLE Probleme aufgeführt werden, weil das ist naives, weltfremdes Denken – dann müsste man auch gleich die komplette Stillegung des deutschen, privaten Fuhrparks ansetzen. Dabei sollte man aber bedenken, warum man heutzutage auf Individualität setzt… Das Argument ÖPNV-Ausbau hilft bei keiner Debatte auch nur ansatzweise weiter. Denn soll der »verbessert« werden, ist man gerne wieder dagegen. Und sei es nur mit dem Motto: »Die bauen das doch nur des Prestige wegen!« So ein Schwachsinn…

    Allerdings möchte ich noch kurz einwerfen, dass ich durchaus nicht denke, hier wären die Befürworter dieses Vorhabens fein raus, hätten eine weiße Weste oder sonstiges. Nur kann man dadurch doch nicht gleich ein ganzes Infrastrukturprojekt, welches der Region auch Chancen bietet (die Stelle »An den Rampen« ist wohl kaum einer Metropolregion würdig und für Pendler eine Zumutung), in Frage stellen. Und noch viel besser dessen Durchführung von vornherein verteufeln.

    @Gregor
    Ich habe ja das Gefühl, man solle einfach alles so lassen wie immer, und irgendwann reicht der Stau bis nach Erlangen… aber man kann ja auf den ÖPNV setzen (immer, zu jeder Zeit, egal was man machen muss, und alle die in dem Stau sind, sind ja selbst schuld…). Ja, auch ich kann Emotionen :)
    Ich frage mich gerade, wann das letzte mal das ominöse »Wir lassen alles beim Alten« gut gegangen ist – auf lange Sicht gesehen.

    @Klaus Heller
    Es ist für viele betroffene (Befürworter wie Gegner) immer schwer, sachlich zu bleiben – darum finde ich es immer grausam, wenn nicht nur jeder eine Meinung hat, sondern diese auch noch groß verbreitet wird. Keinem darf die eigene Meinung versagt werden, aber die Medien sollten sich auf die sachliche Ebene beschränken, finde ich. Dann wäre vielen schon geholfen…

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