Ende einer Kaffeefahrt

24. Juni 2010 | von | Kategorie: Der besondere Beitrag

»Principiis obsta sero medicina paratur«
(»Sträube dich gleich zu Beginn; zu spät wird bereitet der Heiltrank.«)
Ovid: »Remedia amoris« (»Die Heilmittel gegen die Liebe«)

Witwentreff

Café Fürst um 1909 (Foto: historisch)

Das berühmte Café Fürst in der Sternstraße hatte seine besten Zeiten Ende der 1970er Jahre schon lange hinter sich. Die Zeiten, als Max Grundig und Ludwig Erhard hier Billard spielten, als Theo Lingen und andere Schauspieler sich hier trafen, sie waren vergangen, übrig waren die verschlissenen roten Kunst­leder­polster, morbider Charme, das Fürst lag in der Agonie.

Eigentlich verkehrten hier nur noch alte Herren zum Schach- oder Kartenspielen und alte Damen mit noch älteren Hüten. Die Jugend spöttelte, im Fürst bringen Fürths Witwen das Geld ihrer Männer durch. Karl Fürst II., der letzte vierer Generationen von Fürst, führte das Café. Er war Konditor, im ersten Stock über dem Café waren die große Rührmaschinen, mit denen Karl Fürst I. den schon roh verlockend riechenden Teig geknetet hatte. Es war ruhig hier, man taxierte gemächlich die Tischnachbarn, konnte den älteren Herrschaften in Nah und Fern zulächeln, mittags bei einem Kaffee, abends beim Wein oder bei einem Hefeweizen.

 
Mobiler sozialer Hilfsdienst

Es war an einem Wintermorgen, irgendjemand ließ wie jeden Morgen lange vor Sonnenaufgang unter dem Fenster der Arbeiterwohlfahrt (AWO)-Zivildienstwohnung in der Hirschenstraße seinen Motor warmlaufen. Die fahle Wintersonne trieb uns dann vollends aus der hellen Nacht in die Dunkelheit des Alltags, bis abends wieder die Kneipen und das Café erwachte und ich in das warme Licht am Tresen eintauchte.

Zivildienst, »Mobiler sozialer Hilfsdienst« hieß der Alltag, eine gute Sache, erst Ende der 70er Jahre ins Leben gerufen, aber mit gravierendem Alltag. Zentimeterdick mit Müll und Hundekot übersähte Wohnungen, Menschen wundgelegen bis zu den Knochen, Einsamkeit in armseligen, dunklen, kalten Zimmern. Alt werden ist nicht schön, alt werden und arm sein ist schlimm. Kein Wunder, dass die alten Leutchen, die ich betreute, mit mir ins Café oder in eine Gaststätte »unter Leut´« wollten, sofern sie die Wohnung überhaupt noch verlassen konnten und genug Geld hatten.

Und so kam ich öfters in das Café Fürst und manchmal ging ich auch nach dem Dienst nicht in meine furchtbar verrauchte und etwas verruchte Stammkneipe Wolfschlucht in der Wilhelmstraße, sondern gelegentlich in das Café Fürst in der Sternstraße, zudem lag es nahe der Zivildienstwohnung im ehemaligen »Haus der Arbeiterbewegung«, Hirschenstraße 24. Auch mein früherer Lehrer »Whiskey Schmidt« aus dem Hardenberg verschlug es mitunter an diesen für jüngere Menschen doch eher ungewöhnlichen Ort, aber er liebte eben das Morbide

 
Ungewöhnlicher Gast

In Gedanken an den menschlichen Verfall betrat ich das Café und erblickte einen für das Café recht ungewöhnlichen Gast, eine gut aussehende »Hippietante« so Mitte 40, nur wenig jünger als meine Mutter damals. Sie war derart behangen mit Tand aus Menschenhand, mit Silberschmuck und farbenfrohen Kleidern, dass mir gleich der Verdacht kam, da will jemand etwas verstecken.

Der etwas melancholisch wirkenden Frau sah man an, dass sie in jeglicher Hinsicht ziemlich viel erlebt hatte und nicht alles wie erhofft verlaufen war, die Spuren hiervon zogen mich an, wie mich Geschichte und Geschichten immer schon anzogen und noch heute anziehen: »Ist hier noch frei?«

Irland (Foto: Alexander Mayer)

Sie bejahte, dabei musterte sie mich kurz von der Seite, kurz, aber doch etwas länger als normal. Wir kamen ins Gespräch, sie vertrieb professionelle Kaffeemaschinen eines württembergischen Herstellers, nebenbei exotische Kaffeesorten, und tingelte durch die Cafés in ganz Europa. Sie war gebürtige Irin: »Eigentlich bin ich eine Tinker«. Was ist ein »Tinker«, fragte ich, das erinnerte mich nur an die Elfe Tinkerbell, die Peter Pan begleitet. Sie lachte: »Elfen höre ich auch manchmal hinter mir kichern… Tinker sind fahrende Händler, in Irland haben sie sogar eine eigene Sprache und fuhren früher mit bunt bemalten Pferdefuhrwerken im Land herum«. Sie sei sogar noch in einem solchen Wagen geboren, und der Name komme von Tin, Zinn, oder sei Lautmalerei, weil die Tinker zumeist Kesselflicker waren, und das machte dann »tink – tink – tink». Kann sein, antwortete ich, in Fürth gibt es die alte Schusterdynastie Thanner, wohl auch eine Lautmalerei.

Wir trafen uns ab diesem Abend immer wieder, vor allem da Karl Fürst von ihr damals eine von uns beiden ganz besonders geschätzte Rarität bezog: Kaffee von der indonesischen Insel Java, eine Delikatesse.

Karl Fürst hatte ihr zudem eine große Kaffeemaschine abgekauft, die ihren Dienst noch bis zum Ende des Fürst 15 Jahre später versehen sollte. Auch deswegen feierte sie einige Monate später einen Geburtstag im Fürst, welchen, das verriet sie nicht. Ein erstes Küsschen, ich streichelte ihr kameradschaftlich über den Rücken, ich merkte, wie sie bebte. Seitdem gab es bei jedem Treffen Küsschen, die bald anregender waren als selbst der Kaffee aus Java, ja süßer noch als Karl Fürsts zumeist reichlich süßer Kuchen.

Einige Wochen später bereitete sie eine längere Geschäftsreise durch Europa vor und wir tranken unseren Kaffee im Café Fürst. Ich sagte zu ihr, sie solle nur wiederkommen und nicht in der Ferne bleiben, das Gute liegt so nah, gab ihr zum Abschied ein, zwei Küsse auf die Backe und dann gab es plötzlich einen richtigen Kuss… wir stoben erschrocken auseinander.

 
Beuteschema

Galway Pub (Foto: Alexander Mayer)

Es kam ein Brief aus Lissabon, aus dem Café A Brasileira am Largo do Chiado, wo auch der portugiesische Nationaldichter Fernando Pessoa seine Zeilen schrieb, der Dichter, der sich für sein Werk in so beispielloser Konsequenz dem Alkohol auslieferte… Bei einem Garato schrieb sie, wie sehr sie an mich gedacht habe, sie schrieb von dem Feuer, vor dem sie Angst hatte, Angst, dass es sie verzehre, dass sie für ein paar Tage Pause mache und sich an einem einsamen Strand an der Algarve zurückziehe, dann wäre erst einmal Funkstille und das wäre gut so… Ich verstand nicht alles so, schrieb trotzdem zurück »Funkstille? Ich spüre Deine Gedanken…«.

Endlich kam nach gut einer Woche wieder eine Antwort, aus Madrid, sie saß auf den durchgesessenen, samtroten, von Brandflecken gezeichneten Polstern im Café Gijon an der Paseo de Recoletos und trank einen Café Exprés con Nata: »Ich würde dir gerne noch so viel erzählen, so viel Liebes ´rüberschicken. Ach ja, ich bin ein absoluter Liebes-Schisser geworden, macht mir alles etwas Angst, fühlt sich aber wunderschön an.«

Und es kamen Worte, die meinen jugendlichen Verstand weiter verwirrten, aus Barcelona, sie saß hinter der Jugendstilfassade des Bar-Restaurants Carrers bei einem Café en Vaso de Caña: »Ich weiß nicht, was Du Dir wünscht, von mir erwartest. Ich kann Dir nur sagen was ich erwarte. Nichts. Noch nichts. Ist noch zu früh«.

Ich dachte: Was will diese Frau eigentlich? Ich saß im Café Fürst, wartete bis sich der Kaffee von der Vulkaninsel auf den Boden absetzte und antwortete dann unter anderem: »Was ich genau erwarte, weiß ich auch nicht, aber jedenfalls nicht ‚Nichts‘ wie Du.«

Sie schrieb aus dem Pariser Café de la Paix bei einem Ristretto, dass weder ich in ihr, noch sie in mein »Beuteschema« passen würden, dass sie zu alt sei und nicht einmal Abitur habe. Mich nervte das Hin und Her und antwortete sarkastisch, dass ich ein paar Tage mit einer Abiturientin aus meinem Jahrgang in Berlin eine Ausstellung anschaue und diese Frau natürlich eher in mein »Beuteschema« passe als eine Hippie-Globetrotterin.

Die Antwort kam aus der Café-Bar La Petit Renaissance in der Boulevard Ornano, wo sie vor einem Café Nature saß: »Ich wünsche Dir eine gute Reise mit Deinem Beuteschema. Ansonsten sorry, wenn ich Dir mit meinen ‚Nur-Nichts-Erwarten‘ auf den Fuß getreten bin. Ist so etwas wie ein Selbstschutz. Wer nichts erwartet, kann nicht enttäuscht werden. Da kommt wieder der Schisser in mir durch. Für Dich würde ich sogar das Abi nachholen.«

 
Von der Gout´n Becki zum Fensterguckerl

Ich war zur Abwechslung in der Königstraße, in der »Gout´n Becki« buk Georg Schmelzer sein Brot und seinen Kuchen. Die Schmelzers waren fast so lange wie die Familie Fürst eine Institution in Fürth, schon seit 1890 betrieb die Familie diese Bäckerei. Das Haus war ein Kuriosum an verwinkelten Treppen, Zimmer und Zimmerchen kreuz und quer… in einem dieser eigenartigen Zimmerchen war 1808 Wilhelm Löhe geboren worden, der »Vater der fränkischen Diakonissen«. Im Verkaufsraum lag wohl seit Jahrzehnten eine dicke Glasscheibe über den Tresen, satiniertes Glas hätte man meinen können – nein, es war nur so zerkratzt von den darauf geworfenen Geldstücken.

Leider war das Café neben dem Verkaufsraum schon lange geschlossen, nach einem wehmütigen Seitenblick ging ich weiter zur Bäckerei Moreth. Hans Moreth hatte 1967 die Bäckerei Schmerler durch »Einheirat« übernommen, zuvor führte er das elterliche Geschäft in Ronhof weiter, fuhr bis 1966 das Brot mit dem Pferdewagen aus. Hier gab es nun zur Weihnachtszeit nicht weniger als 30 verschiedene Sorten Gebäck und vieles andere mehr, vor allem noch die kleinen schweren Brötchen, die schon damals im Verschwinden begriffen waren und durch Backtriebmittel aufgeblasene Einheitsware zunehmend ersetzt wurden. Mit einer Tüte Gebäck fuhr ich mit dem Fahrrad weiter am Jüdischen Friedhof und am Berolzheimerianum vorbei, unter die Unterführung durch, bis ich endlich unter dem Café Fenstergucker stand, früher als »ABC« bekannt: »A…backencafé«.

 
Die Welle

Ein Platz am Fenster war frei, ich konnte die Kreuzung unter mir genauso überblicken wie vor mir auf der Eisenbahnbrücke den regen Bahnverkehr, Dampfloks waren keine mehr dabei, die waren in den 60ern zunächst im Personenverkehr, dann auch im Güterverkehr verschwunden. Der Kaffee hier war gut, wenn auch nicht herausragend, hier verkehrten in den 60ern eher die jüngeren Leute, aber Ende der 70er war nicht mehr viel los. Was wünschte ich mir von meiner »Hippietante«, ich schrieb dies und jenes, zusammenfassend: »Ich wünsche mir eine wunderschöne Liebesaffäre.« Zu mehr sah ich keine Möglichkeit oder genauer: keine Notwendigkeit. Geschrieben und auf die Post gegeben, postlagernd nach Verona. Ich machte mich auf dem Weg zum nahen Bahnhof, über das Wochenende nach Berlin, der Stadt, die ganz anders war, aber deren Arbeiterviertel und vor allem Kreuzberg in vielem Fürth ähnelten.

Irischer Hafen (Foto: Alexander Mayer)

Sie antwortete aus dem liebenswerten Chaos des Café Tubino in Verona, einen Café Panna vor sich: »Diesen freien Tag habe ich mir für meine Gefühle, Gedanken, Ängste und meiner Liebe gewidmet. Ich habe mich in mein sonnendurchflutetes Zimmer gelegt, und in mich gehorcht… alle Ecken und Winkel durchstöbert, alle Schubladen aufgezogen und selbst die letzte dunkle Nische beleuchtet… habe überall Licht und Liebe hineingelassen. Ich bin so voll Liebe zu Dir… Wow. Jede Zelle von mir ist erfüllt. Eine große warme Welle ist durch meinen Körper geschwabbt, hat sich durch mich gewebt und lebt. Dieses Gefühl hat die Erde umschlossen und ist weiter bis in die Unendlichkeit. Meine Liebe hat sich nicht nur mit Dir verschmolzen, sondern ist über alle Grenzen hinaus. Sie ist unglaublich stark. Das war heute, bevor ich Deinen Brief gelesen habe. Ich weiß nicht, ob da nur eine Liebesaffäre ausreicht. Es bestätigt meine Ängste, dass ich mehr verlangen könnte. Ich will jemanden an meiner Seite, der es dann auch ernst meint, und nicht nur für heute und vielleicht morgen. Ich hatte immer nur Männer, die sich vor Verantwortung gedrückt haben. Kühlschrankhocker nenne ich sie. Den ganzen Tag nur vor meinen Kühlschrank hocken, kiffen, nicht arbeiten und keine Stütze sein. Sie haben mich ausgesaugt, meine Kräfte genommen. Deswegen wollte ich mich nicht wieder öffnen, bis Du aufgetaucht bist. Ich habe mich lange gewehrt. Meine Gefühle zu Dir sind ja auch schon länger vorhanden. Liebesaffären sind wie ein Windhauch. Ich will nicht eingeengt sein, aber ich will mich auf jemanden verlassen. Ich brauche eine Stütze. Sorry, bin nicht nur ein Schisser sondern auch ein Dussel. Ich kann nicht mehr schreiben, meine Gefühle gehen mit mir durch.«

 
Einstein und seine Mischung

Später, viel später bewunderte ich die Poesie und die Tragik des Briefes, aber damals verstand ich nicht, vom Café Einstein in Berlin bei einem Einspänner mit der speziellen Einstein Röstung Torrefazione Tri Caffè Agliana antwortete ich: »Also das ärgert mich jetzt aber schon. Erst betonst Du, dass Du nichts erwartest, ein paar Tage später willst Du alles sofort vom ersten Augenblick an. Und für Deine Vergleiche mit Kiffern und Kühlschrank­hockern habe ich Dir meines Wissens keinen Anlass gegeben. Ich denke fast jede Minute an dich und dann so was…«.

Ich war verliebt in sie, aber ich war jetzt völlig überfordert. Ich schrieb am nächsten Morgen ziemlich grob einen zweiten Brief aus der Paris-Bar in der Berliner Kantstraße: »Ich brauche endlich wieder einen klaren Kopf und ich muss endlich wieder einigermaßen schlafen. Ich kann mir diese sinnlose Verliebtheit einfach nicht leisten. Ich kann nicht Hals über Kopf meine Stadt und alles sonst verlassen, noch dazu für jemanden, der alle paar Tage seine Meinung über eine eventuelle Beziehung vollständig ändert. Im Übrigen passe ich auch nicht in Dein Beuteschema, ich will nicht Teil Deiner Trophäensammlung sein. Wir passen einfach nicht zusammen.«

Sie saß im barocken Kaffeehaussaal des Turiner Caffè Platti an der Corso Emanuele vor einem Caffe Freddo und schrieb: »Du brauchst Dich nicht zu ärgern. Die Kühlschrankhocker und Kiffer habe ich nicht mit Dir verglichen! Ganz im Gegenteil. Ich bin ja froh, dass Du da ganz aus dem Rahmen fällst, sonst hätte ich mich auch nicht in Dich verliebt… Sorry, dass meine Gefühle mich gestern überrannt haben. Bin recht verwirrt. Sollte an solchen Tagen gar nicht schreiben und warten bis ich alles wieder sortiert habe… oder sollte besser gar nicht schreiben. Bin in solchen Dingen nicht so gut. Und rate mal, an wen ich fast jede Minute denke?« – Zu diesem Zeitpunkt hatte sie offensichtlich meinen Brief aus der Berliner Paris-Bar noch nicht gelesen.

 
Die Gasse des Pfarrers

Haus Seamist (Foto: Alexander Mayer)

Ich komme in Fürth am vergammelten Hauptbahnhof an, grauer Montagmorgen, gehe in die alte Post mit ihren damals noch wunderschönen, holzgeschnitzten Schaltern, bald sollte sie abgerissen werden, hole den Brief ab, er kam vom Artico Cafè Greco in Rom, Via Condotti 86 nahe der Piazza di Spagna, wo vor ihr schon Goethe, Casanova, Baudelaire, Schopenhauer, Franz Liszt, Mendelssohn, Wagner und Nietzsche verkehrt und Briefe geschrieben hatten.

Ich gehe zur Straßenbahnschleife am damals noch schönen Bahnhofsplatz, noch fährt die Straßenbahn, am 21. Juni 1981 wird sie in Fürth stillgelegt werden. Einsteigen, Umsteigen gleich an der Freiheit in die 7er Richtung Billinganlage, Fahrt durch die Rudolf-Breitscheid-Straße und die Schwabacher Straße, Aussteigen am Grünen Markt, ich laufe ziellos los, die Königstraße hoch, durch den Durchgang zu dem uralten, winzigen Platz mit seinen Fachwerk- und Sandsteinhäusern, fünf Jahre später auf den Namen Waagplatz getauft, über das Kopfsteinpflaster zur Gustavstraße, von dort zum Kirchenplatz. Das Altstadtviertel St. Michael, ein Dorf in der Großstadt, die Kirche, die kleine Schule, alles wie immer, großes Hallo, der Rektor begrüßt wie jeden Morgen alle Kinder, kennt jedes mit dem Vornamen. Es war nichts gewesen, es war alles nur ein böser Traum gewesen, in dem eine ganz kurze schöne Geschichte eingepackt war….

Ich laufe die enge Pfarrgasse zwischen den alten Sandsteinmauern, blicke hoch zum Storchenschlot, die Störche sind irgendwo in Afrika, Glatteis, kalter Atem, vor mir geht die Treppe hinunter zur Fischergasse, ich bleibe stehen in der engen Gasse, nehme den Brief heraus, verdammt, irgendwann muss ich ihn ja doch lesen, ich öffne und lese: »Sorry, mein Feuer ist mit mir durchgegangen, es war wohl eine ganz bittere Bohne in meinem Kaffee, ich übe noch mit der Geduld, nächsten Dienstag Frühstück im Fürst?! Ich liebe Dich trotzdem. Eine Chance bitte. Sei fair, ich kann nicht mehr arbeiten, mein Herz blutet…«

Sie lernte ein Jahr später auf ihren Kaffeefahrten einen Mann kennen, der in ihr »Beuteschema« passte und erzählte daraufhin im Café Fürst jedem, der es wissen wollte oder auch nicht, sie sei »verliebt wie seit 21 Jahren nicht mehr« – ein früherer Schulbanknachbar berichtete es mir an meinem 20. Geburtstag… und auch das Café Fürst wurde abgerissen.

Waren die Poesie, die Liebesschwüre, die ich noch lange mit mir herumtrug, waren sie nur irgendwo abgeschrieben? – Wie andere, von mir selbst kopierte Zeilen, die ich fast immer mit mir herumtrage: »Werd´ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst Du mich in Fesseln schlagen….«

Schlimmer noch: Was wollte mir das Schicksal damit sagen, dass ich viele Jahre später haargenau denselben desillusionierenden Satz in einer ähnlichen Situation noch einmal hörte?

Wie albern dieses uralte Spiel doch ist!?

 
Der verbrannte Brief

In der Hirschenstraße 24 tobte wieder einmal eine Ausstandsfete, der zu verabschiedende Zivi hatte eine Vorliebe für weißen Rum, obwohl er davon immer beängstigende rote Äderchen in den Augen bekam. Als die Feier fortgeschritten war, drückte er mir einen Umschlag in die Hand: »Da, ein Brief für dich, kam gestern oder so.« Ich nahm ihn, las etwas benebelt den Absender: »Tinkerbell, Bewley´s Oriental Cafe, Grafton Street 78, Dublin«. Ich riss ihn auf, las und warf den Brief in den Kohleofen. Am nächsten Tag konnte ich mich an kein Wort mehr erinnern, ich stocherte im Ofen, aber es war kein Fetzen übrig. Nur der Umschlag mit der Adresse lag noch zerknüllt im Chaos… Lange Zeit hob ich ihn auf, den Umschlag, dreißig Jahre lang.

Dann, eben gerade mal dreißig Jahre später, folgte ich dem Absender auf dem vergilbten Umschlag und saß schließlich im besagten Bewley´s Oriental Cafe, und ich roch ihn: unseren Kaffee aus Java. Ich trank zwei Tassen und fragte, wer die Bohnen importiere. Die werden von einer älteren Dame geliefert, die in einem kleinen Ort in Connemara einen Großhandel, ein kleines Hotel und ein Café betreibe. Ich durchquerte nonstop die grüne Insel von der Ost- zur Westküste, im Radio lief Steve Earles Song »Galway Girl«, damals wochenlang die Nummer eins in den irischen Charts: »And I ask you, friend, what’s a fella to do, ‚cause her hair was black and her eyes were blue. So I took her hand and I gave her a twirl and I lost my heart to a Galway girl. – When I woke up I was alone, with a broken heart and a ticket home«

Stunden später stand ich vor dem wunderschönen alten Hotel, House Seamist (»Meeresnebel«), ganz von Blumen umrankt wie ein verzaubertes Schloss. Das nahegelegene Café war dagegen eher modern, aber im Schaufenster stand er, der beste Kaffee der Welt, 25 Goldmedaillen. Ich setzte mich in das Café am verregneten Hafen, sie saß am Nebentisch bei einem Kaffee und rechnete ihre Bilanzen: Lohnt es sich, lohnt es sich nicht? Sie erkannte mich nicht, vielleicht hat sie mich vertieft in ihre Bilanzen gar nicht wirklich gesehen. Ich fragte sie in Gedanken »Dear lady, can you hear the wind blow, and did you know your stairway lies on the whispering wind?« und lächelte spöttisch in mich hinein: Offensichtlich hänge ich nicht über dem Kamin als Beutetrophäe, dafür hat es nicht gereicht… Gott sei Dank.

Die Gustavstraße in Fürth (Foto: Alexander Mayer)

 
Heute…

… sitze ich im Café Michaelis, trinke Latte macchiato, manchmal weht dazu ein Hauch süßlicher Sandelholzduft vom Nachbarladen herüber, oder ich sitze vor dem Café »Die Bar« auf der Gustavstraße, schaue die schönen Häuser an, beobachte den Storch einsegeln und trinke dort den duftenden Capuccino, male in Gedanken, träume und schreibe der Wirklichkeit entgegen, die ganz klar hinter dem trüben Schein der Dinge liegt.

Wer sich selbst hier nicht findet, der findet sich auch nirgendwo sonst in der großen weiten Welt.

 
Dr. Alexander Mayer ist ehrenamtlicher Stadtheimatpfleger in Fürth.

Stichworte: , , , ,

Ein Kommentar zu »Ende einer Kaffeefahrt«:

  1. Da ich zu meiner großen Überraschung mehrfach (!) auf der (Gustav-) Straße ziemlich direkt und fast schon indiskret nach den Tatsachen hinter der Kaffeefahrt angesprochen wurde, sei die Frage wie folgt beantwortet: Die Geschichte ist zu 98 Prozent wahr, nur habe ich zwei Geschichten zu einer ge­macht. Die beiden Geschichten haben nur einen Verbindungspunkt, und der steht in der Geschichte. Mehr wird keinesfalls verraten.

Kommentar-Feed RSS-Feed für Kommentare nur zu diesem Beitrag

Kommentar abgeben: